Spee erhob sich, segnete jedes Kind und schied. Vor der geschlossenen Kerkertüre blieb er stehen, lehnte das Haupt an die feuchte Wand und weinte.

Der alte Kerkermeister stand in einer Ecke, auf den Pater wartend. Ihm gingen Herz und Augen über, als er des Jesuiten Schmerz und Tränen sah.

»Das ist eine Liebe,« sprach er zu sich selbst, indes sein Auge an dem Priester hing, »die treuen Schrittes mit dem Elend geht. Was zwingt den Mann, Tag um Tag die Kerker heimzusuchen, als seine große Liebe! Möchte wissen, welchen reichen Erdenlohn ein anderer heischte, müßte er gleich unserem Spee solch traurigen Amtes walten! Er ist doch wohl der einzige und letzte Trost, der unseren Hexen wird; denn hätten sie den Pater nicht, sie verzweifelten an Gott! Mit diesem Jesuiten leben, wäre wohl nicht süß, aber mit ihm sterben, müßte herrlich sein. Denn wenn solche Liebe nicht den ganzen vollen Himmelslohn erkämpft, dann gibt es keinen Herrgott! — Ei, was schwatz' ich da an mich selbst hin! — Pater Spee, laßt euer Weinen! Ihr werdet sonst noch krank, und dann sind meine armen Gefangenen erst recht übel daran! Kommt mit mir! Im unteren Loche sitzt böse Gesellschaft; versucht auch an ihr Euer Wort; ich fürchte aber, Ihr erntet schlechten Dank!«

Spee folgte dem Alten in ein schauriges Verließ. Der Kerkermeister stellte seine Öllampe auf einen Stein. Das trübe Licht wollte in der dumpfen Luft schier erlöschen und warf kaum so viel Schein, um die auf dem Stroh gelagerten Personen erkennen zu können.

In einem Winkel kauerte Helena und die Schenkwirtin vom Waldhause bei Hettstadt. Auf der andern Seite saßen, an die Wand gefesselt, der Zuckerwastl, der Pappenheimer und der Neunaugen. Die drei Gesellen schauten wilden Auges auf, als sich die Türe ihres Kerkers öffnete; als sie aber den Priester eintreten sahen, blickten sie voll Trotz zu Boden und ließen den frommen Gruß des Paters unerwidert. Spee segnete die Gefangenen, doch keiner bezeichnete sich mit dem Kreuze; höhnisch lachte dazu der Zuckerwastl und geistlos stierte der Neunaugen.

Der Jesuit fragte teilnahmsvoll nach dem Zustande der Gefangenen, deren Schuld ihm bekannt war. Er baute auf der Schuld das Glück der Sühne auf und zeigte, daß auch der bösen Tat die hoffnungsfrohe Zukunft nicht fehle, wenn die Reue des Menschen Herz vom Bösen abwendet.

»Haha, Ihr macht mich lachen,« spottete der Zuckerwastl, »Ihr plaudert da von Reue und von Sühne. Mich reut auf Erden gar nichts, als der Wein, den ich nicht getrunken, und das Geld, das ich nicht gestohlen.«

»Und deine Seele?« fragte Spee mit Nachdruck

»Weiß ich denn, ob ich überhaupt eine solche habe? Ihr Herren, ja, ihr könnt prächtig predigen! Ihr sitzt in gutem Leben und im Überfluß. Wir armen Tropfen sollen uns mit einer Seele trösten, die doch am Ende zum Teufel fährt. Laßt mich in Ruhe! Ich will von euerem frommen Geplauder nichts wissen. Wenn mich die Raben draußen am Galgen fressen, so ist's mir einerlei. Denn Seele habe ich doch keine.«