Der Jesuit sah in tiefer Trauer auf den Verstockten.
»Verzeih',« sprach er, »ich wollte dir nicht lästig sein. Laß uns von anderem reden! Willst du mir wohl aus deinem Leben etwas erzählen? Dir kürzt das die Zeit, und ich lausche gerne deiner Rede.«
»Meinetwegen,« gab der Zuckerwastl etwas freundlicher zurück, »plaudern wir eins; nur laßt alles fromme Zeug aus unserer Unterhaltung. Ich will euch einmal ein volles Gaunerleben schauen lassen. 's ist wahr, es hat gar oft an Rad und Galgen hart angestreift, aber der Zuckerwastl war stets klüger als die weisen Herren vom Rate. Wäre es möglich, daß ein Mensch als wilde Frucht vom Baume fällt, so wäre es wohl bei mir geschehen. Von Eltern weiß ich nichts. Ich hätte ihnen wahrscheinlich auch nur wenig Freude gemacht. Ein Bauernweib fand mich eines Morgens vor der Haustüre und zog mich mit ihren Kindern auf. Gibt es einen Herrgott und hat sie damit ein gutes Werk getan, so soll sie dafür gesegnet sein. Gelernt habe ich gar nichts,« fuhr er lachend weiter; »ich glaube nicht, daß je ein Menschenhirn weniger von Weisheit, Schulmeisterei und Katechismus heimgesucht worden ist, als das meine. Ist nicht schade darum; gibt gelehrte Leute genug, die die Welt verkehren und verderben. Als ich anfing, Kraft in meinen Knochen und Witz in meinem Gehirne zu verspüren, entlief ich meinen Pflegeeltern und flog wie ein Vogel in die weite, prächtige Welt. Der Wald war mein Haus und der Himmel mein Dach. Unter jedem rauchenden Schornsteine ward für mich gekocht, denn jeder gab mir gerne, um meiner wieder ledig zu werden. Den Gerichten ging ich scheu aus dem Wege, aber unter dem Galgen schlief ich so herrlich wie ein König in seinem Seidenbette. Gestohlen — ihr reichen Herren nennt das Nehmen bei uns stehlen — gestohlen habe ich nach guter Gelegenheit, und diese ergab sich schier alle Tage; zuweilen habe ich auch ein wenig gemordet. Anfangs wollte es mir so eigen da drinnen werden, wenn ich das fließende Blut und die brechenden Augen sah. Da schrie es in mir: es gibt einen Gott und eine Gerechtigkeit, eine Strafe und eine Hölle.«
Der Erzähler machte hier eine Pause, kreuzte die Arme über die Knie und ließ das Haupt auf die Brust herabsinken. Es mochten wohl schreckliche Bilder der Vergangenheit in seiner Seele aufgestiegen sein, denn in seinem Angesichte spiegelten sich Ekel, Schmerz und Entsetzen.
Spee legte leise seine Hand auf den Arm des Verbrechers.
»Du bist so ernst,« sprach er mit dem Ausdrucke teilnehmender Liebe. »Was ist es, das deine Seele drückt?«
»Also meint Ihr gewiß, ich hätte eine unsterbliche Seele?« fragte der Zuckerwastl mit einem stechenden Blicke nach dem Pater.
»Ja.«
»Wie bestimmt Ihr das saget!« murmelte er und schüttelte den Kopf. — »Mit einer unsterblichen Seele müßte ich in eine Ewigkeit hinüber und vor einen Richter, der Gott ist. Nein, nein, das glaube ich nicht! — Ich mag nicht,« grollte er mit leiser Stimme fort, »ich mag nicht glauben, nein, es darf keinen Herrgott geben! He, was meint ihr dahinten,« rief er, den Kopf nach seinen Mitgefangenen wendend, »hat der Pater recht und gibt es einen Herrgott?«
»Wahrscheinlich,« unterbrach der Neunaugen sein dumpfes Brüten.