»Und ich glaube gewiß, daß es einen Herrgott gibt,« sprach Helena und stützte das Haupt auf die Hand, um den Schmerz, der aus der Tiefe der Seele auf die Oberfläche des Antlitzes trat, zu verbergen.

Spee hatte den Rosenkranz von seinem Gürtel gelöst und legte ihn mit dem daran befindlichen Kreuze in die Hand des Zuckerwastl.

Ein leises Zittern durchbebte für einen Augenblick seine Glieder. Sein Auge aber haftete mit einer durchbohrenden Kraft auf dem Bilde des Gekreuzigten.

»Es war um Weihnachten,« begann er in halblautem Selbstgespräche, »als ich mit drei Gesellen durch den Bayerischen Wald zog. Frost und Hunger quälten uns, und an den Türen der Menschen fanden wir karge Gaben und feindselige Worte. Ich sah, wie der Hofhund aus voller Schüssel fraß, und biß mit steigendem Grimme in die gefrorenen Brotrinden, die ich in meinem Schnappsacke trug. Und mit dem kalten, harten Brote aß ich heißen Zorn und Haß in mich hinein und ich schwur mir selbst, der erste Mensch, der mir des Weges käme, sollte sterben. Ich war so voll des wildesten Grimmes, daß ich schier vor mir selber Furcht empfand. Dicht fiel der Schnee vom Himmel, eisigkalter Frost schüttelte mir die starren Glieder, nur im Herzen kochte und brandete es, als säße der Teufel drinnen. Wir mochten etwa eine Stunde gegangen sein, der Wald fing an sich zu lichten und Glockengeläute drang zu uns herüber. Da trat an der Biegung des Weges uns ein junges Weib entgegen, einen Säugling auf den Armen tragend. In meiner Wut sprang ich mit gezücktem Messer auf sie zu, um sie zu morden; doch einer meiner Gesellen hielt mir den Arm. — Tu's nicht, 's ist eine junge Mutter! — Ich sah sie an. Sie lag auf ihren Knien, das Kind verzweiflungsvoll an ihre Brust gedrückt, und ihre Augen schauten so bittend zu mir auf, daß mir noch heute alle Sinne schwinden. — O schone meiner um des Kindes willen! rief sie flehend — es war ihr letztes Wort.«

»Hoch auf spritzte das Blut und rötete den Schnee. Da lag sie sterbend, das Kind noch an sich drückend, und indes ihr brechendes Auge mir bis zum Grunde meines Herzens drang, rief sie mit der letzten Kraft ihrer Stimme: Gott sei dir gnädig, du Mörder, wenn ich dich einst vor seinen Richterstuhl fordere.«

»Das Wort konnt' ich nicht ertragen. Ein zweiter Stoß, in blinder Wut geführt, durchbohrt ihr Kind. Pater, Pater, das war ein grauses Schauen, als der Mutter Blut mit dem des Kindes sich vereinte und niederträufelnd den Schnee auffraß, daß sich das Moos mit roten Perlen färbte. Das Messer war meiner Hand entfallen, und mit verschränkten Armen stand ich da, um glühenden Auges den Tod zu schauen, der sich zu beiden niederneigte. Das Kind am Herzen starb die Mutter, und ihr verglastes Auge hing noch fest mit seinem letzten Blicke auf mir. Ich war dem Wahnsinn nahe. Du bist ein Teufel! rief's in mir. — So sei's! Ich will ein Teufel sein, da ich kein Mensch mehr bin. Ich nahm das Kind aus starrem Mutterarme und trug es fort mit mir. Vor dem Dorfe stand ein offener Backofen. Dort verbrannte ich das tote Würmlein zu Asche, nahm diese und die abgehauenen Händchen mit mir und ging hinein ins Dorf.«

»Meine Gesellen hatten mich längst verlassen; ich glaube, es graute ihnen vor dem Muttermörder. Allein, in finsterm Grolle dahinbrütend, brachte ich die Nacht in einer Scheune zu. So arg der Hunger mich auch quälte, ich achtete seiner nicht. Mich quälte mehr als alles jenes jungen Weibes Wort: Gott sei dir gnädig, du Mörder, wenn ich dich einst vor seinen Richterstuhl fordere.«

»Christnacht war's, als ich mit meiner Qual allein in jener Scheuer schlaflos lag. Der Klang der Glocken drang wie Friedensbotschaft durch die sternenhelle Nacht. Ich habe viel erzählen hören von jener Seligkeit, die in der Christnacht über alle Menschen komme, und wenn ich solcher Märe lauschte, ward ich wie ein Kind. Da war ich glücklich, wenn auch nur für Augenblicke; aber glücklich war ich doch, ich sag's mit Stolz. Auch damals dämmerte durch all mein Elend wieder jene süße Friedensbotschaft wie mildes Sternenlicht durch dichte, finstere Nacht, ich fing schon an, die brennende Träne in dem Auge zu fühlen, da trugen die Kirchengänger des Weibes Leiche, die sie auf dem Kirchengange gefunden, hart an mir vorüber, die einen weinten, andere aber fluchten auf den Mörder, und wieder stiegen Schmerz und Grimm in meinem Herzen auf. Ich eilte fort aus dem Verstecke, quer über Au und Feld, bis ich zum Tod ermattet niedersank. Da war's ein Weib mit einem Kinde, das mir Labung reichte. Ich dankte nicht. Hätte die Not mir nicht die letzte Kraft gebunden gehabt, ich hätte ihr Erbarmen nicht ertragen.«

»Mein weiterer Lebenslauf war wild wie Teufelsleben. Ich log den Bauern vor, ich stünde mit dem bösen Geist im Bunde. Und jeder glaubte mir; und hätte ich gar gesagt, ich sei der Böse selbst, sie hätten es mir nicht widersprochen. Warum auch? War ich doch dem Satan gleich voll Menschenhaß und Wut und böser Tat. Ich trug den Teufelswahn landauf, landab, half Hexen schaffen in der Bauern und in der Richter dummen Köpfen, und trieb selbst Hokuspokus in des Satans Namen, daß den Leuten fast die Haare zu Berge standen. Geld gab's genug; was half's? Ich trank den besten Wein und glaubte Gift zu schlürfen; und was ich aß, das roch nach frischen Leichen; und sah ich eine Mutter, so schrie es in mir — Gericht!«

Er vergrub sein Angesicht in beide Hände und drückte dabei den Rosenkranz mit dem Kreuze fest an seine Lippen.