»An Eurer Hand läßt sich's zu Gott wohl wiederkehren,« antworteten der Pappenheimer und Helena.
»Ich möchte schlafen, laßt mich!« murrte der Neunaugen und streckte sich gähnend aufs Stroh.
10. Kapitel: Elsa und Edeltraut vor den
Richtern
Elsa und Edeltraut waren zwei Treppen hoch in einem engen Gemache des Schneidturmes untergebracht worden. Im Gegensatze zu den gräßlichen Räumen, in denen die anderen Hexen und Zauberer gefangen lagen, war die Lage der beiden Mädchen immerhin noch eine erträgliche zu nennen. Die Wände waren getüncht, durch das stark vergitterte Fenster floß das Tageslicht ungebrochen herein, das Lager bestand nicht aus verfaultem Stroh — es war also doch einige Milderung der für so hoch angesehene Jungfrauen immer noch schrecklichen Verhältnisse eingeräumt, die allerdings weniger auf Rechnung der gestrengen Richter, die bekanntlich mehr Kopf als Herz und manchmal keines von beiden hatten, als auf die Gutmütigkeit des alten Kerkermeisters zu setzen war.
Die Sonne spielte mit ihrem Lichte auf dem Boden des Gefängnisses, als wollte sie die Gedanken der Gefangenen mit ihren goldenen Lichtfäden hinauslocken in die freie, herrliche Gotteswelt, hinaus in den Wald mit seinen laubreichen Hallen und efeuumschlungenen Säulen und seinen duftenden Kelchen und glühenden Beeren auf schwellendem Moose.
Edeltraut sah mit bitterem Auge dem tanzenden Sonnenstrahle zu. Ihre Lippen waren zusammengepreßt, ihr Angesicht widerstrahlte ein tiefverwundetes Gemüt. Stolz stand sie inmitten des Gemaches, eine Königin im Kerker. Das volle blaue Auge blickte mit brennender Sehnsucht nach der Freiheit, die durch die kalten Eisenstäbe mit Himmelsbläue in den Kerker grüßte. In des Fensters Außennische saß eine Schwalbe und bog das Köpfchen voll Mitleid nach der armen Maid da drinnen, daß sie nicht auch gleich ihr in voller Lust der Freiheit Freuden trinken könne.
»Elsa!« rief Edeltraut.
»Schwester,« antwortete das blinde Mädchen, das Haupt langsam erhebend, »deine Stimme ist so scharf und dein Herz noch nicht im Frieden.«