»Nein! Sage mir, wann kommt denn endlich über deine Lippen der Klage bitterer Laut? Bin ich es allein, welche ihrem Schmerze Worte leiht und welche die Sprache der getretenen Ehre führt? Indes ich zürnend meinem Schicksal und meinen Quälern grolle und über den Wahn und die Bosheit jener Menschen klage, welche dich und mich an diesen Ort der Schmach gezerrt; indes meine Seele gleich dem Meere stürmt und brandet und hohe Wellen schlägt; und während über meiner Seele ein düsterer, sternenloser Himmel brütet: bist du der Ruhe voll und gleich dem Spiegel des stillen Sees in tiefem Tannengrund, den nicht der Sturm erregt und der keine Woge schlägt. Du bist wie eine Blume, welche aus der Flut der Wetter sich ihren Demant bricht und ihn als lieben Schmuck in ihrem Kelche wiegt.«
»Ich klage nicht,« gab Elsa mild zurück. »Glaube nicht, daß nicht auch hier an dieses Herz das Leid mit unbarmherzigem Finger pocht; glaube nicht, daß nicht auch mir die Seele blutet, wenn ich meines armen Vaters gedenke. Treu seiner Liebe ging er an meiner Seite, als sie mich zum Gefängnisse führten. Doch an der Schwelle, welche die Freiheit von dem Kerker scheidet, mußte er mich verlassen. Sein Wort war damals arm und doch so endlos reich. »Mein armer Engel, Gott mit dir! Mir bricht das Herz!« So sprach er und gab mir eine große, volle Träne zum Geleite ins Gefängnis. Nun sitzt er einsam in der Stube und sucht die blinde Elsa und die kleine Irma und kann sie nur dann finden, wenn sein Gedanke sich zu Schmach und Kerker wendet. Schmucklos ist die stolze Eiche geworden. Die Krone brach, als meine Mutter starb. Und nun sinkt Ast um Ast vom lebensmüden Stamme, und an dem Marke nagt der Wurm des Harmes und des Todes. Und ich kann ihn nicht trösten! Siehe, süßes Herz, du liebe Blume du, sieh, das ist Leid, dem kein Wort genügend Ausdruck gibt; das ist wie Grabesläuten, und du begräbst dich selbst dabei, dein Herz, dein Hoffen und dein Lieben!«
»Das, dächte ich, wäre Grund genug zu bitterer Klage,« entgegnete mit Schärfe Edeltraut.
»Grund genug; du hast wohl recht. Doch Recht dazu? sag' mir den Grund!«
»Kind, ich versteh' dich nicht. Du zählst selbst einen Teil der Leiden auf, welche deine Seele drücken und deine Liebe tief verwunden. Nimm noch dazu das schreckliche Geschick, das auf uns lastet, den häßlichen Verdacht, der unserem Namen anklebt, die Schmach, die wir ertragen. Nimm dann dazu, was uns erwartet: Richter, grausam, wahnbefangen, unerbittlich; Qualen, wie sie nur die größte Gefühllosigkeit erdenken kann, und endlich Flammen, die den jungen Leib zu Asche brennen und all das reiche Hoffen, das in einer jungen Menschenseele knospt, ertöten. Sterben ist ein schauriges Wort, am Scheiterhaufen enden, schrecklich; aber in der Jugend süßer Blüte dem Tode unschuldig verfallen, ist ungerecht von Gott!«
Elsa erwiderte nichts. Ihr Antlitz war von Schmerz und Mitleid erregt. Sie richtete das Auge, aus dessen toten Sternen eine klagende Seele sprach, nach der Freundin.
»Du antwortest mir nicht,« sprach Edeltraut verletzt.
»Was sollte ich dir sagen? Der Schmerz, der aus dir redet, ist mit Bitterkeit gemischt. Da laß mich schweigen, bis die Seele ruhig geworden ist und ein Wort des Friedens Widerhall in dir zu finden vermag.«
»Das klingt wie Tadel, Elsa?«
»Es soll gewiß nicht Tadel sein, mein armes Herz,« besänftigte die Blinde. »Du, Edeltraut, bist stolz gebaut an Leib und Seele und deiner Gefühle Wellenschlag ist ein lauterer und stürmischerer als der in meiner Brust; du bist wie eine Palme, ich wie des Feldes Blume; dich faßt des Sturmes wilde Vollkraft, über mich aber fegt er hinweg, kaum meinen Herzenskelch berührend. Komm her zu mir und laß dir sagen, wie es kommt, daß deine kleine Elsa inmitten solchen Leidens den Frieden und die Ruhe nicht verliert!«