Edeltraut kniete sich vor das blinde Mädchen, die Hände auf deren Schoß kreuzend und mit den blauen Augensternen bewundernd auf die liebe Maid schauend.
»Hier bin ich, Engel,« sprach sie mit voller Innigkeit. »Hier ist die stolze Palme; gib ihr von deiner Kraft, von deinem Frieden!«
»'s ist tiefes Leid,« sprach Elsa, »das seine dunklen Schwingen über uns breitet. Wir sind, wie heute der menschlichen Gerechtigkeit verkehrte Wege gehen, dem Tode verfallen, und unser Andenken wie unser Name gehört der Schmach und Schande, bis eine spätere Zeit die Schmach den Richtern zuwendet und dem Wahne, dessen fügsame Diener sie gewesen, dagegen den armen Opfern eine Träne warmen Mitleids weiht. Die Welt wälzt trübe, schmutzige Wellen vor sich her. Das Laster steigt, und stolzer hebt von Tag zu Tag der Sinne kecker Übermut das Haupt. Der Kirche Leib ist frevelhaft zerschnitten. Da sie den Glauben, wie sie sagen, reinigten, schnitten sie ihm die Lebenswurzeln ab und ließen üppig alles Unkraut wuchern. Der Gottesglaube ward zum Schleierbilde, das jeder sich nach seiner Willkür deutet. Und siehe, je mehr ringsum das Bild des wahren Gottes und seiner hehren Lehre in Erdenlust, in Übermut, ja selbst in haderndem Gezänke untersank, mit desto stolzerem Mute drang des Glaubens Fratze, der Aberglaube, vor. Gott haben sie verkannt; nun glauben sie dem Teufel und seiner Macht. Nicht Gott regiert das Weltall; nicht er gibt Sonnenschein und Regen und Mißwachs oder Segen; nicht er verteilt des Glückes Gaben, das Leid, die Lust, den Schmerz. 's ist alles Satanswerk, getan durch böse Kunst und schlimmen Bund. Die Menschen schwören ihrem Gotte ab, dem Teufel zu, und haben Gewalt, die Ordnung Gottes aufzuheben, und der Satan sitzt auf dem Throne. Das ist die Frucht der Glaubensdürre, an der die Menschheit heute sterbend siecht. Das Blut Gemordeter schreit nicht mehr zum Himmel auf, als jener finstere Geist, der nun die Welt beherrscht. Es ist das Opfer Kains, das auf zum Himmel qualmt, und auf das der liebe Gott nicht segnend schauen kann. Es fehlt Abels Opfer, das Gott zu sühnen strebt. Ich will es sein. Ich weiß, wie arm, wie klein und schwach ich bin dem Riesen gegenüber, der Gottes Rache herausfordert. Und doch verzage ich nicht.«
»Du edle Seele!« rief Edeltraud »Du willst dein junges Leben, dem so wenig Freuden blühten, für eine Missetat zum Opfer bringen, die nie an deiner Seele Anteil hatte! Wie groß und schön du bist im Lichte deiner Liebe!«
»'s ist wahr, mein Leben wiegt nicht schwer, sind Freuden, die mir geworden, das Maß, nach dem sein Wert gemessen werden soll. Und schaue ich in die Zukunft, so sehe ich nichts, das einer Freude gliche. Mein Vater ist ein Greis. Bald graben sie am Friedhof draußen sein Grab und ich stehe allein in fremder Welt. Sein Tod bricht meine letzte Erdenliebe, und das Herz kennt nur mehr der Himmelssehnsucht Pulsschlag. Doch nicht nach Freuden soll man des Lebens Wert messen, sondern nach Opfern, die das Herz entsagend bringt.«
»Ist's nicht des Opfers überviel,« unterbrach Edeltraut, »daß dir der Augen Licht versagt und deine Welt in finsterer Nacht begraben ist? Selbst deines Vaters Angesicht zu schauen ist dir versagt. Und allem, was du liebst, fehlt die Gestalt, selbst deine Schwestern, des Feldes Blumen, denen du dich so gerne vergleichst, sind dir ein ungelöstes Rätsel. Du lebst nur, wenn dich Träume mit ihren Bildern laben, wachend bist du des Leides voll.«
»Daß ich nicht Gottes Pracht in seiner Schöpfung und meines Vaters Antlitz sehe, ist ein Opfer, mit dem ich längst die Rechnung abgeschlossen habe. Gott, der euch Menschenkindern lichte Augensterne gab, gab mir die Nacht. Er tat's, ich bin's zufrieden. Und ist es ein Opfer, das ich Gott darbringe, so mag es für meine eigene Schuld als Sühne gelten. Doch für die Schuld, die nun auf vielen lastet, und deren Sühne zum Himmel schreit, will ich mein junges Leben zum Opfer bringen. Ist's auch nur wenig, wie wenn ein Tropfen Tau die dürre Erde tränken wollte, so habe ich doch getan, was in der Schwachen Kraft gelegen, und ist mein Tod die Rettung eines Lebens, so bin ich reich belohnt — denn ich habe gelebt vor Gott.«
»Wenn ich dich schaue, goldne Elsa, in deiner Seele hohen Pracht, so bricht der Stolz, die Lebenslust, der wilde Grimm über meine Quäler machtlos zusammen. Kind, du bist groß! Du schreitest mit festem Fuße über Leid und Gram und Schmach, und selbst der Tod ist dir nur eine Brücke, die zu Paradiesesauen führt. An dich willst du nicht denken. Die Welt, die du nicht siehst, umfängst du mit einer Liebe, die aus dem Herzen Gottes stammt.«
»Wie arm« — fuhr Edeltraut in leisem Tone fort — »wie arm muß sich die Erde dünken, wenn sie dich, liebes Blümchen, tot in ihrem Schoße birgt! Mag ihr wohl sein, als wär' der Lenz gestorben und alle Blüte sei zu Eis geworden und alles Leben starr und alle Liebe welk. Du hast mich viel gelehrt, Elsa. — Die Menschenliebe bricht vor deinem Wort und Geist in morsche Stücke, die Gottesliebe baut sich herrlich auf. Nun faß ich dich, nun dank' ich dir aus voller Seele, daß nie ein Laut der Klage deinen Mund bewegte. Ja, Gott ist groß in seinen Werken, am größten doch in jener Liebe, die er in reinen Herzen für sich weckt.« — —
Ein Geräusch an der Kerkertüre störte das Gespräch der beiden Jungfrauen. Der Kerkermeister trat ein. Ihm folgten Pater Spee und Elsas Vater.