„Auch ich glaubte die Menschen zu lieben — nein, nicht lieben, sie rächen zu müssen. Ich suchte das eitle Erlöserleiden! Es war damals in Tula. Mich, die neunzehnjährige Studentin, traf das Los der Vollstreckung. Ich sage Ihnen, jener Tag war der schönste Frühlingstag, den man sich nur denken kann. Ich stand zitternd an meiner Straßenecke und die laue Sonne blendete mich. In der Tasche hielt meine Hand den Revolver umspannt.
Die Uniform des Großfürsten blitzte aus dem Wagen. Neben ihm saß sein sechsjähriges Töchterchen, — dieses süße, schöne Geschöpf. O — o — dieses kleine, liebe Mädchen. Ich tötete nicht den Großfürsten, ich — tötete — das Kind!“
„Sinaïda!“
„Schweigen Sie doch! Ich habe für immer mein Kind getötet! Gott! Ich hoffe nur eins, daß ich selbst bald zugrunde gehe. Am besten heute noch — heute noch!“
„Sinaïda,“ schrie ich auf, „ich liebe Sie für all’ das, Sie Schöne, Sie Heldin, noch tausendmal mehr!“
Sie trat zwei Schritte zurück. Das erstemal zeigte sich ihr Gebrechen stark.
„Was wollen Sie? — Gehen Sie doch!“ rief sie.
Der Abend war gekommen. Wir hatten uns im Keller versammelt. Der Fluß gröhlte. Die Windlichter umzirkten nur einen kleinen Kreis von Helligkeit. Rund um uns dehnte sich das riesige Gewölbe wie ein unabmeßbares Felsengrab, das Schwamm- und feuchten Moderduft mit unterirdischen Atemstößen aushauchte. Heute sollten wir das letztemal zusammenkommen, denn daß ich als Anarchist angeredet worden war und noch andere Anzeichen ließen ahnen, daß man uns auf der Spur war.
Die peinlichsten Vorsichtsmaßregeln wurden beobachtet; wir alle waren auf hundert Umwegen, um unsere Verfolger irrezuführen, hier zusammengekommen.