„Ja! Wir werden uns wohl nicht wiedersehen, wir alle nicht. In vier Tagen werden Sie vor dem Untersuchungsrichter stehen — und wir — nun, wir auch, wenn wir nicht sogleich ausgeliefert werden. Doch — es ist gut so! Endlich!“

Eine Hand legte sich auf die meine.

Beschitzer wandte sich mir zu. Seine schweren Tränensäcke, die roten Lidränder gaben ihm ein trauriges und müdes Aussehen:

„In keinem Augenblick der Prüfung, Bruder, vergiß die Sinnlosigkeit des Lebens! Bedenke, daß all unser Treiben, Essen, Trinken, Reden, Schlafen, Spielen der wahre Tod ist, und daß wir unser Leben erst vom Tode erwecken, indem wir ihn zu einem gewollten Ziel erheben und dadurch zum Leben aller Leben machen, reicher an Entzückungen, Freuden, Ekstasen und glückseligen Schmerzen, als nur eine ahnt.

Ich bin alt genug, um zu wissen, daß aller ideologische Hochmut und alle Erlösermühe vergeblich sind. Aber was ist der Sinn dieses sinnlosen Menschenlebens? Ich sehe nur einen Sinn: Niederen Wahn mit höherem Wahn zu vertauschen! Du fragst mit Recht: Was heißt denn das: Höherer Wahn? Was ist der Gradmesser allen Wahns? Nun, lieber Bruder Duschek, ich gebe dir zur Antwort: Der Wert eines Wahns nimmt mit abnehmender Dichtigkeit seiner egoistischen Tendenz zu! Das ist doch klar. Im übrigen! Höchster Zweifel bei höchster Illusionskraft ist die Lebenskunst des wahren Genies. Wahnfähigkeit zeigt ein großes Herz, Zweifelfähigkeit einen starken Kopf. Eins ohne das andere ist ekelhaft — ekelhaft sind mir die Illusionisten, was, ich sag’s grad heraus, die romantischen Goim, fast noch ekelhafter aber sind mir die jüdischen Entwerter!“

„Ist, was wir vorhaben, was wir tun, nicht Romantik?“

„Es ist, — hol’s der Teufel, — es ist trotz allem Hoffnung!“

Noch andere Lehren gab mir der Alte.

„Angst ist immer ein Irrtum! Wiederhole dir diesen Satz mit ruhiger, innerer Stimme immer wieder angesichts der Tat und vor Gericht.