„Herr Leutnant,“ es war ein gurgelnder Dialekt, „Herr Leutnant, Herr Leutnant — i bin Luther, obs wollt’s oder net! Herr Leutnant, i bitt g’horsamst, Sö sullns glaubn, sunst Sakra! I bin Lutta und i mog kan heilen Vatta nöt habn. I mog kan heiln Vatta nöt!“
Die Wärter rissen ihn fort. Lange noch hörte ich ihn heiser lamentieren: „Kan heiln Vatta!“
Vor der Türe meines Zimmers, das abseits lag und vor dem der Gang durch ein Gatter abgeteilt war, verließ mich der Wachtposten und fing an, eintönigen Schrittes auf und ab zu patrouillieren.
Wollte ich ein Bedürfnis verrichten, nahm er mich wieder in Empfang, führte mich zum Retirat und wartete vor dem Eingang.
Auf der offenen Latrine saßen im Kreis die Männer und verrichteten ihre Notdurft.
War das möglich? So oft bin ich in den Kasernen an den Mannschafts-Aborten vorübergegangen und hatte das nicht bemerkt. Alles mit Allen teilen, Mahlzeit, Schlafraum, und selbst dies hier offen verrichten müssen, welch’ eine Entwürdigung des Lebens! — Und Sinaïda? — Auch sie war in den Gefängnissen Rußlands gewesen!
Wo ist sie? Lebt sie? Oder liegt ihre geheimnisvoll geliebte Gestalt in irgend einer schäbigen Totenkammer? Vielleicht gar auf Eis, denn solche Leichen kommen auf die Anatomie, in die Menschenlatrine der Großstädte.
O, ich war voll Stolz, während ich solches dachte!
Was ist denn der Tod? Ich bestehe auf ihn. Ich lasse mich nicht von ihr, von niemandem lasse ich mich beschämen. Und jetzt! Jetzt wollen sie mich um den Tod bringen, mich zu einem Verbrecher dritter Klasse, zu einem Besoffenen, zu einem Exzedenten degradieren! — Ich lasse mich aber nicht betrügen.
Nicht mehr will ich als ein Schulbub vor den Vater treten, als ein Kadettlein, das für jede Ohrfeige erreichbar ist, ja zu dem er sich noch niederbeugen muß, um ihm die Tachtel zu versetzen. Nein, meinen Kopf soll er gar nicht sehen, so hoch wird der in den Wolken stecken! Ich will gestehen und sterben! Ich bin bereit!