Alle drei Kinder waren fröhlich und wohlgemuth, denn jedes trieb seine Lieblingsbeschäftigung. Paul pfiff, Bertha sang und Wilhelm trällerte bei der Arbeit, sodaß es eine Lust war, ihnen zuzuhören. Wer hätte zu ahnen vermocht, daß ihre Freude plötzlich in erschrecklicher Weise gestört werden sollte!
Plötzlich nämlich — es mochte nachmittags gegen ein Uhr sein — erschien ein fremder Hund, ohne einen Laut von sich zu geben, im Garten. Sein dickes Fell war zerzaust, seine Augen waren geröthet, die Zunge hing ihm weit zum Maule heraus und die Ruthe trug er zwischen die Hinterbeine geklemmt.
Paul, welcher den Hund zuerst erblickte, erschrak, denn das Aussehen des Thieres, das ihm noch dazu ganz unbekannt war, kam ihm sogleich verdächtig vor. Bertha, die nur erst kürzlich in der Schule von der Wuthkrankheit der Hunde gehört hatte, schrie aus Leibeskräften: „Hilfe! Hilfe! Ein toller Hund!“ Und der kleine Wilhelm, um der Gefahr zu entgehen, wollte eben in eine Laube flüchten. Noch aber hatte er dieselbe nicht erreicht, als der Hund auf ihn losfuhr, wie wenn er ihn beißen wolle. Der Kleine schrie und zitterte vor Angst am ganzen Körper, sodaß er keinen Schritt von der Stelle wagte. Seine Lage war entsetzlich!
In diesem verhängnißvollen Augenblicke jedoch sprang Paul herbei, packte das gefährliche Thier mit beiden Händen am Halse, drückte ihm die Kehle zusammen und hob es empor.
Während nun der beherzte Knabe den Hund über der Erde hielt, konnte sich Wilhelm in die Laube retten und die Thüre derselben hinter sich verschließen.
Auf das Geschrei der Kinder, das jetzt aus drei Kehlen zugleich erfolgte und ganz entsetzlich klang, eilte der Vater, vor Schreck fast bleich, herbei. Er erkannte sofort, daß der Hund, der in den Händen des Knaben wie verzweifelt hin- und herschnellte, toll war. Die schreckliche Gefahr, in der seine Kinder schwebten, ermessend, und ohne einen Augenblick Zeit zu verlieren, ergriff er eine in der Nähe liegende Hacke und führte damit einen wohlgezielten Schlag auf die Nase des wüthenden Thieres.
Mit einem grellen Aufschrei fiel es zu Boden, woselbst es augenblicklich von dem Vater den Todesstreich erhielt.
Um seines Muthes und seiner Geistesgegenwart willen, die einzig und allein ein furchtbares Unglück verhindert hatten, erhielt Paul, ehe noch der Tag zu Ende ging, von seinem Vater eine prachtvolle Bilderbibel. Die ganze Familie aber, in welcher überhaupt ein frommer Sinn herrschte, dankte in ihrem Abendgebete, dem der Vater heute eine besondere Feierlichkeit verlieh, dem lieben Herrgott, daß er in jenen verhängnißvollen Augenblicken ihr gnädiger Beschützer gewesen.
124. Schlaf und Tod.
(Zwei vollständige Satzgefüge verbunden.)