Der Schlaf, welcher unserm Körper Erholung gewährt, hat viel Aehnlichkeit mit dem Tode, und der Tod, der einst unser aller Loos ist, hat Vieles mit dem Schlafe gemein.
Sobald uns der Schlaf befällt, hören verschiedene Thätigkeiten des Körpers auf, ebenso vermindern sich allmälig verschiedene Bewegungen der Muskeln, wenn der Tod an den Menschen herantritt. Das völlige Entschlummern wird dadurch herbeigeführt, daß die Sinnesnerven endlich ihre Dienste einstellen, und der Tod tritt ein, indem die Athmungsorgane schließlich zum Stillstand gelangen.
Das Einschlafen erfolgt so allmälig, daß der eigentliche Augenblick des Entschlafenseins gar nicht genau beobachtet werden kann, ebenso erlöscht auch zuweilen ein Lebenslicht in so unmerklicher Weise, daß die am Sterbelager Stehenden den Eintritt des Todes gar nicht gewahren. Der Schlafende weiß nicht mehr, was um ihn her vorgeht, auch dem Todten ist bekanntermaßen verschlossen, wie das Leben um ihn her waltet.
Wer schläft, erwacht nach einer bestimmten Zeit wieder, und wer im Grabe ruht, den wird einst ebenfalls die Stimme des Herrn erwecken.
125. Die Zukunft.
(Es beziehen sich mehrere Nebensätze auf einen Hauptsatz.)
Wüßte der Mensch, was morgen sein wird, und läge ihm die Zukunft überhaupt klar vor Augen, so würde das durchaus kein Glück für ihn sein. Obgleich er sich manchen Kummer ersparen und auf manches traurige Geschick vorbereiten könnte, obschon er sich manche Freude mehr zu verschaffen und manche schon im voraus zu genießen vermöchte, müßte ihn dieser Zukunftsblick doch in steter Aufregung erhalten.
Was er von den künftigen Tagen zu erhoffen und was er von ihnen zu fürchten hätte, beschäftigte ihn sicher Tag und Nacht. Die Zeit, da er gesunden, oder in der ihm eine besondere Ehre zu Theil werden, oder zu welcher er Reichthum erlangt haben soll, würde er unter quälender Ungeduld herbeisehnen. Wiederum ginge er der Stunde, die ihn aufs Krankenlager werfen, oder dem Tage, der ihm Zurücksetzung bringen, oder dem Zeitpunkte, zu welchem der Bettelstab sein Loos sein soll, gewiß mit Zittern und Zagen entgegen.
Wer aber möchte nun vollends im voraus wissen wollen, wann er einmal sterben, wie einmal sein Ende sein und wo man sein Grab graben wird?
Wir sind daher unserm Gott Dank schuldig, daß er uns über unser künftiges Geschick im Unklaren läßt, daß er uns das künftige Ungemach verbirgt und daß uns vor allen Dingen die Stunde unseres Abscheidens ein Geheimniß bleibt.