Nachdem ein angekommenes Boot das Postpacket für Rio von uns in Empfang genommen hatte, setzten wir um 2½ Uhr unsere Reise nach West zu Nord fort, ließen das Westende der Patingit-Insel zur Rechten liegen und erblickten neue flache (oder nur niedrighüglige) Inselküsten, die uns bald wieder auf allen Seiten umgaben. Manche waren so niedrig und flach, daß sie kaum aus dem Wasser hervorragten, z. B. Pulu Sori, Terkoli, – sie waren wenig mehr als Sandbänke, auf deren weißlichem Grunde sich sparsames Gebüsch mit einzelnen Casuarinen erhob. Das linke Ende der letztgenannten Insel lag uns um 3¼ Uhr gegenüber in Nord-Ost und in derselben Richtung erschien im Hintergrunde der Bintang-Bai die linke Ecke † des Gipfels vom gleichnamigen Berge (s. [Fig. 5.] – † ist der sogenannte kleine Bintang-Berg).

Der Waldreichthum der Küsten von Inseln, die wir nun sahen, nahm allmählig zu, je weiter wir nach Nord-West steuerten. Wir befanden uns um 4 Uhr dem Süd-Ostende von Loboan besar gegenüber, aus deren Pflanzendecke zunächst über dem Meere hier und da auch noch ein rother Boden hindurchschimmerte, – und sahen ringsherum fast überall nur Küsten mit hohem Wald.

Wir näherten uns nämlich dem Ausgange der Straße, welche von Süd nach Nord zwischen der westlichen oder links liegenden Insel Batang und der östlichen oder rechts liegenden Insel Bintang hindurch führt, und welche kaum 3 geographische Minuten breit ist. Kleine Inseln liegen hier vor den Küsten der größern und vor den kleinen liegen noch kleinere und alle zusammen mit ihren schmalen, oft nur flußähnlichen, geschlängelten und einander durchkreuzenden Durchgängen bilden ein so geheimnißvolles, kaum zu entwirrendes Labyrinth von Kanälen zwischen düstern und einander so sehr gleichenden, menschenleeren Waldküsten, daß die Eingebornen von andern benachbarten Inseln selbst, wenn sie durch diese Straßen schiffen oder rudern, Signale an den Ufern setzen oder an hohen Bäumen befestigen müssen, um sich nicht zu verirren und eine Insel wieder zu erkennen!

So fuhren wir zwischen den Waldinseln auf stiller See wie zwischen den beiderseitigen Ufern eines breiten Flusses dahin und kamen besonders der Küste von Bintang (auf unsrer Ostseite) oft bis auf einen Gewehrschuß nahe, so daß wir alle Bäume zählen konnten, die sich einwärts von dem bräunlich-falben Strande erhoben. Casuarinen waren auch unter diesen nicht selten.

Erst gegen halb sechs Uhr wurde die Straße breiter, die seitlichen Küsten traten mehr und mehr zurück, und bald hatten wir in der Abenddämmerung weiter nach West-Nord-West dampfend, den Genuß, die Süd-Ostecke der malaischen Halbinsel als ein mäßig hohes Land vor uns auftauchen zu sehen. Wir hatten also die südlichste Spitze des großen asiatischen Continents vor uns und begrüßten den Anblick von Kap Remunia.[5]

Es war ein schöner stiller Abend. Die See war so ruhig wie der Spiegel eines Binnensees und die Luft war warm, doch eher angenehm als drückend. Die Natur um uns her zwischen diesen Wäldern war friedlich; sie dämmerte in menschenleerer Stille. Das Meer erweiterte sich allmählig wieder und wir fuhren im Halblichte dahin, das die Sterne und die Mondessichel aus dem klaren Azur des tropischen Himmels auf uns herabgossen und das zwischen diesen Umgebungen doppelt zauberisch war.

Indem wir durch den narcotischen Reiz der Abendlandschaft unwiderstehlich hingerissen nach den Sternen dort oben blickten und unser Schiff Etna nach West-Nord-West zu immer weiter dampfte, – da erschienen auch eine Menge Sterne tief am Horizont, – mehr und mehr solcher leuchtender Punkte tauchten vor uns auf, – bald bildeten sie eine lange Reihe von Lichtern neben einander, – dunkele Körper, wie der Rumpf großer Schiffe zeichneten sich in Umriß von ihnen ab, – die Scene belebte sich, – Menschenfleiß mit seinen Werken fing an die waldigen und wässerigen Öden zu ersetzen – und auf unserm Schiff erscholl das Commando: – «halve kracht,» – «stop,» – «laat vallen het anker!» – – Es war 9 Uhr und wir hatten die Anker auf der Rhede vor der Stadt Singapur geworfen, deren Lage in einem Halbmond entlang des Strandes nur jene lange Reihe von Lichtern bezeichnete.

Wir waren am 1sten September schon früh munter an Bord und standen auf dem Verdeck, um den Anbruch des Tages zu erwarten. Es war Neugierde, endlich selbst einmal die berühmte Stadt zu sehen, die sich seit 1819 in so kurzer Zeit zum Hauptstapelplatz des Handels zwischen Britisch Indien und China erhoben hatte, welche uns so frühzeitig weckte.

Es dauerte nicht lange, – die Schöpfung von Sir St. Raffles lag vor uns in Nord-West, und die aufgehende Sonne warf ihre ersten Strahlen auf das zierlich-schöne Bild der Stadt, die, in ihrer ganzen halbmondförmigen Ausdehnung nach uns ihre Front zukehrte. Wir sahen fast lauter zweistöckige Häuser, von denen einige weiß, andere gelblich angestrichen waren; – hübsche Wohngebäude mit Balconen oder Estraden, die auf Säulen ruhn, – kleine zierliche Paläste, – zwei Kirchen mit kleinen Thürmchen, – Packhäuser mit Bogengängen dichtgedrängt, – reihten sich an einander und bildeten eine lang hingedehnte Gruppe, die sich unmittelbar auf dem halbmondförmigen Strande zu erheben schien. Dazwischen blickte einiges, doch sparsames Grün von Frucht- und Zierbäumen hervor und sanft gerundete Hügel erhoben sich im Hintergrunde, von denen viele ebenfalls mit Gebäuden bedeckt waren; dazu gehört namentlich der nächste gerundete Hügel nord-westwärts hinter der Stadt, die er beherrscht, – Government-hill genannt, weil er die Wohnung des Gouverneurs mit dem Telegraphen trägt.

Von den schattig-kühlen Fruchtbäumen java'scher Dörfer und den Tausenden von Kokospalmen, deren Wipfel dort aus den Gewölben der Laubbäume hervorragt, war Nichts zu sehen, die Pflanzennatur in und um Singapur war kahler, baumleerer; aber eben darum hatte der Ort ein viel mehr städtisches, europäisches Ansehen, als das fast überall in Fruchtbaumwaldungen versteckte Batavia.