Bald kamen eine Menge Kähne (tambangan's) zu uns herangerudert und umschwärmten unser Schiff mit wiederholten, laut ausgeschrienen Anerbietungen, um die Passagiere und unsere Bagage an's Land zu bringen. Einige wurden von Malaien gerudert, andere, die kein Steuer hatten, von Chinesen und in diesen saß jederzeit nur ein Ruderer, – die mehrsten aber wurden von Kalinganesen und Bengalesen regiert und diese waren es auch, die es an Zudringlichkeit allen Andern zuvorthaten. – Sie kamen an Bord, warfen, ohne viel zu fragen, Stücke Bagage, deren sie habhaft werden konnten, in ihre Böte und waren dann, wenn sie glaubten, den Passagier in ihrer Gewalt zu haben, unverschämt genug, einen Dollar (spanische Matte) für die kurze Überfahrt zu fordern, die nur einige Minuten dauert und nicht mehr als einen halben, höchstens einen Gulden kostet.

An's Land gestiegen und auf der schmalen, etwa 10 Fuß über dem Meere liegenden Küstenfläche angekommen, befindet man sich unmittelbar gegenüber dem «London Hôtel,» das aus zwei hübschen Gebäuden nebeneinander (zu zwei Vertiefungen) besteht und etwa 2–300 Fuß von der Küste entfernt liegt. – Da hier fast alle Reisende, die mit Landmailschiffen ankommen, einzukehren pflegen, so ist es besonders während der Zeit, zu welcher diese Schiffe auf der Rhede liegen, als auch in der Zwischenzeit der Ankunft zweier einander ablösender, correspondirender Schiffe, von Passagieren überfüllt. (Diese Bemerkung gilt auch von allen andern Hotels zwischen hier und Alexandrien.) Das Logis, worin begriffen ist ein Zimmer mit einem guten Bett und sehr schlechter Bedienung, Kost an table d'hôte, nämlich Frühstück um 9, Tiffet um 12, Diner um 4½ Uhr, – kostete hier täglich 3 Dollar.

Ich blieb acht Tage (vom 1sten bis mit 8ten September) zu Singapur, nämlich in Erwartung des Dampfschiffes, das die Reise von China über Singapur bis Ceylon zu vollbringen bestimmt war. Es war der Landmail Steamer Braganza und wurde täglich erwartet. – Den 5ten kam ein Dampfschiff der Landmail von Ceylon an und brachte auch die für Niederländisch Indien bestimmten, etwa in ein Dutzend Kisten gepackten Zeitungen und Briefe mit. Nachdem diese vom Etna in Empfang genommen waren, fuhr dieser den 7ten Sept. des Morgens früh wieder ab, um nach Batavia zurückzukehren und ich sagte den Offizieren (den Herren de Jong und de Graaf) für die freundliche Bewirthung an Bord, ein dankbares Lebewohl. – Erst den 8ten Sept. Vormittags kam die Braganza von Kanton an.

Wenn man als Fremder durch die Straßen von Singapur wandelt, so ist man verwundert, fast keine andern Farben zu erblicken, als das bleiche Gelb der Häuser (die zweistöckig und meistens eng an einander gebaut sind) und das Bolusroth der Straßen, deren Staub auch an den gelblichen Wänden der Gebäude sichtbar wird. Nur hier und da wird das Auge erquickt von dem Grün lebender Hecken von Schlingpflanzen, die oft bis zur zweiten Etage der Häuser hinanreichen. – Übrigens hat Alles ein mehr europäisches, städtisches Ansehen, als in den Küstenplätzen von Java.

Am rechten Ufer des schlammigen Flusses von Singapur (süd- und süd-westwärts von der übrigen Stadt) liegen außer den Packhäusern und den Bureaux der europäischen Kaufleute, hauptsächlich die eng aneinandergedrängten Wohnungen der Chinesen (chinesischer Kampong), die vielleicht den größten Theil der eigentlichen Stadt einnehmen, von denen aber viele ein sehr verfallenes Ansehn haben.

Eines Besuches werth sind außerdem: der prächtig verzierte chinesische Tempel, – der Tempel der Hindu's und der Government-hill, von dessen flachgerundetem Scheitel man eine belehrende und schöne Aussicht über Rhede und Stadt und über die angrenzenden Gegenden des Innern der Insel genießt. – Von den Ruinen auf der Nord-Westseite dieses Berges, die nach Crawfurd aus den Zeiten abstammen sollen, in welchen der König Sri Iskander Shah (in der ersten Hälfte des 13ten Jahrhunderts[6]) über Singapur regierte, sind wenig mehr als noch einige Terrassen und Sandsteinblöcke zu sehen, ohne Inschriften und ohne Sculptur.

So weit man vom Scheitel des Government-hill sehen kann, besteht das Innere der Insel aus bald mehr gerundeten, bald flacher ausgebreiteten 1½–3 Hundert Fuß hohen Hügeln, die sich einer an den andern reihen und dadurch ein wellenförmiges, labyrinthisch-unebenes Ganzes bilden, das einwärts, in größerer Entfernung von der Stadt auch waldiger wird, auf dessen näher gelegenen Anhöhen aber man noch eine Menge kleiner, oft zierlicher, europäischer Wohnungen, hier und da zerstreut, erblickt. Diese nähern Theile der Insel sind ziemlich kahl, weder mit Anpflanzungen, noch mit eigentlichen Wäldern bedeckt, sondern nur mit Graswuchs und vereinzeltem Gebüsch bekleidet. Wie bekannt, wird auf Singapur, so wie auf den benachbarten Inseln (Bintang, Rio u. a.) besonders der Gambir-strauch (Nauclea Gambir, Unkara der Malaier) cultivirt, wovon das mit dem Siri- (Betel-) Blatt gekaute, bittere Gummiharz Gambir kommt (in Europa mehr noch unter dem Namen Terra japonica, Catechu bekannt); aber auch von diesem Culturgewächs habe ich in der Nähe der Stadt nichts gesehen.

Die Wege in und in der Nähe der Stadt sind gut und bestehen aus klein geschlagenem, fein und festgestampftem Thoneisenstein, der bräunlich-roth und gepulvert fast roth aussieht; das allgemein gebräuchliche Transportmittel sind Palankin's, die auf vier Rädern ruhn, von einem Pferd gezogen werden und einen Dollar täglich kosten. Der stets bengalische Fuhrmann «Zeis» sitzt auf keinem Wolkenthrone, wie Zeus, nicht einmal auf einem Bocke (denn einen solchen hat das Fuhrwerk nicht) sondern läuft neben her und hört nicht, wenn ihm der eingeschlossene Reisende zuruft, still zu halten. – Er bringt seine Pflegebefohlenen daher, nolens volens, ohne Anhalten an die einmal angegebene letzte (endliche) Bestimmung der Fahrt. Diese ringsum geschlossenen, viereckigen Kasten stehn weit hinter den eleganten, mit ledernen Niederschlägen versehenen und von zwei Pferden gezogenen Miethwagen Batavia's zurück, in denen man schneller und bequemer reist.

Von öffentlichen Vergnügungs- und Versammlungsorten Singapur's weiß ich nichts zu sagen, ich glaube auch nicht, daß es deren giebt, oder man müßte die Spielhäuser der Chinesen dahin rechnen, – die Kegelbahn der deutschen Kaufleute (deren Zahl hier 13 beträgt) – und die Regimentsmusik der Sipoy's, die sich jeden Freitag, des Abends von 5½ bis 7½ Uhr, auf dem offenen Platze zwischen dem Strande und dem London Hôtel hören läßt. Da sowohl der erste als der letzte Tag meines Aufenthaltes auf Singapur ein Freitag war (der 1ste und 8te Sept.) so hatte ich zweimal Gelegenheit diese Musik zu hören. – Die Sipoy's mit ihren schwarzbraunen Gesichtern, ihrer weißen Kleidung und rothen Kragen kommen um die bestimmte Zeit, schaaren sich im Kreis und spielen von einem deutschen Kapellmeister in Civilkleidung dirigirt, meistens alte beliebte Stücke, Märsche, Symphonien, die sie gut ausführen, wenigstens ungleich besser, als die Chöre java'scher Musikanten, denen man hier und da auf Java das Spielen europäischer Instrumente gelehrt hat.

Dieses ist auf Singapur der Ort und die Zeit, wo die gebildete (schöne und nichtschöne) Welt zusammenkommt, – zu Fuß, zu Pferd oder in Palankin's, deren Pferd dann, so lange die Musik dauert, ausgespannt wird, – wo Kaufleute und Freunde einander treffen, wo Bekanntschaften mit Fremden angeknüpft und wo auch wohl noch zartere Rendez-vous gehalten werden. Wenn nach Untergang der Sonne die Dunkelheit zu sehr zugenommen hat (um die Noten sehn zu können) – dann wird bei Laternenlicht gespielt, und es ist ein eigenthümlich angenehmes Schauspiel zu sehen, wie in der erfrischenden Abendkühle, bei Sternenlicht oben, und Laternenschein unten, – Menschen der verschiedensten Art durch einander wimmeln, wie Privatpersonen, Beamte, Offiziere, elegante Damen, Kaufmänner und Seeleute in buntem Gewühl den engen Kreis der Musici umfluthen oder sich in Gruppen rund um den schönen Inhalt (in seidnen Gewändern) mancher Palankin's schaaren – und wie um diese europäische elegante Welt weiter außen noch Hunderte von Chinesen, Bengalesen, Arabern, Javanen und Malaien herumziehn, alle vergnügt und still genießend, – während die harmonischen Klänge der Musik im weiten Concertsaale verhallen, den keine andren Wände als Himmel und Meer verengen.