Seit unsrer Abreise aus dem Freihafen von Rafflesia (ich meine die Stadt, gegründet vom Entdecker jener Riesenblüthe, welche der Botaniker Robert Brown ihm zu Ehren Rafflesia nannte,) war keine Stunde vergangen, in welcher wir nicht wenigstens ein Schiff gesehen hätten, ja Einmal waren uns ein halbes Dutzend davon zugleich erschienen, alle mit schwellenden Segeln, die durch die Straße von Malaka fuhren, „durch diesen uralten Durchgang maritimer Civilisation“.[11] Ich glaube, daß verhältnißmäßig manche Landstraßen in Europa weniger belebt sind von Fuhrwerken, als dieses häufig besuchte Fahrwasser von Britisch Indien nach China von Schiffen.

So begegneten wir um 10 Uhr wieder einer Fregatte, die in gerade entgegengesetzter, in Beziehung auf uns querer Richtung steuerte, die nämlich nach West zu Süd segelte, während wir nach Nord zu West dampften; sie kreuzte also unsere Fahrt und brachte uns die große Geschwindigkeit, womit ein Dampfschiff sich bewegt, recht handgreiflich vor die Augen, so daß wir das Schiff nach einer Viertelstunde eben so weit fast noch auf demselben Flecke hinter uns sahen, als wir es zuerst vor uns erblickt hatten.

Auf der malai'schen Halbinsel nahmen wir rechts und vorn in blauer Ferne abgebrochene Gebirgsketten wahr, die einen ungleichen, gezackten Saum hatten und zwischen ihnen sahen wir Räume, in denen keine Berge lagen.

Wir hatten den ganzen heutigen Tag mehr oder weniger einen nördlichen Cours beigehalten und erblickten um 3 Uhr, vor uns in Norden, den ungleichen, mit Wolken bedeckten Saum einer hochgebirgigen Insel, die unsere Schiffsleute als Insel (Pulu) Penang begrüßten und zu deren Seite sich auch die (ebenfalls gebirgige) Küste der malai'schen Halbinsel darstellte.

Wir rückten weiter nach Norden vor, die Inseln schwammen uns näher und näher, sie wurden deutlicher und tauchten immer höher aus dem Meere auf, – wir zweifelten aber ihren Hafen heute noch zu erreichen; denn wir befanden uns erst einer süd-westlichen Vorinsel von Pulu Penang gegenüber, als schon die Sonne gesunken war und der volle Mond nun an ihrer Statt den stillen Spiegel des Meeres beleuchtete, dessen Farbe schon seit 5 Uhr immer grünlicher, heller geworden war. Wir fuhren in der Richtung nach Norden so nahe an den Inseln, die zur Linken liegen blieben, vorbei, daß man ihre felsig-steil aus dem Ocean emporstrebenden Ufer mit einem Steinwurfe hätte erreichen können. – Unser Blick haftete auf diesen sonderbar gestalteten Land- und Bergkörpern, die zwischen dem hellern Hintergrunde des Himmels und dem spiegelnden Vordergrunde des Meeres, wie düstre Gespenster dalagen. Obgleich der Mond sein Zauberlicht in wunderbarer Klarheit auf sie herabgoß, so konnten wir doch nicht viel mehr, als die schroffen Umrisse dieser Inseln erkennen, über deren wandartigen Felsgestaden, die etwas heller vom Mond beleuchtet waren, sich oben die ganz schwarze Kappe düstrer Waldungen hinzog.

So dampften wir langsam dahin, – wir fuhren einem weiten Zwischenraume zwischen zwei Inseln und darauf einem langhingezogenen Gebirgslande, die beide zur Linken liegen blieben, vorbei, ließen aber, weil unsere Offiziere die natürlichen Signale der Ufer nicht mehr zu erkennen vermochten, um 7 Uhr die Anker fallen. – Ein Paar Kanonenschüsse, die wir thaten, verhallten unbeantwortet auf der Wasserfläche.

Da lagen wir nun einsam, ohne die geringste Bewegung, in einer, wenigstens uns Passagieren unbekannten Bucht des Oceans. – Der Mondschein war so hell wie der Tag, – die See war spiegelglatt, – und eben so wenig, wie sich ein Lüftchen regte in der Atmosphäre, eben so wenig rührte sich ein Wassertropfen in dem wie erstarrten Meere. Wir glaubten ringsum oder doch auf mehren Seiten von Bergesufern umgeben zu sein; wir setzten daher eine Schaluppe aus, die in weiten Kreislinien um das Schiff herumfuhr, um die Tiefe zu sondiren, und das sanfte Dahingleiten dieser Schaluppe war die einzige Bewegung, – die einzige Spur von Leben, die weit umher im Wasser- und Luftraume zu entdecken war.

Obgleich das Meer wegen seiner geringern Tiefe an sich selbst schon grünlich und hell gefärbt war und außerdem noch der hellste Mondschein von seinem Spiegel zurückgestrahlt wurde, so leuchtete das Wasser doch bei jedem Ruderschlage und verbreitete ein höchst eigenthümliches, grünliches Licht. – Aber Alles war todtstill um uns her, – wie ausgestorben, und wir hätten glauben können, uns auf einem unbewohnten, fernen Planeten zu befinden; – weder an nahen, noch an fernen Küsten war ein Lichtchen sichtbar, – kein Vogel schrie, – kein Laut eines andern Thieres war vernehmbar; – dort vor uns lag das dunkle starre Land: ein lang hingezogener Rücken, – hier der Silberspiegel des Meeres, und oben stand der goldne Mond am tiefen, schweigsamen Himmel.

Die ganze Natur schlief und war bedeckt mit einem Schleier von so friedsamer, so schöner und so erhabner Ruhe, – daß ich mit Worten eben so wenig im Stande bin, den Zauber, den sie athmete, auszudrücken, als Einer, welcher der Noten unkundig ist, den harmonischen Klang einer schönen Musik zu beschreiben vermag.

Nach einigen Stunden angestellter Untersuchungen war es dem Führer unsres Schiffes gelungen, sich zu orientiren; – wir lagen noch 12 oder 13 englische Meilen südwärts von dem Orte unserer nächsten Bestimmung entfernt, setzten uns zwischen 9 und 10 Uhr wieder in Bewegung und warfen noch vor Mitternacht unsre Anker auf der Rhede der Hauptstadt von Pulu Penang.