„Todt und starr liegt die Wüste hingestreckt, wie die nackte Felsrinde
eines verödeten Planeten“.[37]

Dies würde eine passende Inschrift sein für die Pfeiler des offenen Thores von Suez, durch welches man in die Wüste hineinfährt. Denn je mehr der Tag graute, desto deutlicher und abschreckender zeigte sich die Wüste in ihrer ganzen, traurigen Öde. Sie bestand bald nur aus feinem, beweglichen Sande, in welchen die Räder tief einschnitten, dann keuchten die Pferde, – bald aus gröberm oder mit Steingereibsel vermengtem Sand, – bald herrschte das Steingereibsel (kleine Felstrümmer, meistens abgerundet, in der Form von Geschieben, die hier und da bis zu einem Fuß Dicke anwuchsen,) vor, dann rollten die Wagen leichter darüber hin und flogen nur zuweilen, wenn die Räder auf einen der größern Steine stießen, einen kleinen Fuß hoch oder anderthalb in die Höhe, um uns durch einen zeitig angebrachten sanften Stoß vor zu großer Schläfrigkeit zu bewahren; – bald war die Wüste vollkommen horizontal, – bald wellenförmig gehoben und gesenkt, ja hier und da hüglig, dünenartig, – aber überall war sie gleich dürr.

Kahl, nackt, öde, todt, starr, aller Dammerde entblößt, allen Pflanzenwuchses beraubt, ohne Wasser, ohne Bewegung, ohne Leben, voll Sand, voll Staub, glühend heiß, verschmachtend, einförmig, unendlich, ermüdend für's Auge, trostlos für's Herz! – das ist die Wüste.

Unsre Reise dauerte von Suez bis Cairo 15½ Stunden; da hiervon aber 3½ Stunden Halt abgezogen werden müssen, so hatten wir zum Durchfahren der Wüste, das in der Richtung fast genau von Ost nach West und jederzeit im vollen Galopp geschah, nur 12 Stunden nöthig. Ist nun das ganze Traject 100 engl. Meilen lang, so legten wir 8 solcher Meilen in einer Stunde zurück. In Abständen von 5–6 engl. Meilen waren durch die ganze Wüste bis nach Cairo Pferdeställe nebst Wohnungen für die Aufseher erbaut, – Stationen, wo die Pferde gewechselt wurden. Diese standen mit Geschirr und allem angethan jederzeit schon bereit, wenn wir ankamen. Es läuft nämlich in der Richtung des Weges eine Linie von Telegraphen durch die Wüste, auf kleinen Thürmen angebracht, die öfters auf Erhöhungen des Bodens stehen, da, wo sich deren finden und deren äußerste Punkte Suez und Cairo sind.[38] Der Hauptdienst dieser Telegraphen ist, die Ankunft der Schiffe zu Suez und der Transporte von Reisenden durch die Wüste, hin und her, zu melden. Aber nur an drei Stationen, wo sich kleine Gasthäuser, Absteigequartiere (Pasanggrahan's würde man auf Java sagen), befinden, wurde für längere Zeit Halt gemacht, nämlich von 8–9, von 12–1½ und von 5–6 Uhr, und hier hatte ich Gelegenheit, den unersättlich-musterhaften Appetit der Engländer zu bewundern, die an allen diesen Orten tüchtig aßen und tranken. Die Tafeln waren bei der Ankunft der Transporte schon gedeckt und mit dem Auftragen der Speisen wurde nur so lange gewartet, als die Reisenden in kleinen Nebenzimmern, wo Waschtafeln standen, beschäftigt waren, sich Gesicht und Hände vom Staube zu reinigen und das Haupt abzukühlen. Die Speisen bestanden hauptsächlich aus Suppe, Reis, Hühner- und Schöpsenfleisch, das auf verschiedene Art zubereitet war, auch waren Kartoffeln, Gemüse, Brot und Zwieback vorhanden und den Bier- und Weinflaschen wurde fleißig zugesprochen. Nach Tisch wurde Kaffee gereicht, gewöhnlich in kleinen Nebenzimmern, welche die Überschrift: „Rauchkammer“, trugen. Andere Nebenzimmer waren mit Betten versehen zur Bequemlichkeit der kränklichen Reisenden oder der Damen, die etwa wünschen möchten, auszuruhen. Auch muß ich Mehmed Ali, der es eigentlich war, welcher uns zufolge seines mit der Compagnie geschlossenen Contractes hier bewirthete, die Gerechtigkeit widerfahren lassen, und bezeugen, daß wir in seinen Hotels in der Wüste besser aßen und tranken, wie in dem ersten Gasthofe zu Cairo, obgleich alle Bedürfnisse, das Wasser nicht ausgenommen, aus weit entfernten Gegenden hierher geschafft werden müssen. Die Hotels, die nur ein Stockwerk hatten, waren aus Stein, gewöhnlich auf plattenförmig erhöhten Räumen erbaut und waren auch an der größern Höhe, die sie selbst hatten, schon aus der Ferne von den Pferdeställen zu unterscheiden, die ihnen zur Seite standen. Alle Gebäude waren aber, wie überhaupt in Egypten, platt von oben und glichen ihrer Form nach viereckigen Kasten. Das größte unter ihnen war das Hotel, in welchem wir von 12–1½ Uhr unsre Hauptmahlzeit hielten und das sich auf einem 12 Fuß hohen Plafond erhob. Man mußte auf Treppen hinaufschreiten und genoß aus der Vorgallerie eine freie Aussicht über die angränzenden Räume der Wüste. Außer diesen kleinen Poststationen, an denen ohngefähr alle drei Viertelstunden zum Wechseln der Pferde Halt gemacht wurde, bot uns die Wüste auch noch einige andere Abwechselung dar. Ein eigentlicher Weg, eine Spur von Rädern oder Kameeltritten war freilich nirgends zu sehen und selbst die Steinhaufen oder Pyramiden, welche in manchen sehr gleichförmigen Gegenden der Wüste in gewissen Abständen angehäuft worden waren, um die Richtung des Weges zu bezeichnen, waren zum Theil wieder vom Sande verweht und überschüttet. Dasselbe war der Fall mit den gefallenen Kameelen, die wir häufig sahen und die bald noch frische Kadaver waren, bald abgenagte Gerippe, die nur halb aus dem Sande hervorragten. Aber die vielen Karavanen und beladenen Kameelheerden, an denen wir öfters vorbeiflogen, gaben der Wüste, zu dieser Zeit der Land-Transporte, doch ein gewisses belebtes Ansehen. – Auch unsre Kutscher verschafften sich selbst und uns durch den Wettstreit, den sie mit einander im Schnellfahren hielten, einige Belustigung, – bald hielten unsre Wagen lange Zeit mit einander gleichen Schritt und flogen alle vier in stätigem Tempo neben einander dahin durch den weiten Raum, bald rannte uns der eine voraus und war einige Minuten später am fernen Saume der Wüste nur noch an den Staubwolken erkennbar, die ihn begleiteten, – bald verschwand ein anderer hinter uns, der im Sande stecken blieb und uns erst später wieder einholte; – zwei Erscheinungen aber waren es hauptsächlich, die mehr, als die eben genannten, meine Aufmerksamkeit auf sich zogen, und mehr, als alles Andre, dazu beitrugen, das Bild der Wüste in meiner Phantasie unauslöschbar zu machen.

Auf der so einförmigen, gestaltlosen Oberfläche der Wüste fielen alle Gegenstände, welche die Gleichförmigkeit in Etwas unterbrachen, – ein Stein, der ein wenig größer war, als die andern, – ein Gerippe, auf die man an andern Localitäten kaum geachtet haben würde, – sogleich in die Augen; der Mangel aller andern Gegenstände aber, die zu Anhaltpunkten, zur Vergleichung bei der Beurtheilung hätten dienen können, war die Ursache, daß man hinsichtlich der Schätzung der Größe so wohl, als der Entfernung solcher Körper, die man sah, in die größten Irrthümer verfiel. Schon mehrmals waren wir an Sandabhängen vorbeigekommen, und hatten auf dem Rande dieser abschüssigen Stellen ziemlich große Körper gesehn, die fast in gleichen Abständen von einander dastanden, ohne daß wir die Natur derselben kannten. – Auch um 12 Uhr, als wir in der Hauptstation auf der Hälfte des Weges, also in der Mitte der Wüste, angekommen waren, sahen wir auf dem Rande eines erhöhten Sandwulstes nicht weit vom Hause eben solche Körper wieder hingepflanzt. Sie standen da, wie in einer Reihe neben einander und ihre Zahl betrug meistens 50. Wir vermochten nicht zu erkennen, ob es Menschen waren (Beduinen), die da standen, oder Schafe oder Sträucher oder Felsblöcke; – das Letztere war noch das Wahrscheinlichste, denn sie waren ganz unbeweglich und graubraun von Farbe, wie Alles umher. Sie standen aber in so regelmäßigen Abständen, wie man Felsen selten sieht und waren alle von vollkommen gleicher Größe. Es war ganz unmöglich, diese Größe zu beurtheilen, und zu sagen, ob sie drei oder zehn Fuß groß waren oder noch mehr und eben so unmöglich war es uns, mit dem bloßen Auge zu ermessen, ob sie sich in der Entfernung von nur 100 oder von 1000 Fuß oder mehr von uns befanden.

Ich beschloß, mir Sicherheit zu verschaffen und ging darauf los. Als ich näher gekommen war, so unterschied ich zu meinem nicht geringen Erstaunen die regelmäßige Form von ungeheuer großen Raubvögeln, die, wie es schien, ausgestopft und vom Besitzer des Hotels zum Trocknen dahingestellt waren, – denn auch kein einziger davon ließ auch nur die geringste Bewegung spüren; sie standen alle da in gleichen Abständen von einander, sie hatten alle eine vollkommen gleiche Stellung und waren mit ihrem Vordertheile dem Abhange zugekehrt; ich kam ihnen bis auf 25 Fuß nahe, aber – wie erschrak ich! – als nun plötzlich diese ungeheuren Vögel, alle auf Einmal, wie auf Einen Schlag, aufflogen und – dahin sausten durch die Wüste, in der sie sich auf einen andern Sandhügel, in derselben Stellung, wie vorher, und eben so unbeweglich wieder niederließen. – Es war der gemeine große Wüstengeier, Vultur fulvus, der sich besonders vom Fleische der gefallenen Kameele nährt, sich daher gern in der Nähe der Karavanenstraßen aufhält und diese von seinem Standpunkte, nämlich den Sandhügeln herab, überblickt, in einer der Straße stets zugekehrten Stellung.


Die zweite Erscheinung, die eben so eigenthümlich, wie die Geier und die Kameele, zur Wüste gehört, war die sogenannte Luftspiegelung, mirage, Sehrab der Araber. – Ihr Sichtbarwerden ist abhängig vom Grade der Erhitzung der Wüste durch die Sonne, sie ist daher zur Zeit der größten Hitze von 12 bis 2 Uhr am lebhaftesten, wird nicht vor 8 Uhr des Morgens sichtbar und verschwindet allmählig wieder gegen 5 Uhr des Abends. Wir hatten daher Gelegenheit, uns fast einen ganzen Tag lang an diesem optischen Phänomen zu belustigen, das der Wüste einen merkwürdigen, zauberhaften Reiz verlieh. Wir sahen es zuweilen nur an einer, meistens aber an zwei bis drei, ja fünf und mehr Stellen auf verschiedenen Seiten zugleich, – wenn es an der einen von diesen Stellen verschwand, so erschien es an einer andern Stelle wieder, wie hingezaubert, und so dauerte das Spiel den ganzen Tag lang, – des Mittags aber am schönsten und häufigsten – fort, indem es die öde Sandwüste in eine Steppe voll von Seen, Wassertümpeln und schlängelnden Flüssen verwandelte. Manche Stellen der Wüste nämlich, die vorher, wie alles Andre rundum, in ihrer bräunlich-gelben, matten Farbe dagelegen hatten, fingen, wenn wir uns ihnen bis zu einer gewissen Entfernung genähert hatten, an, zu glänzen – sie wurden gleichsam, so schien es, in einen Spiegel verwandelt, der die Farbe und das Licht des Himmels bläulich-weiß zurückstrahlte und dadurch das Bild einer Wasserfläche hervorrief; er war aber so blinkend, wie diese, – am Saum zitternd und dadurch den Wellenschlag so täuschend nachahmend, daß wir oft anfingen, zu zweifeln, ob wir nicht das wirkliche Wasser kleiner Seen vor uns erblickten. Weil nämlich der Saum der erhitzten Wüste im aufsteigenden Luftstrome wellenförmig zitterte und die Gränzlinie, die er mit dem scheinbaren See bildete, dadurch zerrissen wurde, so veranlaßte er durch seine Spiegelung im Pseudo-Wasser das Sichtbarwerden von länglichen Gestalten, wie von Palmenstämmen, die man am Ufer zu sehen glaubte – oder das spiegelnde, umgekehrte Bild wirklicher in der Nähe liegender Felsblöcke oder andrer Unebenheiten in der Wüste wurde verlängert. – Diese spiegelnden Wasserflächen hatten meistens eine längliche, streifenartige Form, zuweilen waren sie auch rundlich, manchmal wie Flußarme geschlängelt und eben so verschieden, wie in ihrer Form, waren sie auch ihrer Größe nach und wuchsen von kleinen Tümpeln bis zu ansehnlichen Seen an. Oft sah man sie mitten in der Wüste, dann waren sie an allen Seiten von dunkler gefärbten, matten Ufern umgeben und sie schienen in sanften Vertiefungen der Wüste zu liegen; am häufigsten aber zeigten sie sich in der Nähe des Randes oder im Rande selbst der Wüste und dann floß ihr jenseitiger Rand ununterscheidbar mit der Helle des Himmels, dessen Farbe sie hatten, zusammen.

Meine Begleiter und ich, wir wurden denn auch den ganzen Tag lang nicht müde, diese Erscheinung, die der starren Fläche ein gewisses Leben, eine gewisse Bewegung verlieh, zu betrachten und zu bewundern. Schon oft hatten wir geglaubt, wirkliches Wasser zu sehn und waren getäuscht worden. Dennoch geschah es zuweilen bei unsrer Ankunft an einer Station, wenn wir einen neuen See vor uns erblickten, daß verschiedene Engländer mit andern ihrer Landsleute um mehre Pf. Sterling wetteten: Diesmal wirkliches Wasser vor sich zu haben. Da lag, wie es schien, in einer sanften und muldenförmigen Vertiefung der Wüste – ein schöner blinkender See, sein Wasser bewegte sich zitternd in sanften Wellen und von seinem Ufer zogen sich ebenfalls lange Gegenstände – zitternd und sich spiegelnd – herab in's wogende Wasser, gerade so, wie man es an wirklichen Seen bemerkt, über deren Spiegel ein sanfter Wind hinwegstreicht. Die Täuschung war so vollkommen, daß ich wohl hätte mitwetten mögen, wenn ich von der Unmöglichkeit von vorhandenem Wasser in dieser Erdgegend nicht so sehr überzeugt gewesen wäre. Viele der Passagiere glaubten es aber steif und fest und schritten, um die Wette zu gewinnen und dabei zugleich ein erfrischendes Bad im Wasser zu nehmen, muthig darauf los. Aber als wir uns dem Phänomen bis auf einen gewissen Abstand genähert hatten, so wurde es zuerst schmäler, streifenförmiger und dann verschwand es, und zwar ziemlich schnell, vor unsern Blicken. Seespiegel, Wellenschlag, Ufer, Alles verschwand, wie auf einen Zauberschlag und von der muldenförmigen Vertiefung, die wir zu erblicken geglaubt hatten, blieb nichts zurück, wie die matte Sandwüste, die an der Stelle eben so flach und gleichförmig war, wie überall. – Was uns am meisten ärgerte, war, daß wir nicht einmal die Entfernung zu bestimmen vermochten, in welcher von unsrem Standpunkte aus gerechnet, die Erscheinung sichtbar wurde und wieder verschwand, daß wir also auch nicht die Stelle bestimmen konnten, wo die scheinbare Spiegelung Statt gefunden hatte, aus dem einfachen Grunde, weil diese keine Spur hinterließ und weil es den luftigen Seen nicht beliebte, mit ihrem Vorhandensein so lange zu warten, bis wir an ihren Ufern angekommen waren. Unsre Schätzung der Abstände, in welchen wir diese scheinbaren Wasserspiegel vor uns liegen sahen, auf ein bis zwei, ja drei und mehr englische Meilen war daher gewiß auch sehr betrügerisch.

Nachdem ich diese sogenannte Luftspiegelung gesehen und so oft sie sich zeigte, mit immer erneuerter Bewunderung betrachtet hatte, so mußte ich gestehen, daß doch auch die Wüste ihre Schönheiten besaß.