Auch der Abend, nachdem er gefallen war, nachdem sich schon ein zweifelhaftes Dämmerlicht über den Sandocean verbreitet hatte, bestätigte dies. – Wir befanden uns in der vorletzten Post-Station, als uns einige Passagiere, die draußen standen, zuriefen, daß wir hinaus in's Freie kommen möchten, weil ein wundervolles Schauspiel sichtbar werde. – Draußen angekommen und auf einem Sandhügel postirt, – da sahen wir eine ungeheuer große Kugel – sie war oben halb fleischroth, halb isabellfarben, – wir glaubten, daß es ein Luftballon sei, den man in ein bis zwei engl. Meilen Entfernung von uns in der Sandfläche aufsteigen ließ, – und wir hatten einige Zeit nöthig, um uns zu überzeugen, daß das, was wir sahen, – der volle Mond war, der sich langsam – wie ein ungeheures Gespenst über den Saum der bräunlich-falben Wüste erhob. – Er schien so ungeheuer groß, daß wir hätten glauben mögen, sein Durchmesser betrage mehr, wie gewöhnlich, was natürlich nicht der Fall war und so erhielten wir einen neuen, schlagenden Beweis, wie trügerisch alle Schätzungen über die Verhältnisse von Größe und Entfernung der Gegenstände in einer Wüstenfläche sind, die sich einförmig und kahl nach allen Seiten ausstreckt. –

Ich habe jene Erscheinung, wie gewöhnlich zu geschehen pflegt, Luftspiegelung genannt; sie gehört aber in der That der Lehre von der irdischen Strahlenbrechung an und ist am gründlichsten von Biot erklärt.[39] – Da, wie bekannt, Flüssigkeiten von verschiedener Dichtigkeit ein verschiedenes Brechungsvermögen besitzen, so hat Biot alle Erscheinungen auf mathematische Art erklärt durch die Abweichung der Lichtstrahlen, welche vom Gegenstande zum Auge gelangen, von der geraden Bahn, wodurch nach optischen Gesetzen eine Verrückung des gesehenen Bildes herbeigeführt werden muß. Über dem Wüstenboden aber, den die Sonne bescheint, sind die über einander gelagerten Luftschichten in verschiedenen Graden erhitzt, haben also auch eine ungleiche Dichtigkeit und ein ungleiches Brechungsvermögen der Lichtstrahlen. Diese letztern werden krumme Bahnen (Trajectorien nach Biot) in ihrem Laufe durch diese Luftschichten beschreiben, und da die Dichtigkeit der Luft unten, wo sie am stärksten erhitzt ist, am schwächsten ist, nach oben aber zunimmt, so entsteht von dem Gegenstande, – nämlich dem untern Theile des Himmels, der auf dem Wüstenrande zu ruhen scheint, – bis zum Auge eine nach unten gekrümmte Trajection und das Auge sieht ein doppeltes Bild: 1) das Bild, das durch dieselbe Luftschicht von gleicher Dichtheit in gerader Richtung vom Gegenstande zum Auge geht, also den wirklichen untern Theil des Himmels und 2) das Bild von diesem Theile des Himmels, das, in verkehrter Stellung, durch die gekrümmte Linie zum Auge gelangt und unter dem Wüstenrande oder in der Wüste selbst zu liegen scheint, wo es die Gestalt einer Wasserfläche hervorbringt, in welchem Wasser sich dann auf gleiche Weise das vom Wüstenrande entstandene, verkehrte Bild zu spiegeln scheint.

Die Steine, die in den verschiedenen Gegenden der Wüste, bald mehr, bald weniger zahlreich mit dem Sande vermengt waren oder auf dem Sande zerstreut lagen, waren meistens abgeplattet-kuglige, zwei bis vier Zoll dicke Geschiebe von Quarz, Feuerstein, Hornstein, Achat. Unter ihnen herrschte besonders ein gelblich-bräunlicher in Achat und Onyx übergehender Hornstein vor (s. Suez Nr. 1 im Museum zu Leyden), der sich durch concentrisch-rund um den Mittelpunkt laufende, abwechselnd hellere und dunklere bandförmige Streifen auszeichnet.

Der letzte, westlichste Theil des „Thales der Verirrungen“,[40] den wir durchschnitten, war viel unebner, wellenförmig-hügliger, als alle frühern, doch senkte er sich im Allgemeinen zum tiefer liegenden Nilthale herab. Er blieb in seiner Beschaffenheit den vorigen gleich, nämlich eben so kahl wie diese – und erst als wir diese nord-östliche Vorstadt von Cairo hindurch gefahren waren und aus dem Wirrwarr von elenden aus Erde gebauten Hütten (eigentlicher Höhlen), woraus diese besteht, in's Frankenquartier der Stadt, wo größere Wohnungen standen, gekommen waren, da sahen wir, zum ersten Male seit 22 Tagen, seitdem wir Ceylon verlassen hatten, wieder süßes Wasser, – wirkliches Wasser! – und erblickten zur Seite des gegrabenen Kanals, den dieses Wasser erfüllte, zum ersten Male wieder Bäume, – grüne Bäume! – Wir befanden uns im fruchtbaren Thale des Nil und hielten um 7½ Uhr des Abends (am 12ten October) vor dem Oriental-Hotel in Cairo still (siehe [Fig. 18]).

Ich hielt mich vom 12ten October an bis in den Abend des 21sten, also neun Tage lang in der Hauptstadt von Egypten, der Residenz des Pascha-Vicekönig's, auf, unterlasse es aber, mich in eine vollständige Beschreibung von Cairo einzulassen, da es, so ziemlich in allen Sprachen, schon genug beschrieben ist.

Jedem Passagier mit der Landpost ist die Freiheit gelassen, die Reise entweder sogleich nach Alexandrien fortzusetzen oder eine Zeit lang hier zu bleiben und einen der folgenden Transporte, die von Bombay aller 14 Tage anzukommen pflegen, abzuwarten und dann mit den Passagieren dieser spätern Transporte seine Weiterreise, auf kleinen Dampfschiffen den Nil herab, nach Alexandrien zu verfolgen. Die Passagescheine bleiben so lange gültig. Das Gepäck der Reisenden, das ohne deren Bemühung von Suez nach Cairo auf Kameelen angebracht wird, bleibt dann so lange in den Packhäusern zu Bulak deponirt. In diesem Dorfe, welches eine Stunde von Cairo entfernt, am östlichen, rechten Nilufer liegt, fand ich schon am Abend des folgenden Tages meine Kisten, zu denen mir der Zugang auf das Bereitwilligste gestattet wurde, um Bedürfnisse, die ich nöthig hatte, herauszunehmen.

Fig. 18. Lith. Anst. v. J. G. Bach, Leipzig.

Wenn man das platte Dach des Hotels betritt oder den Berg der Citadelle, den höchsten Punkt in ganz Cairo, – oder das Minaret einer Moskee ersteigt und sich auf die Gallerie, die rund um diese Thürmchen läuft, begiebt, so kann man einen großen Theil der Stadt und von der Citadelle aus sogar ganz Cairo mit seinen Umgebungen, – dem angränzenden Nilthale in Westen bis Norden, und der Wüste in Osten und Nord-Osten, – überschauen. Man sieht dann über ein Chaos von niedrigen, doch meist zweistöckigen, oben platten Häusern hin, die viereckigen Kasten mit dunklen Löchern, den Fensteröffnungen, gleichen und die eine eben so schmutzig-braune Farbe haben, wie die angränzende Wüste. Viele davon sind nur aus Erde (Nilschlamm) erbaut und als einst vor 20 Jahren ein Regenschauer fiel, was hier eine große Seltenheit ist, so lief die halbe Stadt große Gefahr, in Schutt zu versinken, nämlich in Wasser aufgelöst zu werden und die Bewohner flüchteten aus ihren Häusern. Nur hier und da schimmert ein besseres, weiß angestrichenes Haus aus dem Wirrwarr der übrigen hervor oder erhebt eine aus Stein erbaute Moskee ihre Minaret's. Das größte Privathaus in der ganzen Stadt ist das Hotel ([Fig. 18]), in dem wir abgestiegen sind. Es liegt im nord-östlichen Theile der Stadt und hat die Aussicht über die Gartenanlagen des Platzes Esbekieh, an die es gränzt. Dies ist der öffentliche Spaziergang der Bewohner von Cairo, wo sich die Türken des Abends unter den Bäumen mit Lautenspiel und Kaffeetrinken belustigen. Man erblickt daher hier das Grün von Bäumen und Sträuchern, fühlt aber auch den Nachtheil, den die Nähe des Wassers, der gegrabenen Kanäle, welche Esbekieh umzingeln, hat, nämlich Schwärme von Mosquiten, die auch im Innern des Gasthofes nicht fehlen. In allen übrigen Theilen der Stadt ist nirgends einiges Grün zu entdecken, außer den mehr grauen als grünen Wedeln der Dattelpalmen, die hier und da sehr vereinzelt über die Mauern hervorragen. Der Anblick über das Ganze, so wie es daliegt im blendend hellen Scheine der Sonne, wenn man es von einer Anhöhe herab beschaut, ist denn auch mehr eigenthümlich als schön. – Und wenn man sich in das Innere der Stadt begiebt und die engen Gassen durchwandert, die gewissermaßen nur Spalten zwischen den Häusermassen sind und deren Bewohner ihren Nachbarn gegenüber die Hand zureichen können, so stößt man auf den buntesten Wirrwarr, den man irgendwo erblicken kann. Man sieht die engen Kanäle (Gassen) vollgepfropft von Arabern, Türken, Griechen, Kopten, Juden, Malthesern, Franzosen, alle in ihrer Nationaltracht durch einander fluthend. – Kaufleute mit Datteln und andern Herrlichkeiten und Dutzende berittener Esel drängen sich durch's Gewühl hindurch, das an den schmalsten Stellen oft ganz in's Stocken geräth, so daß man weder vorwärts, noch rückwärts kann, – und wenn dann noch ein Kameel mit seiner Last ankommt, das auch hindurch will, ob es gleich den ganzen Raum der Gasse beinahe allein einnimmt, über deren Gewimmel es mit seinem riesenmäßigen Halse hoch hinwegschaut, so läuft man große Gefahr, zerquetscht oder zertreten zu werden. – Dessenungeachtet, als ob die Gassen nicht schon an und für sich selbst eng genug wären, erblickt man überall die Kaufwaaren in Ballen, Körben, Kisten, auf Tafeln und Gestellen vor den Thüren zur Schau ausgestellt.