Ihrem Verlaufe nach bilden die Gassen das größte Labyrinth, das man sich denken kann, sie drehen sich zu hundert Malen, – rechteckig – in den verschiedensten Richtungen hin und her, – bald werden sie breiter, bald wieder schmäler, – bald machen sie endlose winklige Gänge und kommen dann wieder auf denselben Punkt zurück – oder sie theilen sich in zwei bis drei Gassen und diese endigen sich, nachdem sie die wunderbarsten Biegungen, jederzeit in rechten Winkeln, gemacht haben, blind, so daß der Reisende, nach viertelstündigem Wandern keinen Ausweg findend, wieder zurückkehren muß, – und daß ein Wegweiser durch die Stadt einem jeden Fremden, der nicht in der Irre herumlaufen will, unentbehrlich ist. Das schmutzigste Quartier mit den allerschmälsten, oft ganz überbauten Gassen, mit den wunderlichsten Schlupfwinkeln und schiefen Häusern, die den Einsturz drohen, ist das der Juden und aus diesen Gründen wohl besehenswerth. – Manche Theile der Stadt, wo die Häuser theils eingefallen, theils, zum Breitermachen der Straßen, eingerissen sind, liegen ganz in Schutt. – Etwas besser schon ist das Quartier der Kopten, noch besser das der Franken (europäischer Christen), deren größte Zahl hier in Cairo Franzosen sind. Unter diesen findet man besonders Krämer, Schenkwirthe, Halter von Billard- und Kaffeehäusern, Kleiderkünstler, Professoren der Haarschneidekunst und Buchhändler. Viele Franzosen befinden sich im Dienste des Pascha als Offiziere oder Beamte und tragen alsdann das gewöhnliche egyptisch-griechische Kostüm, dessen Kopfbedeckung eine rothe Kappe mit einer großen Troddel von blauer Seide ist.

Das Hotel d'Orient, in dem Theile des Frankenquartiers gelegen, der an den schon oben genannten Spaziergarten gränzt, ist ein geräumiges, vierflügeliges, rund um einen innern, viereckigen Hofraum laufendes Gebäude von drei Etagen, das luftige und reinliche Zimmer enthält. Auch findet man daselbst eine Anstalt, um warme und kalte Bäder zu gebrauchen, für deren jedes man drei Franken bezahlt, – ein Lesekabinet – einen großen Speisesaal, aber eine schlecht besetzte Tafel, auf welcher die Hauptspeisen Hühner- und Hammelfleisch, nebst in stinkendem Fett gedämpftem Reis waren. Die Kost war überhaupt sehr schmal und stand, nach meinem Geschmacke, unter der inländischen Kost der Javaner. Der Gastwirth war ein Franzose (Coulomb, frères). Der tägliche Preis für Kost und Wohnung betrug 10 Francs (8 Schilling oder 4 indische Rupien), für eine Fahrt mit dem Wagen, wenn diese auch noch so kurze Zeit dauerte, bezahlte man 15 Francs (12 Schilling oder 6 Rupien) und für einen Dragoman, einen Türken oder Griechen, der Französisch versteht und als Dolmetscher oder Wegweiser dient, 5 Francs (4 Schilling oder 2 Rupien) täglich. Ein Dutzend Stück Wäsche kostet 2½ Francs.[41] Spottwohlfeil aber waren die Esel, die denn auch zu dem gewöhnlichsten Transportmittel in der Stadt und deren Umgebung dienen und die mit eben solchen dicken, unbehülflichen Sätteln, wie zu Aden, angethan, gewöhnlich zu Dutzenden auf dem Platze vor dem Hotel bereit standen.

Die zu Cairo ansässigen, europäischen Herren, die ich kennen lernte, hatten fast alle mehr oder weniger inländische Gewohnheiten angenommen, sie saßen nicht auf Stühlen, sondern auf niedrigen, breiten Ottomanen, manche auf türkische Art mit untergeschlagenen Beinen, – und rauchten aus langen türkischen Pfeifen, die, von einem Diener schon angesteckt und dampfend, auch uns Gästen angeboten wurden. Manche hielten auch ihren Harem und blieben Christen, wie zuvor. Bei solchen Besuchen hatte ich Gelegenheit, in Erfahrung zu bringen, daß die Wohnungen im Innern doch gewöhnlich viel besser eingerichtet, – reinlicher, wohnlicher, zierlicher und schöner meublirt waren, als man nach ihrem äußern, kahlen und schmutzigen Ansehn hätte erwarten sollen. Die meisten und fast alle von den größern Gebäuden waren vierflügelig und umschlossen einen innern Hofraum, in dessen Mitte sich, oft von einem Paar Bäumen beschattet, ein Brunnen (Cisterne) befand. Um diesen, allen neugierigen Blicken von außen völlig unzugänglichen, Hofraum liefen, wenigstens auf der obern Etage, zierliche offene Galerien herum, in denen sich die Fenster der Zimmer öffneten, während die Außenseite der Häuser nach den Straßen zu nur aus kahlen Wänden bestand. Hier und da sah man auch Luxus, – Fluren und Galeriesäulen waren oft von Marmor und der Boden vieler Zimmer war getäfelt.

Eine dankbare Erinnerung für zuvorkommende Gefälligkeiten, die ich genoß, knüpft sich an die Namen: de Champion (östr. Consul), Annibal Petracchi, Leop. de Rossetti (Spanier), Dr. Bruner-Bey, ein Bayer, Dr. Gaëtani-Bey, ein Spanier, war Leibarzt von Mehmed Ali und Dr. Klot-Bey, ein Franzose, von Ibrahim Pascha.

Die hauptsächlichsten Sehenswürdigkeiten Cairo's und seiner Umgegend sind: verschiedene schöne Moskee'n, die ein jeder gute Christ besuchen darf, wenn er nur seine Schuhe im Vorportale ausziehn will, – die sogenannten Gräber der Khalifen, – die Gräber der Mammeluken, – einige Wasserleitungen auf hohen Bögen, – der Nilmesser auf der Insel (Geziret) el Rudah, Alt-Cairo gegenüber, – die weitläufigen Gartenanlagen und der Palast von Chabra (Schubra), wo Ibrahim Pascha wohnt, am Ufer des Nil zwischen Bulak und Alt-Cairo, – der Obelisk von Mataria (oder Matarieh), nord-ost-wärts ein Paar Stunden von der Stadt, an der Karavanenstraße nach Suez, wo die Ruinen von Heliopolis liegen, – der sogenannte versteinerte Wald, nämlich verkieselte (dicotyledonische) Baumstämme, der Tertiärformation angehörig, in einer drei Stunden von der Stadt entfernten Gegend der Wüste. – Ich will jedoch nur zwei Gegenstände einigermaßen näher hervorheben, die Citadelle und die Pyramiden.

Die Citadelle liegt am süd-östlichen Ende der Stadt auf einem mehre hundert Fuß hohen Felsberge, der sich auf drei Seiten isolirt aus der Fläche erhebt. Nur in Süd-Ost hängt er durch einen etwas tiefern Einschnitt mit dem letzten ziemlich schroff gesenkten Nord- oder Nord-West-Ende des Gebirges zusammen, das den Nil in seinem Laufe auf der Ostseite begleitet und das wegen der steilen, mauerartigen Senkung, die es auf der rechten Seite, nach dem Nilthale zu, bildet, von Cairo an, Tagereisen weit den Namen Dschebel Mokattam (steile Felswand) trägt. Außer den sehr alterthümlichen Festungswerken selbst, den Kasernen und einigen tiefern Brunnen, ist die neue prachtvolle, sehr hoch gewölbte Moskee sehenswerth, welche Mehmed Ali auf dem höchsten Scheitel des Bergs, im Innern der Festung, hat erbauen lassen, und außerdem die Wohnung von Mehmed Ali selbst, die sehr bescheiden ist und in keinem Verhältniß steht zu dem, wenn auch von außen nicht schönen, Palaste seines Harem's, der sich ebenfalls, nebst noch andern Wohnungen oder Palästen, in der Festung befindet. Ibrahim Pascha regierte damals schon, Mehmed Ali hatte abgedankt und galt für blödsinnig. Man sah ihn in einem Zweispänner oft in der Stadt spazieren fahren und die Umstehenden höflich grüßen. Seine Diener machten keine Schwierigkeiten, mich während einer solchen Abwesenheit ihres Herrn in seinem Palaste herumzuführen, der nur ein einstöckiges, ziemlich niedriges Haus war. Selbst in sein Schlafgemach wurde ich gebracht. Die Zimmer sehen ziemlich gut aus, doch war die Pracht, die man erblickte, für einen König von Egypten – den Nachfolger einer Kleopatra – nicht groß. Sie waren übrigens bequem eingerichtet und auf türkische Art mit niedrigen, breiten Bänken versehen, die an den Wänden rund um das ganze Zimmer liefen. Ein Überfluß von seidenen Kissen bedeckte diese Bänke. Auch ein Billard war in einem der Zimmer vorhanden. Mehr, als die Besichtigung dieser Gebäude aber, belohnt den Reisenden die Aussicht, die er von der Citadelle, diesem höchsten Punkte der Gegend, aus gewahrt, für die Mühe der Besteigung. Wenn ich nicht irre, so ist das Telegraphenthürmchen der höchste Punkt des Festungsberges. Man sieht von dort weit über die Stadt hin, in die Wüste hinein, nach Ost und Nord-Ost, wo man mit dem Fernrohr, in der Nähe von Heliopolis, den zweiten Telegraphenthurm erblickt; im Westen liegt das Nilthal, von dem ich aber nur einen bräunlichen Wasserspiegel sah, der sich weit nach Norden in das Delta hineinzog. Es war die Zeit der Überströmung und schon in einer Entfernung von ¾–1 engl. Meile vom westlichen Theile der Stadt fing der Wasserspiegel an, der den ganzen Raum erfüllte bis an den gegenüberliegenden Wüstenrand, worauf sich in West-Süd-West von der Citadelle, zwei schräg hinter einander stehende, spitze Hügel erhoben, die, wenn man sie einmal gesehen hat, nie wieder aus der Erinnerung verschwinden. Es waren die beiden Pyramiden von Gizeh, die ich erblickte. Bis zum Fuße des erhöhten Wüstenrandes, auf dem sie stehn, war das ganze Nilthal nur eine Wasserfläche, ein bräunlich-gelber Spiegel, auf dem eine Anzahl langer, streifenförmiger Inseln zu schwimmen schienen. Dies waren die Dörfer, – und die vereinzelten Dattelpalmen, die sich auf diesen Landstreifen, neben oder in den Dörfern, erhoben, waren das einzige Grün, das man in der Landschaft sah, so weit das Auge reichte. Nackter, falber Sand und ein an Farbe diesem fast gleicher, gelblich-trüber Wasserspiegel war fast Alles, was ich von dem so gefeierten Egypten sah. Die ganze Landschaft war kahl und so weit das Auge reichte, jene Dattelpalmen ausgenommen, die in streifenförmigen Reihen aus dem Wasser hervorragten, ohne Grün. Aber je einförmiger der ganze Umkreis war, desto deutlicher fielen die Pyramiden in's Auge und blickten als Denkmäler, die der Vergänglichkeit trotzen, von ihrem Wüstenrande so stolz über den neun englische Meilen weiten Raum[42] herüber, daß, mit ihnen verglichen, die Inseln im Wasser und die Gebäude der Stadt in ein kleinliches Nichts versanken und man sich leicht in der Schätzung der Entfernung irrte. – Sie sind der Gegenstand, auf dem das Auge des Fremden zuerst haftet, da man sie nicht nur überall vom Nilufer aus, sondern auch vom Dache eines jeden höhern Gebäudes in Cairo erblickt. Man hält sie anfangs für kleiner, als sie sind, weil man die Entfernung zu gering anschlägt und weil alle andern hohen Gegenstände, die zur Vergleichung dienen könnten, in der Landschaft fehlen.

Um die Kolosse in der Nähe zu betrachten, begab ich mich am 15ten October des Nachts um 3½ Uhr in Begleitung eines Dragoman auf die Reise. Wir setzten uns auf unsre Esel und ritten durch die engen Straßen der Stadt, von denen nur eine belebt und mit einer Art von Kronleuchtern beleuchtet war, die von quer über die Straße ausgespannten Tauen herabhingen. Es wurde hier eine Hochzeit gefeiert, es wurde geschmaust und gespielt. Alle andern Straßen waren einsam und todtenstill. Der Mond aber schien so hell gegen die kahlen Mauern der oft klosterartigen Gebäude an, daß es auch in den schmalsten Gassen hell genug war, um ohne Straucheln fortkommen zu können.

Wir erreichten nach einem halbstündigen Ritt durch die Stadt, die in einem tiefen Schlummer lag, das Thor Bab el Seydeh, wo uns augenblicklich eine Wache entgegentrat.

Wie sich in dem Mährchen von Tausend und eine Nacht die Thore bezauberter Burgen öffnen, sobald der Glückliche, der das Geheimniß kennt, das rechte Wort ausgesprochen hat, so geschah es auch hier. Ich sprach nur leise das Wort Derbiel Gamiez (dessen Bedeutung ich gar nicht kannte), – und die Pforte Bab el Seydeh flog knarrend in ihren Angeln vor mir auf. Die Wache trat respectvoll zur Seite und wir schritten zum Thore der Stadt hinaus. Es war nämlich das Wachtwort, das ich vom Befehlshaber der Citadelle erhalten hatte, und das ich dem commandirenden Offizier der Thorwache ganz leise in's Ohr flüstern mußte.

Wir verfolgten nun unsren Weg auf sandigem Grunde zwischen Gartenmauern und anderm Gemäuer, ritten durch den Thordurchbruch unter einer sehr hohen und schmalen Wasserleitung hin, die nur von sehr schmalen, nicht bis zum Grunde reichenden Öffnungen, wie von hohen Bogenfenstern durchbrochen war und setzten unsre Reise dann von Neuem in Winkeln hin und her, zwischen den kahlen Mauern von Gärten fort, über welche, im Mondlichte glänzend, hier und da der Wipfel einer vereinzelten Dattelpalme herüberblickte. Die Wasserleitung ist die Ruine eines sehr alten Werkes, das aber auch jetzt noch dient, um die Citadelle mit Nilwasser zu versehn und sich fast 3000 Meter weit von West nach Ost hinzieht.