Wir kamen ein Viertel vor 5 Uhr am rechten Nilufer an, im Flecken Masr el Antikah, gewöhnlich Alt-Cairo genannt, und suchten uns eine von den vielen Barken aus, die am Ufer lagen. Wir befanden uns oberhalb, südwärts, von der sogenannten Herodes-Insel, Geziret el Rudah, die mit den Gärten und Gebäuden des Ibrahim Pascha bedeckt ist und auf ihrer Südspitze den Nilmesser trägt. Hier schifften wir uns mit unsern zwei Eseln ein und kamen nach viertelstündigem Rudern über den daselbst etwa drei Viertel engl. Meilen breiten Nil im Dorf el Gizeh an, am linken Ufer, das wegen seiner höhern Lage eben so wenig, wie das rechte, in dieser Gegend überschwemmt war. Wir vertauschten die Barke nun wieder mit unsern Eseln, kamen durch ein Campement von Cavalleristen, die in niedrigen Zelten wohnten oder ganz im Freien auf dem Sande umherlagen, neben ihren Pferden, welche mit Sätteln und Allem angethan, ebenfalls in freier Luft campirten, nämlich auf türkische Art mit den Füßen angebunden waren an kurzen Pfählen, die im Sande staken. Wir ritten dann auf schmalen, oft sehr schlammigen Dämmen hin zwischen Feldern, die unter Wasser standen, bis nach 5½ Uhr die mehr und mehr vom Wasser eingeengten Dämme zwangen, wieder eine Barke zu besteigen und unsre Reise bald in tiefen, schlangenförmigen Kanälen zwischen fruchtbaren Feldern von Reis und Mais, die nur zum Theil überschwemmt waren, – bald in dem untiefen Wasser über die inundirten Felder selbst fortzusetzen. Um 6½ Uhr kamen wir rudernd zwischen zwei Dörfern mit viereckigen Steinhäusern hindurch, Thormes und Saft, von deren Straßen viele ganz unter Wasser standen, eben so wie die Dattelpalmen, wovon hier ganze Wälder zu sehen waren. Ihre Stämme, die man in Beziehung zur Kleinheit des Baumes dick nennen konnte, ragten wie graue Säulen empor und waren ganz vom Wasser umfluthet. Ihre Wipfel aber, die mit goldgelben Fruchttrauben überladen waren, blickten freundlich auf den Spiegel des Wassers herab, gleichsam dankbar für den fruchtbaren Schlamm, den dieses Wasser auf dem Boden absetzt. – An andern Stellen, wo das Wasser schon wieder abgezogen war, sah man die Stämme auf dem Schlamme selbst sich erheben, der eine ganz ebne, gelblich-braune Oberfläche bildete. Indem wir so bei nächtlicher Weile unsre Wasserfahrt fortsetzten und uns den westlichen Gegenden des Nilthales mehr und mehr näherten, wurden die überschwemmten Gegenden immer größer, flossen mehr und mehr zusammen, so daß wir bald nur einen meilenweiten See vor uns erblickten, in dem die Dörfer und die Landstreifen, auf welchen Dattelpalmen standen, nur noch isolirte Inselchen bildeten. An allen diesen über das Wasser hervorragenden Stellen war grünes Gras und das Grün der Dattelpalmen sichtbar, außerdem aber sah man ringsherum nichts, wie den Spiegel des bräunlich-gelben Wassers, das bis an den Fuß der Wüstenterrasse, weit von hier in West und Süd-West, reichte. – Zwischen den inselförmigen Dörfern, die durch Erdwälle vor der Überströmung geschützt waren und den schmalen Landstreifen und Dämmen, die hier und da ein bis zwei Fuß hoch aus dem Wasser hervorragten, war die Strömung so stark, daß wir oft vergebens ankämpften und unsre Barke mehr als einmal Gefahr lief, umgeworfen zu werden oder zu scheitern.
Fig. 19. Lith. Anst. v. J. G. Bach, Leipzig.
In der Ferne sahen wir den breiten Bergrücken, der die Wasserfläche auf der Westseite begränzt; er erhob sich wie eine Stufe, die oben flach und ausgebreitet ist und von seinem Rande in Süd-West blickten die Pyramiden herab. Sie erschienen in ihrem nächtlichen Kleide schwärzlich-grau von Farbe, mit Ausnahme der einen Seite, die, vom Monde beschienen, hellgrau war und weit in die Ferne schimmerte.
Wir kamen näher, sie wurden größer. Als endlich die Sonne über der Wüste aufgegangen war und ihre ersten Strahlen auf die Steinkolosse warf, da fing die eine Seite derselben an, in einem gelblich-falben Lichte zu erglühen, während die andere Seite noch in tiefem schwärzlich-braunen Schatten lag, – und diese Licht- und Schattenseiten standen so grell einander gegenüber, sie waren durch so scharfe Gränzlinien von einander getrennt und eben so grell, mit eben so scharf gezogenen Linien, von dem hellen Blau des heitren Himmels hinter ihnen abgeschnitten, daß wir anfingen, außer von der Heiterkeit des egyptischen Himmels, allmählig auch von der Größe der Pyramiden eine richtigere Vermuthung zu bekommen. – Sie warfen zwei unabsehbar lange schwarze Schlagschatten hinter sich hinaus, zwischen denen der Sonnenschein, indem er zwischen den beiden Pyramiden hindurch auf die Wüstenplatte fiel, einen schmalen Streif bildete.
Man werfe einen Blick auf die kleine Ansicht [Fig. 19], welche die Pyramiden so darstellt, wie ich sie zwischen 7 und 7¼ Uhr in Süd-West erblickte, ehe wir das Dorf Kafrah erreichten. Sie lagen etwa noch drei englische Meilen von uns entfernt. Ich habe mich bemüht, die scheinbaren Größenverhältnisse, das Grelle der Beleuchtung und das eigenthümliche Kolorit sowohl der Pyramiden und des Wüstenrandes, als auch des Nilwassers so getreu wie möglich nachzuahmen. Man sieht, daß mit nur geringen Nüancen fast alles falb, bräunlich-gelb ist und daß nur Dattelgrün und Himmelsbläue einige Verschiedenheit von Farbe in die Scene bringen.[43]
Der Mangel aller Verzierungen, die einfache Form der Denkmäler, so wie auch der einförmig-flache Charakter des umringenden Landes, wo man vergebens nach Gegenständen zur Vergleichung sucht, bringen in der Beurtheilung der Größenverhältnisse der Pyramiden eine ungemeine Täuschung hervor. Man hält sie für viel kleiner, als sie wirklich sind, glaubt, daß sie viel näher liegen und kann sich nur mit Mühe überreden, daß diese plumpen Körper höher, als der Dom von Antwerpen sein sollen. Sie scheinen dem Reisenden anfangs nur 70–100 Fuß hoch zu sein und es ist einige Zeit dazu nöthig, bis der Eindruck ihrer Größe seine volle Höhe erreicht hat.