Fig. 20. Lith. Anst. v. J. G. Bach, Leipzig.

Erst als wir näher kamen, als unten am Strande, am Fuße der Terrasse, worauf oben die Pyramiden standen, Menschen sichtbar wurden, – als wir diese Menschen nebst den Kühen, die sie vor sich her trieben, nur wie kleine schwarze Punkte zu erblicken vermochten, die sich dem Strande entlang bewegten, und als auch die Dattelpalmen, obgleich sie uns doch so viel näher lagen, noch so winzig klein blieben, während man schon am Saume der Pyramiden den Treppenbau und die einzelnen Steine zu erkennen vermochte, – da fingen sie an, uns durch ihre einfache Größe zu imponiren! – Wie kolossal, dachten wir, müssen diese Steinwürfel sein! Und hätten wir den Dom von Antwerpen neben die Pyramiden setzen können, wie würden wir erst über die ungeheuren Massen gestaunt haben! (Höhe der Pyramiden 450 Fuß, des Doms in Antwerpen 443½ und des Münsters in Straßburg 437½ par. Maaß.)

Wir landeten um 7½ Uhr nord-nord-ostwärts von den Pyramiden im kleinen Dorfe Kafrah, das nur aus ganz niedrigen, viereckigen Erdhäusern bestand und durch einen ebenfalls aus Erde, Nil-Schlamm, aufgeworfenen Ringwall vor der Überströmung gesichert war. Es lag also als Insel, ohne alles Grün, ohne eine einzige Palme, mitten im Wasser. Wir bewunderten die schönen blendendweißen Zähne der Männer, die sämmtlich in lange weiße Mäntel gekleidet waren und in Menge aus ihren Hütten kamen, um uns zu sehn. Sie waren höflich und brachten ihre sehr friedsame Beschäftigung mit heraus, nämlich drehende Spindeln, die von der Hand eines Jeden an langen Fäden herabhingen. Sie spannen Baumwolle und fuhren damit so fleißig fort, als wenn sie keinen Augenblick von ihrer Zeit zu verlieren hätten. Womit sich ihre Damen beschäftigten, ist mir nicht bekannt, denn diese blieben unsichtbar.

Indem wir von Kafrah weiter durch die Wasserfläche fuhren, sahen wir noch viele Dörfer, die alle eine und dieselbe Physiognomie hatten, nämlich viereckige, platte, bald nur aus Erde gebaute, bald steinerne und dann gewöhnlich weiß angestrichene Häuser mit dunkeln Fensterlöchern, – nebst Dattelpalmen, die um sie herum standen und die sich auch zuweilen mit ihren geraden Stämmchen waldähnlich am Ufer zusammendrängten. – Alle waren Inseln in einem See und zogen sich immer kleiner, streifenförmiger werdend, bis fern an den Fuß der Wüstenterrasse hinter einander hin.

Wir erreichten diese ein Viertel nach 8 Uhr und stiegen – nach einer bald zu Wasser, bald zu Esel, bald zu Fuß fortgesetzten Fahrt von 4¾ Stunden – am Ufer unterhalb der Pyramiden an's Land.

Das Felsgehänge, das hier vor uns lag, ist von der Wüste her größtentheils mit Sand überschüttet und in Rippen von Sand verwandelt, die, nach unten breiter werdend, sich vom Rande der Terrasse herabziehn. In den obern Gegenden des Gehänges aber sind zwischen den Rippen hier und da die Felswände entblößt und hier öffnen sich an mehren Stellen eine Menge kleiner, viereckiger in den Fels gehauener Kammern, die Katakomben, die aber ihres Inhaltes – der Mumien – gewiß schon seit langer Zeit beraubt waren. Das Gestein, das in horizontalen Bänken liegt, ist ein bleicher, gelblich-weißgrauer, mürber, grober, sehr ungleichförmiger, leicht zerbröckelnder, tertiärer Kalkstein, der fast ganz aus zusammengebackenen fossilen Seethieren, Balanen, Korallen, Muscheln, besonders Nummuliten zusammengesetzt ist (Nummulitenkalk). Siehe Pyramiden Nr. 1 im Leyd. Reichs-Museum. Aus demselben Stein gehauen liegen hier ungeheure, würfelförmige Blöcke, die fast die Höhe eines Menschen haben, auf einander gethürmt; sie bilden einen Damm, der von Ost nach West aus dem Nilthal hinauf zu dem Theile der Wand führt, wo sich die Katakomben befinden. Weiter aufwärts ist auch er mit Sand überschüttet.

Wir kamen nach viertelstündigem Klimmen um 8½ Uhr oben am Rande der Wüstenplatte an und sahen nun die östlichste der Pyramiden von Gizeh, die Pyramide von Cheops, in geringer Entfernung von uns. Eine Menge Araber waren uns aus den benachbarten Dörfern des Nilthales gefolgt, Alte und Junge, deren Jeder etwas verdienen wollte. Einige boten sich an, mich beim Ersteigen der Pyramiden zu unterstützen, – andere trugen Fackeln, um diese beim Besuche des Innern der Pyramiden anzuzünden, andere hatten Trinkwasser in Flaschen und Krügen mitgenommen; – alle aber wollten sie für die Hülfe, die sie dem Reisenden aufdrangen, so theuer, wie möglich, bezahlt sein.

Ich besuchte zuerst das Innere und erkletterte nachher den Gipfel der östlichsten Pyramide, welche für die höchste in Egypten gilt und 450 par. Fuß hoch ist. Ich enthalte mich jedoch einer Beschreibung dieses durch den Besuch großer Alterthumsforscher so bekannt gewordenen Monuments. Mein Zweck konnte nur sein, den Leser mit der äußern Physiognomie des Landes überhaupt und dieser Denkmäler in's Besondere bekannt zu machen. Man klettert über Haufen von Sand und zerbrochenen Steintrümmern etwa bis ein Fünftel der Höhe hinan, wo sich in der nord-östlichen Wand der Pyramide der Eingang zum Innern befindet. Über diesem Eingange war in bunten Farben die Hieroglyphenschrift zu lesen, die R. Lepsius nach seiner Ersteigung der Pyramide (am 15ten October 1842) hier hat einhauen lassen, zum Beweise, daß dem Scharfsinn wissenschaftlicher Forschung auch die Entzifferung der räthselhaftesten Zeichen möglich ist, deren mystische Unauflösbarkeit zum Sprüchwort geworden war.

Beim Besuche des Innern muß man in sehr gebückter Stellung in einem langen, engen und kanalartigen Gange, dessen vier Wände aus geglätteten, polirten Steinplatten bestehen, hinabsteigen oder besser, hinabrutschen, denn der Kanal führt sehr steil und schnurgerade abwärts, und muß nachher auf einem ähnlichen glatten Grunde, auf dem es schwer ist, festen Fuß zu fassen, fast eben so hoch wieder hinaufklimmen und über mehre gefährliche Stellen auf schmalen Vorsprüngen hinwegklettern, um beim trüben Scheine der Fackeln den innern viereckigen Raum zu erreichen, der die Größe eines mäßigen Zimmers hat. Hier steht ein länglich-viereckiger Sarkophag, ohne Deckstück, einer Badewanne ähnlich, der aus einem Stücke desselben Gesteins gearbeitet ist, womit die vormals polirten Wände umher belegt sind, – nämlich aus einem schönen, großkrystallinischen Granit, der, außer röthlichem Feldspath und weißem Quarz, viel schwarze Hornblende und keinen Glimmer enthält, also syenitartig ist (s. Museum in Leyden, Pyramiden Nr. 4[44]). – Überall sieht man die deutlichsten Spuren, daß sich frühere Reisende Stücke von diesem Gestein abgehämmert haben, das schon vor drei- bis viertausend Jahren einmal von der Hand des Menschen bearbeitet wurde, – und ich nahm mir dieselbe Freiheit.

Ich bin zweifelhaft, ob ich das Besuchen des Innern der Pyramiden oder das Ersteigen ihrer Spitze für schwieriger halten soll; letzteres verlangt mehr Kraftentwickelung, das erstere aber ist beschwerlicher, da es zum Theil in gebückter Stellung geschehen muß, im Rauche der Fackeln und zwischen Beduinen. Diese bemühen sich allerdings, es dem Reisenden so leicht wie möglich zu machen und ihn deswegen von aller unnöthigen Last zu befreien, z. B. von seinen Taschentüchern, die sie ihm mit dem, was sie sonst noch kriegen können, hinten aus seiner Tasche ziehn, – aber als Fremder, – gänzlich Unbekannter, in so einsamen abgelegenen Räumen unter einigen Dutzend Banditen zu athmen, kam mir unsichrer vor, als 200 Fuß hoch in der Luft an der schroffen Wand der Pyramiden zu kleben.