Ich muß hier ausdrücklich bemerken, daß am Bord der kleinen, schmalen Flußdampfboote von Cairo bis Atféneh und in den noch kleinern Barken von da bis Alexandrien an kein Schlafen zu denken war, weil 1) der Schiffsraum so vollgepfropft von Reisenden war, daß man froh sein mußte, einen Sitzplatz an einem Tische erhalten zu können und 2) auch keine andern Räume, viel weniger Betten vorhanden waren. Essen und Trinken wurde oft gereicht oder, besser gesagt, die Tafel war die ganze Nacht hindurch gedeckt, aber auf egyptische Art; wenigstens ich dachte dabei immer an Pharao's magere Kühe, deren Fleisch vielleicht noch besser würde gewesen sein, als die Herrlichkeiten, die hier aufgetischt wurden: dünner Thee, schwacher Kaffee, Reis mit stinkendem Fett angerührt, harter Schiffszwieback, magere, halb gargekochte oder gebratene Hühner, – das war so ziemlich Alles. Die Engländer aßen von diesen Leckerbissen mit musterhaftem Appetit und hielten sich auch hier, wie überall, streng abgesondert von andern Nationen, als wenn sie alle nicht britischen Menschen für Ketzer oder alle andern Völker – Franzosen, – Spanier, – Holländer ganz unwürdig ihres Umganges hielten, – eine, wie mich dünkt, nicht sehr liebenswürdige, aber von ausgezeichnetem Eigendünkel zeugende Eigenschaft. Die Franzosen betrugen sich viel mehr als Weltmänner und legten offenbar eine viel feinere, gewandtere Bildung an den Tag, als jene, auf ihre – angelsächsische oder normännische – Nationalität stolzen Söhne Old-England's. Die Römer, bis anno 1 nach Christus und noch etwas später, waren eben so hochmüthig und dachten, das «civis romanus sum» aussprechend, nicht an ihren Fall. – Was ist aus ihrem Reiche geworden? u. s. w.


Als am 22sten October der Tag graute, waren wir noch im Kanale und sahen uns von einer erbärmlich-öden Landschaft umgeben, denn wir erblickten Nichts, wie braune Erdufer und Dämme, die hier und da mit einer ebenfalls aus brauner Erde erbauten Hütte bedeckt waren. Manche dieser Hütten waren viereckig, andere hemisphärisch von Gestalt. Sie waren nur mit einer kleinen Öffnung, nämlich der Thüre, versehen und schwerlich hoch genug, daß die Beduinen, die aus den Löchern hervorkrochen – lauter schmutzige, zerlumpte Gestalten, – aufrecht im Innern stehen konnten. Man hätte sie aus der Ferne für Bienenkörbe halten können, denen sie ihrer Form nach glichen, wenn sie nicht ein wenig größer gewesen wären.

Zu beiden Seiten des Dammes, der nur selten die Spuren von Pflanzenwuchs trug, sahen wir weite kahle Flächen, die bald trocken und sandig oder noch mit feuchtem, braunem Schlamm bedeckt, bald, jedoch sehr untief, oft nur einige Zoll hoch, mit Wasser überschwemmt waren. Es gehörten diese Gegenden dem fast ganz trocken liegenden See Mariut (Mareotis) in Süd-West und dem See Etku, so wie später dem See Abukir, beide in Norden, an, von denen der letztgenannte auch fast ganz ausgetrocknet war. Die beiden letztern blieben also zur Rechten, der erste zur Linken liegen, während wir im engen Kanale von unserer kleinen Dampfmaschine dahingezogen wurden. Etwas Häßlicheres kann man nicht sehen, als diese ganz horizontalen Schlammflächen oder untiefen Wasserlachen, durch die der braune Boden überall hindurchschimmert und die, so weit das Auge reicht, auch nicht die geringste Abwechselung darbieten. Kaum, daß hier und da ein Vogel darin herumwadet. Die Luftspiegelung allein war es, welche der Landschaft einigen Reiz verlieh und hier war es in der That schwer, zu unterscheiden, wo man wirkliches Wasser oder wo nur den Schein von Wasser sah.


Der Erdwall des Kanals ging endlich in Mauerwerk über und es erschienen wieder Dattelpalmen in Gärten, die mit Mauern umgeben waren. Diese lehnten sich einem niedrigen Hügelrücken an, der sich von Süd-West nach Nord-Ost in weite Ferne hinzog. Wir sahen nämlich den schmalen, erhöhten Landstreifen vor uns, der zwischen den überschwemmten Flächen Egypten's und dem mittelländischen Meere als Bollwerk daliegt, – wir erblickten immer mehr und mehr Spuren menschlicher Kunst, – Gebäude, Pflanzungen, – und kamen um 11¾ Uhr zu Alexandrien an, das auf einem in's Meer hinausragenden Felskap dieses Bergstreifens erbaut ist.

Wir konnten von dem Ende des Kanals, wo unsre Barke anlegte, die Wanderung in die Stadt nach Belieben auf Eseln machen oder auch eine Art von Omnibus besteigen, die sich zu dem Behufe eingefunden hatten. Auch unser Gepäck wurde auf Eseln oder Kameelen in die Stadt gebracht, die viel größere palastähnliche Gebäude, zahlreichere Gasthöfe enthält, und als viel besuchter Hafenort, als der Sitz der fremden Gesandten, – als Wohnplatz vieler europäischer Kaufleute, auch ein ungleich mehr europäisches Ansehn hat, wie Cairo. Die Umgebungen der Stadt sind aber viel weniger schön, viel öder und einförmiger und bieten, außer einigen Obelisken und andern Ruinen, dem Reisenden weniger Sehenswerthes an, als die erstgenannte Stadt.

III. Von Egypten bis nach Holland.

Ich hatte zu Alexandrien die Wahl, meine Reise nach Europa mit einem englischen, französischen oder deutschen Dampfschiffe nach Southampton, Marseille oder Triest fortzusetzen; ich wählte den letztern Weg und schiffte mich den folgenden Tag (23sten October) um 2 Uhr am Bord der Germania ein. Es war nämlich das Schiff Nr. XXV. von der österreichischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft: Lloyd. Das Schiff war vortrefflich eingerichtet, selbst prachtvoll und übertraf sowohl an Glanz, als an Bequemlichkeit die englischen, auf denen ich von Singapur bis Suez gefahren war. Die Tafel war ausgezeichnet, die Offiziere und übrigen Schiffsleute waren höflich, zuvorkommend, – leider aber fehlte es an Gesellschaft; denn außer einem jungen Italiener war ich der einzige Passagier, der sich nach Germania hatte wagen wollen! – Ein Dutzend Engländer hatten allerdings wohl Lust gehabt, die Reise durch Deutschland zu machen, sich aber durch die Furcht, zwischen Windischgrätz und der deutschen Nation in die Klemme zu gerathen, davon abschrecken lassen. – Eine solche Aussicht war für mich freilich auch nicht sehr einladend, aber heiligere Pflichten und Gefühle zogen mich dorthin und stählten meinen Vorsatz, ungeachtet der Gefahr, durch politische Wirren aufgehalten zu werden.

Den 24sten durch das mittelländische Meer nach Nord-West dampfend, sahen wir kein Land; – den 25sten früh aber waren wir der Insel Candia (dem alten Kreta) gegenüber, deren hohe Gebirgszüge fast den ganzen Tag sichtbar blieben. Ihr eingerissenes durchschluchtetes Gehänge stieg steil aus dem Meere empor und erhob sich zu einem schroffen Kamm, der weißlich in die Ferne schimmerte, während das Ganze ein mehr grau-falbes, kahles, sehr steriles Ansehn hatte. Wir blieben stets zu weit vom Lande entfernt, um den Küstensaum erblicken zu können, sahen daher nichts, wie diese schroff durchfurchte, bleiche Gebirgskette, die sich Tagereisen weit auszudehnen schien. – Theils auf dem höchsten Kamme der Kette selbst, theils mehr unter diesem, sahen wir einen streifenförmigen Zug von geballten Wolken hängen, der so lang wie die Kette selbst war und unbeweglich starr am Gehänge gelagert blieb, während sich der ganze übrige Himmel durch eine vollkommene Heiterkeit auszeichnete. Dies waren die ersten Wolken, die ich seit meiner Abreise von Ceylon wiedersah.