Am Morgen des folgenden Tages (den 26sten October) war es der südliche Theil von Morea (der Pelopones), dessen mäßig hohe, in vielen Reihen hinter einander liegende Gebirgszüge wir zu unserer Rechten erblickten und am fernen Horizont zur Linken zeigten geballte Wolkenlagen, bei übrigens heitrem Himmel, das Vorhandensein von Land an der Stelle an, nämlich von Calabrien, über dessen Gebirge sie sich verdichtet hatten.

Wir fuhren zwischen 10 und 11 Uhr vor dem Meerbusen von Arkadien hin, dessen mäßig hohe Bergzüge zur Rechten sichtbar waren und näherten uns der Straße zwischen dem nördlichen Theile von Morea und der ionischen Insel Zante, deren Südküste als steile Mauer von bleicher Farbe aus dem Meere emporstieg. Wir schifften nun durch klassische Gewässer und sahen den klassischen Boden von Griechenland, von dessen alter Größe aber leider nur Ruinen zurückgeblieben sind und hier und da ein Name, der wie ein verlorener Schall aus dem romantisch-schönen Alterthume heraufklingt. Zwischen 1–2 Uhr hatten wir die Hauptstadt der Insel Zante zur Linken. Wir sahen ein Chaos weißlicher, viereckiger Häuser am steilen Südfuße eines Berges liegen, an dessen Gehänge – amphitheatralisch über einander erbaut – sich noch viele Gebäude hinanzogen, während vom Scheitel des Berges selbst die Mauern der Festung niederschauten, welche die Stadt beherrscht. Nach Norden verlängert sich dieser Festungsberg in einen Rücken, der sich allmählig tiefer senkt und noch mit vielen weißen Gebäuden bedeckt ist, die aus dem Gebüsche der Oliven und anderer pyramidaler (cypressenartiger) Bäumchen hervorschimmern. Dazwischen sieht man auf geebneten Terrassen auch gelbe Streifen, die wahrscheinlich reifes Getreide sind und hinter den vordern Bergen ragt noch eine fernere, höhere Bergkette empor.

Aber viel höher als diese und in ihren Umrissen noch mehr an die Form von Kegelbergen erinnernd, sind die Gebirge der Insel Cephalonia, die uns, vorn zur Linken, allmählig näher rückte, je weiter wir zwischen den ionischen Inseln und dem Eingange zu dem Meerbusen von Corinth (dem Golf von Lepanto) dahin dampfend nach Norden kamen. Es war von 3½–5 Uhr, als wir dieser Insel auf der Ost- (Nord-Ost-) Seite vorbeifuhren. Ihre doppelten Bergzüge stiegen zu einer imposanten Höhe empor und die weißlichen Häuser und dunklen Bäume erschienen ihren bräunlichen Böschungen wie angeklebt. Sie lagen schon im Schatten der hinter ihnen stehenden Sonne und blickten düster und steil auf uns herab. – Wir hätten zwischen 5–6 Uhr glauben können, uns in einem Gebirgssee zu befinden, denn wir waren ringsherum auf allen Seiten von hohen gebirgigen Ländern eingeschlossen, – hinten und zur Linken lag Cephalonia, links und vorn Ithaka, rechts die kleine Insel Atako, hinter ihr die viel höheren Gebirge von Griechenland (Akarnanien) und vorn, die Aussicht schließend, die Insel Leucadia (Sta Maura). Es war ein malerischer, schöner Anblick. Auf unserer linken Seite, wo die Gebirge im Schatten lagen, war alles bräunlich dunkel und an den Gehängen von Ithaka wechselten viereckige, bräunliche (kahle) und dunkle (begrünte) Felder mit einander ab, – aber auf unserer rechten Seite, in Ost, lächelte auf dem Berggehänge noch der helle Schein der immer tiefer sinkenden Sonne und hier konnten wir die Olivenwälder deutlich erkennen, die dem hellern (hellfalben oder bräunlich-grauen) Grunde ein grün beflecktes und betüpfeltes Ansehn gaben. Und es schien uns, daß Alles Waldige, Dunkle, das wir, selten in zusammenhängenden, größern Flecken, sondern meistens nur in mehr oder weniger gedrängten, runden Tüpfelchen (Punkten) auf den ionischen Inseln sahen, stets Olivenbäume waren. Der Boden dazwischen schien eine helle Farbe zu haben und gelblich, bräunlich-grau oder hellbraun zu sein; da, wo sich Wege befanden, erkannte man diese als weiße, gerade oder geschlängelte Linien, die sich an den Wänden hinzogen.

Die kleine Insel Atako, die uns um 5½ Uhr gerade rechts gegenüber lag, erhob sich steil als eine hellfarbige Felsmauer aus dem Meere und bildete dann einen gerundeten Bergwulst, der waldbetüpfelt war, und noch mehr so betüpfelt zeigte sich Ithaka zu unserer Linken. Wir sahen um 6 Uhr noch die weißlichen Häuser eines Dorfes, das dem Berggehänge der letztgenannten Insel angebaut war und kamen ihm so nahe vorbei, daß eine Anzahl von gelblich gefärbten Windmühlen, die theils am Abhange, theils oben auf der Firste des Bergrückens ihre großen Flügel herumdrehten, einen recht sonderbaren, bizarren Effect auf uns hervorbrachten, die wir in schneller Fahrt dahinschifften.

Das nördliche Ende von Ithaka, hinter dem sich Cephalonia eben so weit nach Norden fortsetzt, lag uns um 7 Uhr zur Linken, während wir zwischen den Inseln hinaus nach Westen steuerten; zur Rechten hatten wir das Südende von Leucadia; das Meer wurde nun wieder weiter, die Ufer traten zurück und entzogen sich bald in der Dämmerung der fallenden Nacht gänzlich unsern Blicken. Das Wetter war fortwährend heiter, die Luft still.

Erfreulicher noch, als der Anblick der obengenannten Insel von mehr europäischer Physiognomie, war für mich der Eindruck der größern Kühle, die sich nun erst, am Abend des heutigen Tages, recht deutlich fühlbar machte; – das Abendroth war weniger farbig, als ich es zwischen den Wendekreisen zu erblicken gewohnt war, – es sah gleichsam frostiger aus und es war mit innigem Behagen, daß ich die wohlthätige vaterländische Luft athmete!

Ich hatte nun seit meiner Abreise aus Ostindien, von Java auf der Südseite des Äquators bis hierher 45 Breitengrade durchschnitten und Gegenden durchreist, deren Naturphysiognomie mit der Annäherung an den Pol sich mehr und mehr veränderte. Es waren besonders drei Kulturgewächse, die ich in dieser Ausdehnung des Erdballes gesehen hatte, wo sie eben so eigenthümlich für die Physiognomie des Landes auftreten, als sie für die Bewohner desselben von unentbehrlicher Wichtigkeit sind: die schlanken Kokospalmen in Indien, wovon ich noch auf der Südküste von Ceylon ganze Wälder sah, – die Dattelpalmen in Arabien und Egypten – und die kleinen graugrünen Olivenbäume, nebst den Reben in Süd-Europa. – Die Kälte nimmt von jenen bis zu diesen allmählig zu, die Üppigkeit der Natur nimmt ab und in gleichem Maaße erheben sich stolzer die Werke von Menschenhand. – Errichtete Kreuze und Kapellen blicken bedeutungsvoll nieder von den bebauten Höhen, – und anstatt der üppigen Urwälder Indien's treten Kirchen und Kirchthürme auf mit Glocken, gleichsam um uns den nahen Eintritt zu verkündigen in eine vierte noch nördlicher liegende Zone von Kulturbäumen, – ich meine die Obstgärten der heimathlichen Äpfel und Birnen.

Auf unserer Weiterreise durch's adriatische Meer sahen wir den folgenden Tag (27sten October) das hochgebirgige Land der Türkei (Epirus und Albanien), das aber oft in weiter Entfernung vor unsern Blicken verschwand und auch den 28sten waren die viel weniger hohen Bergzüge an der Küste von Dalmatien sichtbar. Wir erblickten von der großen Menge Inseln, welche dieser Küste vorliegen, des Morgens früh zuerst Busi und St. Andrea, die zur Linken und die größere Insel Lissa, die zur Rechten liegen blieb, während wir zwischen beiden hindurchfuhren.

Als ich am Morgen dieses Tages die Sonne anstatt, wie seit einem Dutzend Jahren immer, um 6 Uhr, erst um 7 Uhr aufgehn sah, als ich den Himmel, der seit meiner Abreise von Ceylon stets heiter geblieben war, zum ersten Male wieder voll von grauen Wolken erblickte und dabei die immer mehr zunehmende Kühle der Luft empfand, – kam es mir vor, als wenn Alles, was mich umgab, Luft, Wasser und Land, die Sterne des Himmels nicht ausgenommen, anfinge zu sprechen und mir in einer stummen, aber allerverständlichsten Sprache zuzurufen, daß ich mich nun an der andern Hälfte des Erdballes befände, fern, fern vom Äquator. – Besonders das späte Aufgehn der Sonne, das, die größere Annäherung an den Pol kund gebend, im nördlichen Theile des adriatischen Meeres immer mehr auffiel, war es, das einen tiefen, nicht leicht zu beschreibenden Eindruck auf mich machte.

Doch sollte ich auch hier etwas sehen, das mich lebhaft an Java erinnerte. Es waren die Berge Dalmatien's, die von des Morgens an bis in den Mittag sichtbar waren. Sie sahen dem java'schen „Tausend-Gebirge“ (Gunung-Sewu), das auf der Südküste zwischen Jogiakĕrta und Patjitan liegt, so außerordentlich ähnlich, daß ein Ei dem andern nicht besser gleichen kann und daß ich mich sehr irren würde, wenn beide nicht auch ganz und gar dieselbe petrographische Zusammensetzung hätten, nämlich aus Kalkstein bestehn. So viel ich weiß, ist in Dalmatien die Juraformation verbreitet. Jene auf Java aber sind tertiärer, dichter Kalkstein, ganz von Höhlen durchzogen. Und so wie diese sind auch die Berge Dalmatien's ihrer Form nach lauter isolirte, hemisphärische Hügel und Hügelwellen, zu Tausenden neben einander liegend, alle abgerundet und durch mehr oder weniger hohe Zwischenräume mit einander zu einem Ganzen verbunden, gleich runden Höckern, Warzen auf der Oberfläche eines Körpers. Hier und da senkten sie sich in eine schroffe Küstenmauer herab. Sie lagen in einer bräunlich-fahlen, olivenfarbenen Schminke da. – Von den Bergzügen Italien's bekamen wir auf unsrer Reise durch das adriatische Meer nichts zu sehen, weil unser Cours der östlichen Küste entlang ging.