Hier höre ich mit meiner Erzählung auf, denn hier fangen die Eisenbahnen an (die erste, die ich sah), die von hier an das Land durchkreuzen und sich, mit einer geringen Unterbrechung am Rhein, auch bis in das Herz der Niederlande fortsetzen.
Hier nehme ich Abschied vom Leser, denn ich befinde mich nun mitten in Europa, das den meisten Lesern dieses, wo nicht Allen, gewiß besser bekannt ist, als mir.
Allerdings war es anfangs meine Absicht, auch die Bemerkungen, die ich auf meiner Reise durch Deutschland und die Niederlande in mein Tagebuch eintrug, mitzutheilen und aus den letztern einen vierten Abschnitt der Reise: „von Lobith bis zum weißen Thore in Leyden“, zu bilden. Da aber keine neuen, weder geographische, noch geologische Bemerkungen in Holland zu machen sind, so hätte ich, um den Leser zu unterhalten, Land und Volk schildern, hätte also von einem Gegenstande sprechen müssen, den der Leser besser kennt, als ich, weil er selbst einen Theil davon ausmacht, während ich nur seit kurzer Zeit und nur ein vorübergehender Bestandtheil davon bin. – Hätte ich mich mit der Beschreibung der Niederlande, also gewissermaßen mit den Lesern beschäftigen wollen, so würde ich oftmals in den Fall gekommen sein, mein Urtheil nicht nur über nationale, sondern auch über persönliche Verhältnisse zu fällen, was, wie mich dünkt, doch manchmal ein undankbares Geschäft würde gewesen sein.
Allerdings glaube ich, daß das niederländische Volk, als Nation, wie sie dasteht, achtungswerther ist, wie manche seiner größern Nachbarn, sowohl auf der Ostseite des Rheines, als westwärts von der Mosel, wo man gar nicht mehr weiß, was man will. Wohl habe ich viele höchst achtungswerthe Personen hier kennen gelernt; da ich aber nicht Willens bin, Schmeicheleien zu sagen gegen meine Überzeugung, so würde ich auch vielleicht manchmal Veranlassung gefunden haben, zu gestehen, daß mir das Eine oder das Andere weniger gut gefiele.
Diejenigen z. B. des Volkes, die keine Pedanten sind, würden es mir gewiß nicht übel nehmen, wenn ich meinte, daß es unter den Professoren eine Menge steifer, abgeschmackter Pedanten giebt; – oder diejenigen, welche zu den wahrhaft aufgeklärten freisinnigen Menschen gehören, würden nicht bös auf mich sein, wenn ich erzählte, daß ich, mit Ausnahme der Bewohner in Krain, von der Sundastraße an bis zum Y bei Amsterdam keine Menschen angetroffen habe, die so bigott sind, als manche Bewohner von Holland, besonders eine gewisse Klasse in Leyden, bei denen Frömmelei und Heuchelei sich paart; – eben so wenig würden die braven Gelehrten und Naturforscher aufgebracht gegen mich sein, wenn ich behauptete, hier einen Botanicus zu kennen, welcher die Wissenschaft nur als Deckmantel persönlichen Eigennutzes und Großthuns gebraucht und in wissenschaftlichen Unterschleifen und Lügen eine ausgezeichnete Übung besitzt; – auch die Liebenswürdigen unter dem schönen Geschlechte, welche freundliche Anmuth mit Bildung paaren, würden es gewiß nicht auf sich deuten, wenn ich sagte, daß von den Leyden'schen Damen doch ein großer Theil außerordentlich steif, kalt, hoffärtig, zu sehr mit sich selbst und der Etiquette eingenommen sei; mit einem Worte, viel Dünkel besitze, bei wenig Herz, – und eben so wenig würden sich die echt freisinnigen Männer, die Niederland zur Ehre gereichen, darüber ärgern, wenn ich erzählte, daß ich, ungeachtet der freisinnigsten Constitution, die das Land besitzt, kaum irgendwo so hagestolze Aristokraten, die auf ihre Geburt und Andre, die auf ihre Geldsäcke pochen, angetroffen habe, wie hier und da in Holland; – – – wie nun aber, wenn sich unter den Lesern Dieses wirklich einige Pedanten, fromme Heuchler, Betschwestern, wissenschaftliche Lügner und Sophisten, hoffärtige Xantippen, aristokratische Hagestolze, Geldwölfe, deren Beutel schwerer wiegt, als ihr Kopf, u. s. w. befinden möchten? – Wie dann? – Würden diese mir auch so leicht durch die Finger sehen, wenn ich mich unterstanden hätte, so etwas, wie hier oben steht, von ihnen zu behaupten?
Der Herr, der in die Nieren der Könige und der Bettler schaut, bewahre mich vor ihrem Zorn! – Ich will lieber stillschweigen. – Weiß ich doch, daß die Gutgesinnten, die Freisinnigen, Aufgeklärten, Wissenschaft und Kunst Befördernden des Volkes unter beiden Geschlechtern, – und deren Zahl ist überwiegend, – mich verstehn; bin ich doch überzeugt, daß diese nicht verlangen, gelobt zu werden und mir auch gewiß nicht zürnen, wenn ich mich enthalte, die Andern zu tadeln und dieses Geschäft lieber solchen Leuten überlasse, die nichts Besseres zu thun haben.
Lieber Leser! Lebe wohl!
Leyden im Januar 1851.
Der Verfasser.