Wir speisten zu Mittag zwischen 12–1 Uhr im Städtchen Spittal, das auf einer dreieckigen Bergmasse liegt zwischen den zusammenmündenden Bergströmen Drau und Lieser und stiegen von da anfangs noch der Lieserkluft folgend, immer höher und höher das Gebirg hinan, das mit Nadelholzwäldern und oben mit Schnee bedeckt war, aus welchem die Tannen grün und die entfärbten Lärchenbäume gelblich hervorschimmerten. Bald hemmte das immer dichter werdende Schneegestöber nebst der fallenden Nacht alle Aussicht.
Wir blieben in der Nacht vom 5ten bis 6ten November auf dem höchsten Passe, dem Tauerpasse, dieser Alpen im Schnee stecken, der hier ellenhoch lag, während es noch fortwährend schneite. Dabei war es so furchtbar kalt, daß eine Flasche mit Wasser, die ich zu mir in den Wagen genommen hatte, durch und durch gefroren war. – Ich weiß nicht genau, wie hoch dieser Paß ist, er gehört aber dem Joche der Norischen Alpen an, in welchem sich weiter westwärts der Großglockner (von 11,982 pariser Fuß Höhe) erhebt. Das Dorf Tauern liegt 4800 Fuß und das Taurer Joch 6546 Fuß hoch; wahrscheinlich hat der Paß die letztgenannte Höhe.
Ich hatte vor zwei Monaten auf der Rhede von Batavia, als die Hitze so drückend war, nach Eis, nach Schnee verlangt, – mein Wunsch war nun erfüllt, erfüllt zum Übermaaß! – wie man sich denken kann, – denn die Kälte kam zu plötzlich, der Übergang zu schnell, – so lag ich in meine Decken gehüllt im Wagen und – fror. Auf der einen Seite gähnte uns ein tiefer Abgrund an, der sich unter uns in eine schmale enge Schlucht hinabstürzte, und auf der andern Seite hing eine himmelhohe Felswand über uns, während keine Spur der Straße mehr zu sehen war. Alles war verweht und es mußten aus einem nahen Dorfe eine Anzahl Bauern entboten werden, um den Schnee von den gefährlichsten Stellen hinwegzuschaufeln. Dann setzten wir unsere Reise fort.
Bei dieser Gelegenheit lernte ich die äußerst gutherzige, gewillige und behülfsame Art dieser Bergbewohner kennen: es sind durch und durch gute Menschen. Sie sprachen ein Kauderwelsch, das Deutsch sein sollte, das ich aber eben so wenig verstand, als die Sprache der Singalesen auf Ceylon, die vielleicht noch leichter zu erlernen sein würde, als dieser Norische Alpendialekt, der keine Regeln hat.
Den 6ten November ging unsre Reise immer noch zwischen Schneegebirgen mit grünen Tannen und gelben Lärchen (deren Blätter schon erstorben und entfärbt waren) in Schlangenlinien oder im Zickzack an schroffen Gehängen, oder in dem schmalen düstern Grunde von Thalspalten dahin, wo neben dem brausenden Strome der Weg in Felsen ausgehauen war, die zu beiden Seiten viele hundert Fuß sich erhoben. Oft sah man die pyramidalen Gestalten der Tannenwaldungen auch an den steilsten Wänden kleben.
In einer solchen tiefen Thalspalte fließt auch die Salza (oder Salzach), die sich immer tiefer zwischen den Bergen herabschlängelt und endlich ihre Gebirgsschlucht verläßt, um durch die schöne, nur noch 1408 Fuß hohe Fläche der alten Colonia Hadriana (Juvavia) zu strömen. Wir folgten ihrem Laufe und kamen im Geburtsorte Mozart's, dem Sterbeorte M. Haydn's, um 8 Uhr des Abends an.
Das Erste, was ich hier vernahm, war etwas, das man in Deutschland selten hört, – ein schönes Glockenspiel nämlich, das sich auf dem Residenzpalaste hören ließ, und das zum Andenken an einen anno 1703 mit der holländisch-ostindischen Compagnie abgeschlossenen Handelsvertrag hier errichtet wurde.
Ich wohnte auch noch denselben Abend einem Concerte steyermärkischer Sänger und Sängerinnen bei, die lauter Volkslieder im Volksdialekte sangen, – aber in so lieblichen, so reinen, harmonischen Tönen, wie man sie nur hier im Tyroler Alpenlande hören kann.
Und als ich beim Nachhausegehn über den Michaelisplatz kam und das Denkmal Mozart's erblickte, – da schien es mir, daß die Bildsäule eines Meisters der Tonkunst nirgends passender errichtet sein könne, als hier, an einem Orte, in der Mitte eines Volkes, wo, wenn auch nicht in dem Maaße, wie der Componist des Don Juan, fast ein Jeder als Tonkünstler oder als Sänger geboren wird.
Ich begab mich am 9ten November mit dem Postwagen von Salzburg nach München, – eine Reise, die durch flache Gegenden in 14 Stunden zurückgelegt wird.