Wir kamen um 11½ Uhr auf dem mehr als 1000 Fuß hohen Rande der Bergwand an.[47] Die Aussicht, die wir hier genossen, über das stolze Triest mit seinen Palästen und Gartenanlagen, der Rhede mit ihren Schiffen und über das Meer west-süd-westwärts, in der Richtung nach Venedig zu, war entzückend. Die Stadt lag im Süden von diesem höchsten Punkte des Weges. – Nach der andern Seite zu, nach Nord und Nord-West, ging der Rand nur sanft gesenkt in das unebene Plateau des Karstgebirges über. Plateau mag es im Allgemeinen genannt werden. Es ist eine rauhe, wellenförmig unebene Gebirgsfläche, in welcher häufig weißgraue Kalkfelsen hervortreten und die überhaupt ein wüstes, felsig-rauhes Ansehn hat. Hier und da sieht man horizontale oder nur sehr sanft geneigte Felsplatten (Bänke), deren steil abgebrochene treppenförmige Ränder mehr oder weniger kubisch zerspalten sind. Besonders aber zeichnet sich dieses Gebirgsland aus durch die vielen kleinen, bald flach convexen oder kesselförmigen, bald mehr hemisphärischen, bald trichterförmig tiefen und steilen Senkungen, die man überall in der Oberfläche antrifft. Manche dieser Senkungen sind im Grunde flach oder nur sanft vertieft, mit fruchtbarer Erde bedeckt, mit Gemüse, mit Wein oder andern Fruchtbäumen bepflanzt, – andere, die sich schroffer hinablassen, gleichen mit den weißgrauen Felswänden, die sie umgeben, kleinen Kratern, alle aber haben sie große Ähnlichkeit mit den kesselförmigen Vertiefungen im Kalkgebirge Gunung-Sewu auf Java und scheinen entstanden zu sein durch den Einsturz der Gewölbe von Höhlen, die sich unter ihnen befanden.

Diese Übereinstimmung zwischen zwei zu verschiedenen geologischen Formationen gehörenden Gebirgen ist bemerkenswerth. Doch fehlen dem Karstplateau (das aus Jurakalk besteht) jene Tausende von hemisphärischen Hügeln, womit die Oberfläche des – tertiären – Gunung-Sewu auf Java besetzt ist. – Diese rauhe Gebirgsplatte war nur mit einer spärlichen Vegetation bedeckt, – nämlich mit Gebüsch und mit kleinen Bäumen, unter denen eine 10–20 Fuß hohe Eiche (Quercus Cerris L.) am häufigsten war. Die baumartige Haide (Erica arborea L.) war nicht selten. Hier und da kamen liebliche Grasplätze zwischen diesen niedrigen Bäumen oder zwischen den kahlen Felsplatten und Felshöckern vor und von Zeit zu Zeit traf man ein Dörfchen oder ein kleines Gehöfte an.

Erst später, von 12 oder 1 Uhr an, ebnete sich die Gegend, die grünen Triften dehnten sich mehr und mehr aus, die fruchtbaren Felder, die Gärten nahmen an Umfang zu, – die Weinhecken wurden zahlreicher und die hübschen Dörfer häufiger, welche gute, steinerne Häuser hatten. Gewöhnlich lagen diese mehr bebauten Gegenden in sanften Vertiefungen, flachen Mulden der Bergplatte, in denen sich vorzugsweise die fruchtbare Erde schien angehäuft zu haben und diese kleinen Kesselthäler der Platte zwischen den Anhöhen, die übrigens nicht mehr so vorherrschend felsig waren, als in der Nähe von Triest, waren reich bebaut. Mein Auge weilte mit Entzücken auf diesen sanften Thalgründen, die den Reisenden um so freundlicher anlächelten, je starrer, felsiger oft die nächste Umgebung ist. Außer den wildwachsenden Bäumen, namentlich den Eichengebüschen und den überall häufig angepflanzten Reben sah ich hier zum ersten Male wieder Kirschen- und Äpfelbäume! – O, wie schön kamen sie mir vor, als ich sie nach einer 14jährigen Trennung zum ersten Male wiedersah und als ich ihnen im Stillen zurief: seid mir gegrüßt ihr alten vertrauten Gestalten, – denn mit Euch fängt meine Heimath an. – Daß ihre Blätter schon anfingen, sich zu entfärben, daß der nordische Herbst aus vielen schon zum Theil entlaubten Gebüschen hervorguckte, – das gab ihnen einen desto größern Reiz. Denn ich konnte ihren Anblick gleichsam nur genießen, indem sie entflohen, – die Zeit war kurz, – der Winter nahte. – Später erschienen Hagebutten (Rosa canina) u. s. w. Willkomm! – Evonymus europaeus trat auf, mit dessen Früchten ich als Kind die Rothkehlchen gefüttert hatte, – Brombeeren (Rubus-Arten) erschienen und ich rief ihnen zu: Ihr alten Bekannten, von Herzen willkommen!

Der Leser wird vielleicht lächeln, wie diese so wenig geachteten, europäischen Sträucher mich so zu entzücken vermochten, – und doch kann ich im Ernste versichern, daß ich nie in meinem Leben eine größere Freude empfunden habe, wie damals, als ich die stummen Gefährten meiner Jugend seit so langer Zeit zum ersten Male wiedersah.

Die Formen von Berg und Thal wurden immer sanfter, die Felder immer größer und schöner, die grünen Triften immer ausgedehnter und die Heerden zahlreicher, die auf ihnen weideten. Liebliche Dörfer mit weißen Mauern und rothen Dächern sah man in den Gründen und braune schon halb entblätterte Eichenwälder auf den Höhen. Wir näherten uns immer mehr, in der Richtung nach Nord-Ost, den so fruchtbaren, schönen Gegenden des mittlern Krain, den sogenannten Julischen Alpen.

Um 3 Uhr wurde im Dorfe Prewald Halt gemacht und zu Mittag gespeist. Das Essen war gut und kräftig und hätte die Tafel mancher großen Hotels einer Hauptstadt beschämen können. Ein hoher kahler Felsberg von weißlicher Farbe steigt in der Nähe des Dorfes empor. – Später kamen wir durch Adelsberg, befanden uns also in der Nähe der berühmten Adelsberger Höhle und des noch berühmtern Zirknitzer See's, die wir aber leider wegen Mangel an Zeit und wegen des feinen Regens, der schon seit 3 Uhr anhaltend bis spät in die Nacht herabrieselte, nicht besuchen konnten.

Wir kamen eine halbe Stunde vor Mitternacht in Laibach an. Ich verweilte in dieser Hauptstadt des nördlichen Krain bis zum 4ten November. Sie liegt zwischen den Zügen der Julischen Alpen in dem ausgedehnten flachen Thalgrunde der Sau, von schönen, grünen Wiesenflächen und fruchtbaren Feldern umgeben. Die ganze Gegend ist schön, romantisch und durch viele Naturmerkwürdigkeiten ausgezeichnet. Ich überließ mich dem Genuß, den mir der Anblick gewährte der grünen Wiesenflächen, die man nirgends zwischen den Tropen sieht, – der Thalgründe, die sich zwischen Bergzügen dahin schlängeln, – der Dörfchen und einzelnen Mühlen, die sie hier und da bedecken, – der Tannen- und Fichtenwälder, womit die Höhen begränzt sind, – der Schlösser und alten Ruinen, die von manchen dieser Höhen herabblicken, – und der glänzenden Schneegipfel der Karnischen Alpen in der Ferne! – Denn alles dieses, – die ganze Natur ja, war etwas Neues, wenigstens seit lange nicht mehr Gesehenes für mich.

Ich lernte zu Schiska bei Laibach Herrn F. J. Schmidt kennen, der ein genauer Kenner der Insecten, besonders aber der Land- und Süßwasser-Conchylien von Krain ist und vortreffliche Sammlungen über diese Zweige der Naturgeschichte besitzt. Er war auf das Zuvorkommendste bereit, mich mit den Eigenthümlichkeiten von Stadt und Land bekannt zu machen. Überhaupt kann ich nicht nachlassen, der freundlichen, leutseligen Behandlung zu gedenken, die ich in den Theilen Österreich's, durch die ich reiste, bei Vornehm und Gering erfuhr. Die Hotels stehen an musterhafter Reinlichkeit den holländischen nicht nach. Die Bewohner sind größtentheils Slaven, die deutsch sprechen und slavisch denken. Der kurz dauernde Schwindel nach nationalen Vereinigungen, der 1847 und 48 die Völker ergriffen zu haben schien, hatte auch in vielen Bewohnern Österreich's den Wunsch nach einem volksthümlichen Slavenstaate erregt. Von Sympathie für Deutschland war bei ihnen keine Spur zu bemerken.

Auf meiner Reise von Laibach nach Salzburg vom 4ten bis 6ten November, im Allgemeinen in einer nord-westlichen Richtung, kam ich über die Züge erst der Karnischen, dann der Norischen Alpen. Während im schönen Thale der Sau bei Laibach noch Alles grün war, genoß ich auf den Pässen über diese Alpen mehr Eis und Schnee, als mir lieb war, zumal da auch am 5ten sich plötzlich die Witterung verändert hatte und arge Kälte eingetreten war.

Ich ging von Laibach den 4ten November um 1 Uhr mit dem Postwagen weg. Die schöne, bebaute Fläche von Laibach, in deren Mitte das alte Schloß von seinem Berge herabschaute, verschmälerte sich nach Nord-West in ein schönes Wiesenthal, von der Sau durchströmt, und in diesem Thale fuhren wir stromaufwärts, – Dörfern und Städten vorbei, zwischen Anhöhen, die überall mit Nadelwaldungen gekrönt waren, dahin. Je weiter wir kamen, je höher wir stiegen, desto romantischer, desto schöner wurde Berg und Thal. – Wir kamen während der Nacht in Schneegestöber über die Jöche der Karnischen Alpen, die zwischen dem Thale der Sau und Drau liegen und fuhren am Morgen des 5ten schon in letztgenanntem Thale stromaufwärts, das ein breiter, flacher mit Dörfern und Städten bedeckter Wiesengrund ist. Nadelwälder standen auf den Jöchen und den Gehängen zu beiden Seiten. Die rechte Kette, die zu den Norischen Alpen gehört, war viel höher und bis zu zwei Drittel herab mit Schnee bedeckt. Der Contrast dieses Schnee's mit dem Dunkel der Tannen und dem schönen Wiesengrün des Thales war imposant. Bis zum Städtchen Spital führt die Straße im Thale der Drau zwischen den Karnischen und Norischen Alpen aufwärts, hier aber verläßt sie das Thal und läuft auf der linken (nördlichen) Thalseite hinan, um die Norischen Alpen zu überklimmen und jenseits derselben in das Thal der Salza herabzusteigen und in diesem Thale dann weiter bis Salzburg zu gelangen.