Die Zeit auf der Heide hat die Krankheit gebessert, und nun ist sie doch wieder gekommen. Es ist beinahe, als habe der Brief sie gebracht. Jachl dreht ihn hin und her, und dabei muß er wieder denken, ob wohl Lieschen sich schon einen Schatz angeschafft hat.

»So ein Stückchen Papier,« sinnt er, »kommt von ganz weit her, nicht anders als ein Vogel angeflogen.« Und eben solchen Vogel wird er nun auch fliegen lassen. Schreiben war ja immer seine Lieblingsstunde. Davor hat er keine Angst. Der Lehrer lobte ihn dabei und sagte, die andern Jungens sollten es auch so propper machen. Ja -- ja -- das war aber nur Abgeschriebenes oder Diktat; etwas, was man sich allein ausdenken soll, das versuchte Jachl noch nie.

Schreibpapier hat er nicht; das müssen ja wohl Bogen sein. Aber auf der hellgelben, sauberen Düte, die er schön zusammengelegt bei sich hat, kann er's probieren. Zwischen tausend Krümeln und Gerätschaften findet er in der Hosentasche einen kleinen Blaustift. Gerade als er sich einen guten Platz zum Anfangen ausgesucht hat, bellen Pitt und Pott, die Hunde, heiser und wütend. »Was ist denn los?« Jachl stolpert über die am Boden sich lang hinwindenden Kiefern. Friedlich grast die Herde. Pitt und Pott scheinen Jachl das Briefschreiben nur nicht zu gönnen. »Na wartet, ihr -- --«

Von neuem bereitet er sich zum Anfang vor. Den Tisch ersetzt ein kurzer, glatter Baumstumpf. Ohne langes Überlegen malt er kauernd Buchstaben nach Buchstaben:

»Liebes Lieschen, ich weiß keinen Anfang. Er kommt aber doch. In der Schule konnte ich gut Rechtschreibung, aber ein Brief ist wohl ganz etwas anderes. Einmal hatten wir einen auf: Einen Ferientag beschreiben. Ich hatte sehr gut darunter. Ich wußte bloß zuerst nicht, an wem schreiben, da schrieb ich an meine liebe Mutter. Heute weiß ich doch gleich, an wem dieser Brief geht. Ich kann hier nur aufschreiben, was ich denke, sonst passiert hier nichts. Es ist doch nicht wie Lüneburg. Du bist da zwischen viele Leute, ich habe schon manchen Tag keinen gesehen wie Pitt und Pott und meine Schnucken. Das ärgert mich gar nicht, bloß nach Dir habe ich Heimweh, wenn mir mal so traurig zumute ist. Ich habe nicht mehr solche Arbeit wie früher. Mehr mit dem Kopf muß ich bedenken; das ist sehr schön, aber beschreiben kann man es nicht. Und denn die Heide, Lieschen. (Du kennst sie ja gar nicht, so wie ich sie jetzt immer um mich habe). Die Fremden sollen man ruhig herkommen, es ist viel zu sehen; ich sehe immer und immer was neues. Jeden Tag ist was anderes. Von hier weg möchte ich nicht; es ist, als müßte ich dabei eingehen. Hans Detel spricht, ich bin wie ein langer Stock. Und ebenso dünn. Und die Hosen sind wieder viel zu kurz geworden. Wenn sie doch auch mitwachsen könnten wie ich oder die Bäume; das sparte viel Geld. Ein Kuwerr hab' ich nicht, das bringt Hans Detel morgen und dazu richtige Bogen. Meine Schulbücher habe ich alle mit hergebracht, da lese ich drin und verstehe alles jetzt viel besser wie früher. In der Schule ist einer noch sehr dumm. Der Lehrer hat oft gesagt, wir sollen uns bilden, damit wir in der Welt weiterkommen, aber für die Welt hier bin ich gebildet genug, ich lese für mich, und damit Du mir nicht soweit vorkommst. Behalte Jachl lieb.

Dein treuer Freund Jachl.«

Nachschrift: Knütten tu ich nicht (Du nennst es ja wohl stricken?), das ist für alte Schäfer; ich sehe lieber mich ordentlich um, und dann horch ich, da ist auch viel bei zu lernen. Die Amsel pfeift und die Krähe quarrt, und sonst hör ich noch sehr viel, was Du in Lüneburg nicht zu hören bekommst. Nochmal Dein treuer Freund Jachl.«

Zum ersten Male quält Jachl an diesem Abend seine Einsamkeit. Bis zu ihm verlaufen sich seine Schulfreunde nur mal des Sonntags. Johann Peter lernt beim Schreiner und Hein Gird beim Schmied. Sie mögen es hier draußen nicht sehr. Wenn sie Sonntags kommen, bringen sie richtige Zigarren mit. Jachl soll sie durchaus probieren. Ihm wird gräßlich, aber sagen muß er: »Fein schmecken Zigarren!« Die Gäste brüllen vor Lachen, als sie sehen, wie grün Jachl wird: »Das is am Anfang immer so,« schwört Johann Peter. Sie prahlen furchtbar. Hein Gird sagt, er habe Trin Durt, seine Meistertochter, richtig laut geküßt. Johann Peter ruft: »Quatsch!« Er hat noch viel was Größeres vollbracht: Hans Joachim bei einer Keilerei unterbekommen. Noch heute hat Hans Joachim blaue Flecke. Ja, die hat er. --

Nicht keilen und nicht küssen kann Jachl, der Schäfer, das ist wahr.