Zwei Tage läuft er hin und her. Sein Kopf ist ganz wirr. Er ist doch der Erbe. Erbe sein ist nicht so leicht. Es ist nicht viel dabei zu beneiden. --
Jachl muß, während noch die Leiche dicht neben ihm liegt, kramen und räumen und sein Hab und Gut besehen, denn so rasch darf er nicht wieder vom Schnuckenstall fort. -- Mehrmals rollt seine Karre, die hochbeladen ist, durch die Heide, ehe er die Erbschaft draußen untergebracht hat. Vielerlei Gartengerät hat der Ohm noch besessen; dazu eine uralte Schwarzwälder Wanduhr, einen großen kupfernen Kessel, viele irdene Töpfe und Pfannen und Tiegel und eine große braune, tannene Truhe. Bis an den Rand ist die Truhe mit alten Bauernkleidern angefüllt. Obenauf liegt des Ohms Zipfelmütze. --
Nachdem Jachl den Leiterwagen, auf dem er den toten Ohm ins Kirchdorf gefahren hat, leer zurück kutschierte, hat er nichts mehr mit ihm zu tun. Er nimmt nur noch des Ohms Katze auf den Arm, ehe er sich auf den Heimweg macht. --
Mondschein erhellt die Heide. Der Schall der eigenen Tritte und das Zirpen von Heuschrecken einigen sich zu einer geheimnisvollen Musik, die den jetzt völlig Alleinstehenden auf seiner nächtlichen Wanderung begleitet. -- Nun der Ohm tot ist, merkt Jachl erst, wieviel es doch bedeutet, ein »Stückchen Anhang« zu haben. --
Das erste Heidejahr ist vorüber. Der Schäfer hat sich so an das schwärzliche Tiergewimmel neben sich gewöhnt, daß er sich das Leben gar nicht mehr anders vorstellen kann. Er begreift nicht, wie Leute sich wohl fühlen, die allein ihres Weges gehen ohne immerfort aufpassen zu müssen, die nicht pfeifen, nicht nachzählen, nicht He-He-Rufe ausstoßen, die also nichts zu hüten haben.
Er kennt jedes seiner zweihundert Tiere ganz genau. Von jedem könnte er, würde es gefordert, eine Biographie herausgeben: Dort das kleine, ganz dunkle Schaf ist sehr anfällig; jenem schaden Wind und Wetter nicht; das da gehorcht nie, rennt immer vor, und dies mit den dünnen Beinen, bleibt zurück. Ja, es ist nicht einfach, zweihundert »Individualitäten« zu erfassen, von denen die eine zu viel säuft, (wenn's auch nur Wasser ist), und die andere sich zu oft den Magen voll Gras stopft; Individualitäten, deren manche geduldig Pitt und Pott folgen, und von denen andere nur dann zu bändigen sind, wenn sie gejagt werden. -- Jede Schnucke hat »ihren Kopf für sich«, aber die Fremden, die manchmal an Jachl herantreten, um ihn ein bißchen auszuhorchen, merken das nicht. Sie denken, Tiere sind dumm und eines ist wie das andere. Das ist ganz falsch. Aber wozu Leute klug machen? Sie können ja Bücher auch durchstudieren wie er. --
Jachl lernt jetzt richtig von Grund auf Schäfer. Das ist nicht so leicht. Er merkt es erst, während er seitenlang auswendig lernt: »Was ein guter Schäfer wissen muß«. Oft genug brummt ihm der Schädel. Da steht zu lesen: »Ein verständiger Schäfer muß die verschiedenen Grün- und Winterfuttermittel hinsichtlich ihrer Nährfähigkeit, Zuträglichkeit oder Schädlichkeit für die Schafe kennen und muß nicht minder vertraut sein mit der Verderbnis derselben und deren nachteiligen Wirkungen auf die Schafe.«
So ähnlich geht es durch das ganze dicke Buch. Aber Schafmeister oder Oberschäfer kann einer nicht werden, ohne all die Gelehrsamkeit über: Paarungsmethoden, Wollbeschaffenheit, trächtige Mutterherde, sorgfältige Weideführung und über noch sehr, sehr viel mehr. Manches liest Jachl dreimal durch, aber verstehen tut er es auch dann nicht. Wirklich in Jachl »drin« ist das Buch: »Anforderungen an einen Schäfer« noch lange nicht, aber so nach und nach behält er doch vieles. --
Immer noch ist Lieschen seine einzige Bekanntschaft und -- wie es im Leben meist der Fall ist -- solch eine, die deshalb immer mehr gilt, weil sie nicht in der Nähe ist, und weil nichts anderes dazu und dazwischen kommt. Denn die Schnucken, so viele es auch sind, und so ganz sie Jachls Leben beherrschen, kommen doch erst nach Lieschen. --