Zu Weihnachten hat sie eine Photographie geschickt. Jachl mußte erst sehr lange hinsehen, bis er genau wußte, wer das sein sollte. Was hat sie bloß auf'm Kopf!? Und Handschuhe an! Wozu zieht sich der Mensch überhaupt Handschuhe an? Jachl läuft es noch kalt über den Rücken, wenn er an die schwarzen denkt von seiner Einsegnung her. Aber, na, Lieschens Augen sind ja doch mit auf dem Bild, deshalb kommt Jachl über den Hut weg, soviel lieber sie ihm in ihrer altgewohnten Kappe wäre. -- Zuerst nagelte Jachl das Bild im Schnuckenstall in einem Winkel an. Nach ein paar Tagen wickelte er es in viel Papier ein und vergrub es tief in die Hosentasche, ganz tief nach unten, weil die andern Sachen, die in seine Taschen gehören, es sonst wohl leicht schmutzig machen könnten. --

Johanni will Lieschen noch weiter in die Welt. Bis nach Hamburg will sie! Jachl begreift das nicht. Ist Lüneburg denn noch nicht groß genug, wenn eine durchaus die Welt sehen will?! Lange sitzt Lieschens Unternehmungslust quälend in seinem Kopf. Erst gegen das Frühjahr hin treibt die Sonne sie mehr fort. Jachl wirft seine Bücher weg; zum ordentlichen Schäfer wird einer nicht bloß mit studieren. Das weiß er. --


Durch hohe Schichten Fallaub traben wieder Hirt und Herde. Ihre Schritte zerbrechen knisternd zu Boden gesunkene morsche Äste. Sie zerstampfen auch viele unter der Eisdecke ertrunkene Frösche, die in Mengen auf den grauen Moosflächen jetzt herumliegen.

Schon die erste Märzsonne tut Wunder. Und dann der April! Aber erst der Mai! Jachl ist sicher, jede Schnucke freut sich wie er über die silbrigen Knospen der Kriechweiden und über die gelbleuchtenden Ginsterblüten. Jeder Monat dünkt ihm der allerbeste, mag er ihm Sand in die Augen fegen oder ihm mit Regen die Haut durchnässen. --

Julischwüle brütet über der Heide. Jachl meint heute wiedermal bestimmt, diese Juliglut sei ihm am liebsten, gerade sie. Winzige Tiere rennen über seine bloßen Füße. Nur vollständig trostlose Wetterverhältnisse zwingen ihm Stiefel auf. Strümpfe trägt er nie. Wer sollte sie ihm stopfen? Im März schleudert er stets endgültig für Monate die Stiefel in einen Winkel, dann springt er dreimal in die Höhe. Sein Sommer hat dann begonnen, was immer der Himmel auch noch in den nächsten Monaten herunterschütte. --

Heute aber ist er wirklich da, der Sommer. Die Menschen merken ihn, und Jachl genießt ihn auch. Durch dichte Brombeerranken drängt er sich, wilde Rosenbüsche schlagen ihm um die Stirn. Unbezwingliche Sommermüdigkeit überfällt ihn. Er will sich auf den Boden strecken; schon beugt er sich hernieder -- da -- was ist denn das? Welch nie vernommenes Rauschen in der Luft? Er sieht in die Höhe. Im Kreise dreht er sich. Nichts ist da als Himmel und Argusfalter, die blau durch die Luft schweben.

Einförmige Schläge einer Holzart schallen über die Heide. Jachls scharfem Gehör entgeht auch nicht das leise Rinnen einer Quelle, die in die Wiese hinab will. --

Hat er sich getäuscht? Rauscht es nur im welligen Heidekraut? In den Hängebirken?