Was macht der Mann bloß alles! Er klopft auf Jachls Brust, er klopft auf Jachls Rücken, er legt sein Ohr dicht auf Jachls Herz. Als er fertig ist, setzt er sich gemütlich auf einen Schemel im Stall hin und sagt seelenruhig nur ein einziges Wort: »Lungenheilstätte.«

Woher soll ein Schäfer wissen, was das ist? Im Lehrbuch für Schafzucht stand nichts davon.

Der Doktor erklärt, aber Jachl versteht nur so viel, daß er von den Schnucken fort soll.

Das ist doch gar nicht möglich! Zuerst ist er stumm, und dann fängt er an auseinanderzusetzen, weshalb er hier bleiben muß. Aber der Doktor, der zuerst so freundlich war, sagt grob: »Papperlapapp, dann stirb man hier.«

Fürs Sterben ist Jachl aber immer noch ebensowenig wie damals, als er im Moor beinah erstickt wäre.

Unruhig dreht er sich an diesem Abend auf seinem Lager hin und her und denkt wieder kläglich: »Nicht sterben -- nicht sterben.« -- --

Eine umfangreiche Schreiberei beginnt. Papiere müssen beschafft werden. Der Landarzt sorgt dafür, daß alles ordnungsgemäß angebahnt wird. Wochen vergehen aber doch, bis Jachls Abreise nichts mehr hindert.

Ach, diese letzten Wochen! Wieviel muß Jachl ausstehen! Sein Herz ist nicht krank, es ist sogar riesenstark, daß es soviel Kummer aushält. Ja, es ist wahr: Jachl läßt keine Mutter zurück, keinen Vater, keine Geschwister, keine Braut, er hat gar keine Ursache sich zu grämen. Aber fragt ein Herz nach Ursache, wenn es sich bedrückt und beengt fühlt? Sind da Grund und Ursache entscheidend?

An die große Stadt, in deren Nähe das Rote Kreuz seine Heilstätten hat, mag er gar nicht denken. Da sollen doch soviel schlechte Leute leben! Und neumodische Gewohnheiten werden sie haben! Wohl alle mit Hüten auf'm Kopf. Mützen und Kappen sind da nicht angesehen. Das hat Jachl ja auf Lieschens Bild gemerkt. Überhaupt: Stadtmenschen mögen ja auch ganz ordentliche Menschen sein, aber man muß sich erst sehr an sie gewöhnen. Ein Schnuckenschäfer wird wohl in Berlin gar nicht estimiert sein. Das ahnt Jachl schon im voraus. Sie sollten ihn aber nur mal fragen, wie schwer ein ordentlicher, zuverlässiger aufzutreiben ist. -- Seinen Nachfolger hat er schon vier Wochen einstudiert. Jachl will nichts Schlechtes von Jochem sagen, aber soviel steht fest: Schäferverstand hat der nicht! Immer ist Jochem gleich mit der Schäferschaufel bei der Hand, wirft mit ihr Erde zwischen die Herde und beunruhigt die armen Tiere. Jachl regiert sie mit einem einfachen Zuruf. Jochem aber jagt sie bald zusammen, bald auseinander, ohne Sinn und ohne Verstand. Was wird das bloß werden, wenn Jachl erst fort ist? So jung er noch ist, diesem geringen Hütejungen ist er haushoch »über«. Das weiß auch der Dienstherr. »Jachl,« hat er gesagt, »Jachl, deinen Posten kannst du immer wieder haben, aber du wirst das Zurückkommen auch vergessen, wie die Jungens alle aus'm Dorf.«

Ja, das hat er gesagt. --