In Berlin war Lieschen beinah stolz auf ihre Umwandlung, aber Jachls gute, blauen Augen haben ganz rasch etwas in ihr geweckt, das lange schon schlief. Man könnte es mit dem unbequemen Wort »Gewissen« bezeichnen. Sie wehrt sich zwar: »Geht es nicht den meisten ebenso?« »Jugend hat keine Tugend« und »Berlin ist nicht Lüttersloh«. Aber so recht überzeugen kann sie sich von ihrer Tugendhaftigkeit doch nicht mehr. Wie konnte sie das nur tun? Wenn's noch einer zum Heiraten gewesen wäre! Aber ein Studierter, der gar nicht an Heiraten denken kann. Das hat sie doch gewußt. Bis heute, inmitten der Großstadtluft, nannte es Lieschen nur »ihr Pech«; heute, während sie den treuen Landsmann wieder trifft, nennt sie es zum ersten Mal »ihr Unglück«. -- Ganz stolz stellt sie fest: groß und stattlich ist Jachl! Von der Krankheit ist ihm nichts anzusehen. Seine Augen kommen ihr noch blauer vor als früher. Immer hat er sowas »Sinnierendes« in den Augen, »sowas Anständiges« hat er an sich -- sowas -- worüber sie in Berlin lachen. Warum hat Lieschen ihn nur nicht früher besucht?! Sie war wohl ganz von Gott verlassen? Behext muß sie gewesen sein, ja, den Kopf haben sie ihr gründlich in Berlin verdreht. Das fühlt sie erst hier! --
Langsam kommen sie endlich in ein Gespräch. Manchmal sagt Jachl die Worte nicht in richtiger Ordnung, und Lieschen geht es nicht viel besser. Sie wissen selbst nicht deutlich, daß das, was sie ganz in Unordnung bringt, Rührung ist. Wie Pferde, die schwer anziehen, und dann im Galopp weiter wollen, so ringen sich ihnen zuerst die Worte mühevoll aus den Herzen.
Schreckhaft durchfährt es Jachl sofort: »Nur drei Stunden -- dann ist er wieder allein -- dann ist er wieder Einspänner.« Lieschen hat sich ja sehr verändert, aber ihre Stimme, die ist noch genau wie früher, wenn sie auch berlinisch redet.
Vielleicht ist allein diese Stimme die Ursache, daß Jachl, den Schäfer, plötzlich ein fressendes Heimweh überfällt: Heimweh, wie er es nie gehabt hat, nach seinem Himmel und seiner Heide und seinem Stall und seinen Schnucken -- nach den Wolken, die auch seine Wolken sind. --
Je mehr ich meinen Jachl kennen lerne, je öfter grüble ich, wess' Standes und Geistes sein Vater gewesen sein mag. Der Möglichkeiten gibt es wohl wie Sand am Meer. Blut von dessen Blut ist ja in seinen Adern, deshalb wüßte ich so gern, wie dieses Blut beschaffen war. Jung, denke ich, muß Jachls Vater gewesen sein, nicht gar weit vom Knabenalter entfernt, als ihm der Sohn geboren wurde. Das Leben wird noch nichts in ihm zertreten haben; die große Erwartung mag noch hell in ihm geleuchtet haben. Er war ein Vornehmer, wie immer sein Rock beschaffen sein mochte. Vielleicht war er vor der Welt nur »ein gewöhnlicher Mann«. Aber der Welt trauen ist ein unsicherer Glaube. Lauschen und tief schauen ist ihr nicht eigentümlich. Gewöhnliche Leute! Sie hausen nicht immer in Dachkammern. -- Beseligt wird der junge Träumer ein frisches Ding, das noch ganz vom Hauch der Heide umströmt war, umfangen haben -- --
Dann -- ja dann kam die Wirklichkeit. Sie hieß: Joachim Bohn und schien nicht mehr als ein Bauernjunge.
Ja, so denke ich manchmal, wenn ich meinen Jachl ansehe und fühle, wie er derb und doch voll Gemüt ist, wie Ursprünglichkeit und ungebundene Natürlichkeit ihn gegen alles Gemachte und Übertriebene feien.
Lieschen, die trotz aller raschen Lebenserfahrung ein großes Kind geblieben ist, weiß gar nicht, was für einer da neben ihr geht. Daß Berlin mit seinem Lärm und Halloh verwandelt, glaubt sie wohl, aber vom Einfluß der Einsamkeit und ihrer eindrucksvollen inneren Beredsamkeit ahnt ihr Gemüt nichts. -- --