Der Duft der knospenden Pflanzen tut Lieschen wohl. Weit, weit fort von Berlin fühlt sie sich. Hätte sie nur nicht ihr Mieder so fest zusammengeschnürt. Sie möchte gern wieder mal tief, ganz tief Atem holen, aber das geht nicht, das ist ihr unmöglich. Der Druck von Jachls warmer Hand durchströmt sie wie Feuer. Am liebsten fiele sie ihm um den Hals und gestände ihm ihre Not. --
Sie staunt: hier muß etwas Berauschendes in der Luft sein; wie können Leute hier gesund werden; hier wird man eher wie von Sinnen.
Den Zug haben beide vergessen, an seine pünktliche Abfahrt gar nicht mehr gedacht. --
Im Fluge haben sich Jachls Gefühle verändert. Ihm genügt nicht mehr das Handhalten: einen Kuß, einen einzigen, möchte er Lieschen geben. Unermeßlich schwer erscheint ihm das, und er weiß doch, wie viele Menschen dies Schwere vollbringen.
Eigentlich ist er wütend auf Lieschen. Weshalb fängt sie nicht mit Küssen an. Sie weiß doch immer rasch Rat. Sie kommt doch aus Berlin!
Wieder werden sie beide einsilbig. Zuletzt verstummen sie ganz. -- -- »Jetzt -- jetzt,« denkt Jachl, während Lieschen ihn ganz bekümmert ansieht -- »jetzt«. -- Seine roten Lippen pressen sich glühend auf die ihren -- »Lieschen, liebes Lieschen --«
Gellend schrillt der Pfiff der Eisenbahn durch die Luft.
»Ich muß weg«, schreit Lieschen auf -- »das ist der Zug -- meine Herrschaft erwartet mich.« Eilig reißt sie sich los.
Jachl begreift, da gibt es kein Festhalten. Daß auch gerade jetzt der Zug kommen muß, jetzt in dem Augenblick, der ihn gelehrt hat, daß das Küssen gar nichts Schweres ist! Welch ein Jammer!
Beide laufen atemlos zum Bahnhof. Noch rechtzeitig kann Lieschen sich in das Gewühl auf dem Bahnsteig mischen. Schwatzend drängen Hunderte in die Wagen. Lieschen sitzt eingeengt zwischen singenden Burschen. Nicht einmal mehr mit ihrem Taschentuch kann sie Jachl zuwinken. --