Lange noch bleibt er auf dem Bahnsteig stehen, nachdem vom Zuge nichts mehr zu sehen ist. Langsam dreht er sich um. So viel Freude war wohl noch nie in ihm! Beinahe wie Schluchzen hört sich sein glückliches Aufatmen an. --


»Joachim Bohn ließ sich doch in der Arbeit so gut an,« meint der Obergärtner, »aber in letzter Zeit ist er wie auf'n Kopf gefallen« --

Ja, das ist Jachl. Verliebtsein ist aber auch ein Zustand, bei dem man nicht weiß, hat man noch einen Kopf oder hat man keinen. --

Wenn die andern von einer Braut reden, beteiligt Jachl sich jetzt zwar, aber immer nur kleinlaut. War jener Kuß ein Verlobungskuß? Woher soll er das bestimmt wissen? Fort kann er hier nicht so plötzlich, und seinen langen Brief hat Lieschen bisher nicht beantwortet. Das Warten auf diese Antwort ist schlimmer wie eine Krankheit. Jachl wundert sich, daß die Ärzte von solcher Heimwehkrankheit nichts merken. Ihn überfällt sie meist ruckweise. Seit Lieschens Besuch hat er sie fast täglich ein paar Stunden. --

Liebe, Sehnsucht, Heimweh sind für ihn dasselbe. Nie stellt er sich Lieschen in Berlin vor, immer nur auf der Heide. Zum Dichter macht sie ihn: mit Lieschen hört er in seiner Vorstellung die Rotkehlchen singen und die Märzdrosseln flöten; mit ihr steht er unterm Kirschbaum, und sie freuen sich an der reichen, roten Ernte. Er steckt ihr eine Kirsche in den Mund, die so sauer, daß sie das Gesicht verzieht. Darüber lachen sie beide. Jachl verspricht, nur noch mit süßen Kirschen zu kommen. --

Lieschen kennt Lüttersloh, aber nicht die weite Heide, auf die Jachls Schnuckenstall gesetzt ist; sie wird es bald selber merken. Viele Tage werden notwendig sein, um ihr die Herrlichkeiten zu zeigen, zwischen denen sie nun wieder immer und immer leben darf. Berlin ist rascher gezeigt, als die Heide. Teure Blumen gibt es dort wohl in Massen, aber wer hat in Berlin solchen Haselbusch für sich allein oder solchen Walnußbaum? Jachls Grasgarten ist eine Pracht. Wieviel Buntes blüht da nicht je nach der Jahreszeit: Schneeglöckchen, Pfingstrosen, Studenten- und Ringelblumen. Wenn im Rasen gelbe Butterblumen leuchten, wird Jachl immer besonders lustig zu Sinn. Lieschen wird erst im Grasgarten glauben, daß Berlin beim Vergleichen schlecht fortkommt. Jachl kann sich kein Leben unterhaltsamer vorstellen, wie das auf der Heide. --

Pfingsten wird er einen Tag Urlaub erbitten und die Sache in Berlin in Ordnung bringen. Oktober soll er aus der Heilstätte entlassen werden. Er zählt die Tage. --

»Unser Paradepatient! Ist gar nicht mehr zum Wiedererkennen,« sagt der Doktor, während er Jachl den fremden Ärzten präsentiert. »Der hat's erreicht.« Dann redet der Doktor noch etwas von »geordneter Nahrungszufuhr, wohltuender Wirkung körperlicher Bewegung, von gut gelüfteten Schlafhäusern und von planmäßig in Angriff genommenem Kampf gegen Tuberkulose«. Jachl hat das fremdländische Wort so oft aussprechen hören, daß es ihm selbst ganz glatt, ohne Stottern, auch über die Lippen geht. --

Kurz vor Pfingsten schreibt Lieschen endlich. Jachl traut sich gar nicht den Brief aufzumachen. Gut, daß er allein beim Begießen ist; niemand kann sehen, wie lange er das Papier zwischen den Fingern hin und her dreht. --