Zum Genuß des Salzfleisches muß man übrigens, wie ich glaube, nothwendig von früher Jugend an gewöhnt worden sein; mir widerstand dasselbe instinktartig in den ersten Tagen, und ich glaube nicht, daß ich während der ganzen Ueberfahrt mehr als etwa 5 Pfunde jener unangenehmen Speise genossen habe.

So gut wie möglich suchte man nun sich bei Tische zu belustigen, und es fehlte nicht an scherzhaften, hie und da wohl auch ärgerlichen Auftritten. Man suchte zu vergessen, daß nach vierwöchentlicher Fahrt für sämmtliche Passagiere nur noch einige Gläser vorhanden waren, denn daran war man theils selbst, theils war die See schuld. Man suchte zu übersehen, daß im Schiffs-Lexikon das Wort Serviette ausgestrichen schien, daß Messer und Gabeln in ihren Heften bedrohlich wankten, und blos hier und da kamen Ausbrüche des Tadels zum Vorschein, welche, als sie häufiger wurden, eine unangenehme Stimmung zwischen dem Kapitain und den Passagieren zuwege brachten. Des Abends bildeten sich je nach Geschmack und Neigung verschiedene Gruppen, theils wenn es nicht regnete, einem Erzähler zuhörend, theils in der Kajüte trinkend, rauchend, spielend. Die meisten von uns hatten sich von Bremen aus mit einem Vorrathe von geistigen Getränken versehen, und wo es fehlte wurde wohl nicht selten getauscht oder freundlich nachgeholfen. So vergingen die Abende heiter. Was mich anbelangt, so hatte ich des Tages über hinlängliche Beschäftigung. Ich nahm täglich einmal zu einer bestimmten Zeit die Temperatur der See, viermal jene der Luft und stellte des Tages über von früh 7 bis Abend 10 stündliche Barometer-Beobachtungen an. Das Zeichnen gefangener Seethiere, die nöthigen Notizen in das, wenn gleich nur skizzenhaft geführte Tagebuch, füllte ebenfalls viele Zeit aus.

Was meine Abende betraf, so ging ich wohl häufig auf Deck um mich umzusehen nach irgend etwas Absonderlichem oder Neuem, obgleich ich augenblicklich gerufen wurde, sobald sich irgend eine Erscheinung zeigte in Luft oder Wasser; aber da ich schon gestanden, daß ich dazwischen dem Laster des Spiels mich ergeben, und dem Sechs und sechszig gefröhnt, so will ich noch beifügen, daß ich allabendlich eine Flasche Ale getrunken, und nicht selten dabei an die Fleischtöpfe Aegyptens gedacht habe, das ist an ächtes, aufrichtiges bayerisches braunes Bier.

Solches war der Tageslauf auf der Reform unter dem lieblichen Klima der Tropen, mit ähnlichem Typus, doch hier und da mit unangenehmen Modificationen, auch unter anderen Breitegraden.

Am 1. Juni (24° 5' Länge, 0° 38' nördl. Breite) sahen wir einen Zug von etwa 80 bis 90 Schwertwalen, von den Seeleuten Butzköpfe genannt (Delphinus gladiator). Die Thiere zogen nicht weit von unserem Schiffe vorüber und schwammen ganz nach Art der Wallfische, indem sie nämlich von oben nach unten, im Vorwärtsschwimmen tauchen, mit dem Kopfe wieder hervorkommen und wieder tauchen, so daß sie eigentlich eine Reihe bogenförmiger Bewegungen machen. Diese Art sich von Ort und Stelle zu bewegen, verleiht dem ganzen Zuge den Anschein lebhafter Beweglichkeit.

Der Kopf dieser Thiere, welche gewiß 25 Fuß lang waren, ist stumpf-mopsartig, daher wohl der Name Butzkopf. Sie haben eine starke spitzige Rückenflosse und sind gefürchtet, indem sie, wie die Seeleute sagen, Boote anfallen und überhaupt grimmig und blutgierig sind. Sie verfolgen in Haufen die Wallfische, welche sie bisweilen tödten sollen. Auch Landenden sind sie gefährlich.

Es ist die Größe dieser Thiere an verschiedenen Stellen sehr abweichend angegeben, auch die Breitegrade, in welchen sie getroffen werden. Ohne Zweifel sind hier verschiedene Arten beschrieben worden. Ich habe später in Valparaiso einen Unterkiefer der Art, welcher wir begegneten, erworben; er hat auf jeder Seite elf kegelförmige, spitze, schwach einwärts gebogene Zähne, welche eng gedrängt an dem vordern Theile des Kiefers stehen. –

Wir passirten am 2. Juni, eigentlich in der Nacht vom 2. auf den 3. die Linie unter 26° 30' Länge. Es fanden keine jener Festlichkeiten statt, welche bei diesen Gelegenheiten aufgeführt zu werden pflegen, weil der Kapitain unangenehme Reibungen zwischen den Passagieren und der Mannschaft fürchtete, und dies vielleicht nicht mit Unrecht. Es läßt sich wohl denken, daß die Scherze, welche bei der tropischen Taufe vom Stapel laufen, nichst eben der zartesten Natur sind.

Gewöhnlich erscheint Neptun an Bord, mit seinem Obersteuermann und nicht selten mit seinem Hunde. Neptun trägt einen alten Frack oder irgend ein anderes altes verwittertes Kleidungsstück, unvermeidlich aber eine mächtige Perrücke von Werg oder Ziegenfell, wenn solches irgendwo aufzutreiben. Der Obersteuermann Neptuns führt Parodien der auf Schiffen nöthigen Meß-Instrumente in colossalen Dimensionen mit sich. Der Hund Neptuns endlich, ein in Fell genähter oder mit Werg decorirter Kajütenjunge bemüht sich nach Kräften possierlich zu sein und den Angenehmen nach seiner Art zu spielen. Auf Schiffen, in welchen sich keine Passagiere befinden, kömmt Neptun zum Kapitain, der an diesem Tage einen Theil seiner Würde ablegt, und auf den Scherz eingeht und sagt: er habe nicht umhin gekonnt, dem Herrn Kapitain seine Aufwartung zu machen. Letzterer erklärt, wie ihm solches sehr angenehm sei und fragt, ob Neptun und sein Gefolge etwa ein Glas Wein zu sich nehmen wolle. Neptun meint, dies sei nicht so übel. Man bringt nun vier Gläser und ein paar Flaschen Wein. Einer der Scherze ist nun, daß Neptun bittet, das vierte Glas wegzunehmen, da sein Hund nicht aus einem Glase, sondern blos von einem Teller zu saufen gewohnt sei. Es wird ein solcher gebracht und der Junge muß nun, so gut es geht, mit der Zunge nach Hundeart den Wein aus einem flachen Teller trinken oder eigentlich schlürfen. Nach einer Reihe ähnlicher Scherze beschließt des Abends ein Tanz der Matrosen, wobei einige Spaßvögel in improvisirter weiblicher Tracht erscheinen, und ein kleines, vom Kapitain gegebenes Zechgelage die Festlichkeit.

Auf Passagierschiffen übt sich der Witz an den Reisenden. Man soll getauft, vorher aber mit Theer eingeseift und rasirt werden. Dieß soll auf dem Rahmen eines auf Deck trichterförmig aufgespannten Segels geschehen, welches durch eingegossenes Seewasser wasserdicht gemacht und dann mit Wasser angefüllt worden ist. Natürlich wird der mit Theer Bestrichene alsbald kopfüber in das Segel geworfen. Man kauft sich durch eine Kleinigkeit los, und es scheint überhaupt, als ob zu jener Rasirgeschichte blos Subjecte ausgewählt würden, welche ohnedieß sich nur zweifelhafter Achtung an Bord erfreuten. Doch kömmt man nicht leicht ungewässert durch, und fast jeder bekommt, wenn auch scheinbar aus Versehen, plötzlich einen Eimer übergegossen. Daß unter der Linie dieß wenig schadet leuchtet ein.