Wie schon erwähnt, hatten wir nichts dergleichen an Bord, doch gaben die meisten der Kajüten-Passagiere eine Kleinigkeit oder Wein, was gut auf- und angenommen wurde.

Am 4. Juni (26° 50' Länge, 2° 41' südl. Breite) sahen wir auf unserer Backbord-Seite ein großes Schiff, einen Dreimaster, welcher etwa zwei englische Meilen von uns entfernt, gleichen Cours mit uns segelte.

Das Schiff schien übel zugerichtet. Es hatte den Fockmast verloren und schien auch sonst Havarie erlitten zu haben. Es wurde bald von uns überholt und kam außer Sicht. Es mußte jenes Schiff ohne Zweifel von einer plötzlichen Boe überrascht worden sein, wie denn überhaupt unter dem Aequator nicht selten auf geringe Entfernung das Wetter sehr wechselnd auftritt. Wir auf der Reform hatten wohl auch in jenen Tagen bisweilen schlimmes Wetter gehabt, welches man, auf der Seereise über den Kanal von Deutschland nach England land als »fürchterlichen Sturm« bezeichnen würde, aber so arg war es uns doch nicht geworden, daß Havarie in Aussicht gestanden wäre.

Ich finde unter dem 5. Juni in meinem Tagebuche einer Erscheinung erwähnt, welche ich schon einige Tage vorher beobachtet hatte, welche ich aber am erwähnten Tage ausführlicher beschrieben habe und hier mittheilen will, da ich nirgends eine Anleitung über dieselbe gefunden. Bei klarem Himmel, wenn der Mond nahezu voll ist, wie bei Vollmond, und bei ziemlich ruhiger See, findet sich der Widerschein des Mondes auf dem Wasser besonders klar und leuchtend ausgesprochen. Die solchergestalt beleuchtete Fläche des Meeres bildet, wie natürlich, eine Pyramide, deren Basis vom Horizonte begränzt ist, während die Spitze derselben auf den Punkt zugewendet ist (hier die Stelle an Bord), den der Beschauer einnimmt. Betrachtet man bei dieser Lage der Dinge den Mond und die ihn umgebende Stelle des Himmels allein, ohne besondere Rücksicht auf dessen Reflex auf der See zu nehmen, so zeigt sich nichts was auffallend wäre. Blickt man aber aufmerksam auf den Widerschein im Wasser und zugleich auf den Mond und die Stelle des Himmels, welche zwischen letzterem und der See ist, so bemerkt man schon nach kurzer Zeit, etwa 20 bis 30 Sekunden eine zweite Pyramide, welche aber dunkel ist, deren Basis mit jener der leuchtenden zusammentrifft, und deren Spitze den Mond nahe bei zu Berühren scheint. Bemüht man sich, beide Pyramiden, die helle und die dunkle, gleichzeitig längere Zeit zu fixiren, so nimmt das Phänomen bis auf einen gewissen Punkt hin an Intensität zu. Es ist klar, daß die Erscheinung eine subjective ist und in die Reihe der complementären gehört, denn verdeckt man die leuchtende Stelle der See mit irgend einem Gegenstande, einem Buche z. B. oder einem kleinen Brettchen, so daß blos die obere, dunklere Pyramide gesehen werden kann, verschwindet diese schon nach einigen Augenblicken.

Die Erscheinung wurde von Allen auf dem Schiffe gesehen, nachdem ich darauf aufmerksam gemacht hatte. Ich glaube, daß sie auf größeren Landseen und bei heiterem Himmel ebenfalls stattfindet, aber ich habe nie Gelegenheit gehabt, sie dort zu beobachten, und wie schon oben gesagt, ihrer auch nirgends erwähnt gefunden. Ich habe deshalb mitgetheilt, was ich gesehen habe, auf die Gefahr hin, vielleicht etwas bereits Bekanntes zu erzählen.

Am 8. Juni (29° 25' Länge, 10° 50' südl. Breite) sahen wir 3 Seeschlangen. Ueber diese Thiere, namentlich über jene Arten, welche die hohe See bewohnen, ist sicher noch wenig bekannt. Man weiß, daß die meisten Wasserschlangen giftig sind, und feststehende Giftzähne haben. Aber gewiß findet sich auf hoher See wenig Gelegenheit und vielleicht noch weniger Lust diese Thiere einzufangen. Die, welche uns zu Gesicht kamen, konnten eigentlich nur einige Augenblicke beobachtet werden, da das Schiff einen ziemlich raschen Gang hatte. Sie mochten 5 Fuß Länge haben, waren ziemlich dick, hatten einen flachen zusammengedrückten Kopf und breiten, fischartigen Schwanz. Sie schwammen mit schlangenförmiger Bewegung, doch nicht sehr rasch vorwärts und hielten sich dicht neben einander. Ihre Farbe schien glänzend blaugrün, da sie aber einige Fuß tief unter Wasser schwammen, so mag dieß wohl eine Täuschung und ihre Färbung grau oder weißlich gewesen sein, denn bei klarem Himmel und Sonnenschein erscheinen bei einiger Tiefe auf See alle helle Gegenstände mit grüner oder blauer Farbe.

Kurz nach den Schlangen, nachdem sich der Wind etwas gelegt und das Schiff einen langsamern Gang angenommen hatte, kam ein großer Fisch an die Seite des Schiffes, auf welchen sogleich Jagd gemacht wurde. Es war Coryphaena hippurus welche Species von den Seeleuten allgemein Delphin genannt wird. Warum, wissen die Götter. Der Delphin, hieß es, liebe ausnehmend silberne Geräthschaften, und man hängte deshalb sogleich einen Zinn- oder Blechlöffel an einer Schnur über Bord, damit er herbeigelockt werden sollte und, mit demselben spielend, dann harpunirt werden könnte. Der angebliche Delphin näherte sich auch wirklich dem Löffel, indessen blos in bescheidener Entfernung, ohne Zweifel entrüstet, daß man ihn mit Zinn anstatt mit Silber ködern wollte. Er folgte noch einige Zeit dem langsam weiter segelnden Schiffe und empfahl sich dann. Wie kurz vorher die Schlangen, hatte auch dieser Fisch eine prachtvolle grünlich blaue Farbe, aber auch unser Pseudo Silberlöffel glänzte in ähnlicher Pracht. Indessen zeigt das Thier auch außerhalb des Wassers eine wunderschöne Färbung. Ich hatte später Gelegenheit mehrere derselben genau betrachten zu können und erfuhr auch dort, es war nämlich auf der Rückreise von Peru nach Europa, vom Kapitain des Dockenhuden, warum eigentlich jener Löffel als Lockvogel in die See gehängt wurde. Diese Thiere stellen nämlich den fliegenden Fischen begierig nach, und sollen sich durch den Glanz des Metalles verführen lassen, dasselbe für einen solchen Fisch zu halten. Mit Ausnahme des Glanzes hat freilich ein fliegender Fisch wenig Aehnlichkeit mit einem Zinnlöffel, aber abgesehen von der Erfahrung, ist die Sache vollkommen glaubwürdig, wenn man sich an die englischen Angelkästen und die in denselben befindlichen Köder erinnert. Die meisten der letzteren, welche für den Forellenfang bestimmt sind, sind zwar sehr zierlich und solid verfertigt, aber es gibt kein Insekt auf der Erde, welches ihnen ähnlich sieht. Es sind Phantasie-Fliegen. Dennoch aber gehen die Forellen begierig nach diesen falschen Ködern und werden viel leichter durch sie gefangen, als durch wirkliche Insekten, die man als Lockspeise verwendet.

Vielleicht gehen die Forellen und andere Fische auf den Totaleffect, auf den »Eindruck«, den das Ganze hervorbringt, ähnlich wie es Kunstliebhaber und andere Leute bisweilen zu machen pflegen.

Unser anfänglich besprochener Fisch, Coryphaena hippurus, der Stutzkopf oder Delphin der deutschen Seeleute, ist an 4 Fuß lang, hat einen kurzen, von der Stirne rasch abfallenden Kopf und verhältnißmäßig kleinen Mund. Die Rückenflosse ist sehr hoch und läuft vom Kopfe bis zum Schwanze über den ganzen Leib. Die Brustflossen sind klein, die Bauchflosse fängt in der Mitte des Leibes an. Die Kiefer sind mit einer großen Menge kleiner, aber sehr spitzer, feststehender und nach innen zu hakenförmig gebogener Zähne besetzt. Die größten, welche außen stehen, sind kaum eine Linie lang. Ich habe im Ober- und Unterkiefer des Fisches 120 der größeren Zähne gezählt, kleinere sind gewiß in doppelter Menge vorhanden. Die Färbung des Thiers ist prächtig. Oben bläulich, dann an den Seiten grün, unten orange. Größere und kleinere, gelbe und blaue Flecken laufen längs den Seiten hin. Die Rückenflosse ist blau und die Strahlen sind gelb. Alle diese Farben haben Goldglanz und wechseln während des Todeskampfes. Es gewährte, obgleich mich die Thiere dauerten, dennoch einen prachtvollen Anblick, die auf Deck in der Sonne liegenden Thiere rasch im Wechselspiele alle Farbentöne von Grün, Blau und Gelb annehmen zu sehen. Man könnte die Erscheinung noch am passendsten mit dem Anlaufen gewisser Metalle im Feuer vergleichen, wo die Oxydschicht ebenfalls rasch wechselnd mannichfache Farbennüancen durchläuft. Diese Fische gewähren eine herrliche und auf See stets willkommene Speise, namentlich wenn man Monate lang blos auf Salzfleisch angewiesen war.

Ich gedenke mit dankbarer Erinnerung des 9. Juni und der freundlichen Feier, mit welcher an Bord vom Kapitain sowohl als von den Passagieren mein Wiegenfest gefeiert worden. Längere Zeit vorher hatte ich zufällig einmal des Tags meiner Geburt erwähnt, und war nicht wenig überrascht, jene Angabe so gut im Gedächtnisse festgehalten zu sehen. Ich hatte die Nacht auf Deck zugebracht und war gegen Morgen dem Scheuern der Matrosen weichend, zur Koje gegangen. Als ich zum Kaffee in die gemeinschaftliche Kajüte kam, fiel mir allerdings auf, daß alle Genossen bereits versammelt waren, und eine gewisse geheimnißvolle Stille herrschte. Im Begriffe zu fragen, wurde ich durch die freundliche Ansprache eines der Passagiere aufgeklärt. Glückwünschend, in herzlichen und ehrenden Worten, in seinem und der Genossen Namen, wurde mir von demselben zugleich ein kleines Gedicht gebracht, und mit einem Lebehoch geschlossen auf mich und die entfernten Meinen. Dort habe ich mit scherzhaftem Spruche zu antworten gesucht, aber ich war gerührt im Herzen und habe jene Augenblicke festgehalten bis auf die heutige Stunde.