Es ist eine eigenthümliche Sache darum, einen Menschen, noch dazu einen Mann, mit dem man längere Zeit freundlich verkehrt, so plötzlich in drohende Todesgefahr versetzt zu sehen, und so läßt sich leicht die Aufregung begreifen, die am Bord der Reform sich kund gab. Wir halten uns rasch eingetheilt um den Matrosen hülfreiche Hand zu leisten, wo es nöthig und möglich war, ohne mehr zu stören als zu nützen, aber bereits begannen höhere Wellen den Schwimmenden anfänglich auf kurze, bald auf immer längere Zeitdauer zu verbergen, und der mit den Wogen Kämpfende war sich sicher seiner Gefahr bewußt, ja hatte vielleicht bereits die Hoffnung aufgegeben, gerettet zu werden. Man hatte mittlerweile das Boot losgemacht, um es in See zu bringen, aber da dasselbe nur zum Trocknen auf Deck und ziemlich hoch anfgehängt war, dauerte dies längere Zeit. Endlich war es flott, mit vier der tüchtigsten Matrosen bemannt, und ruderte rasch nach der Richtung des Schwimmenden, den wir nur selten und in bedeuteter Entfernung sehen konnten. Auch das Boot verschwand jetzt in Zwischenräumen hinter den immer höher werdenden Wellen. Es vergingen Minuten des Zweifels und der Angst, bis endlich vom Mast aus der Ruf erscholl: »Sie haben ihn!« Wohl selten wurde ein lebhafteres und freudigeres Hurrah gerufen, als in jenem Augenblicke von den Reisenden auf der Reform. Nach einigen Minuten wurde das Boot sichtbar und kam rasch näher. Unser Freund saß in denselben, sehr hinfällig und bescheiden, wie es schien, aber glänzend in allen Farben, einem Chamäleon gleich. Wir konnten uns die Ursache dieser optischen Erscheinung erst erklären, als wir bemerkten, daß die frischen Oelfarben des Bootes sich abgedrückt hatten auf seinen Körper, als man ihn in dasselbe gezogen hatte.
An den Hund, den unschuldigen Anstifter alles dieses Unheils, hatte Niemand mehr gedacht, so lange man den Menschen in Gefahr wußte; als dieser aber geborgen im Boote sich dem Schiffe näherte, lugte man auch nach Leo. Er schien verschwunden, und nur einzelne der Passagiere wollten ihn bald da bald dort in weiter Entfernung gesehen haben. Das erste lebende Wesen aber, was an Bord gehißt wurde aus dem zurückgekehrten Boote, war der Pudel, der sich, dem Genius seiner Race getreu, erst hier rechtschaffen schüttelte, und dann auf unbefangene Weise im Getümmel verschwand.
Der Gerettete brach, kaum auf Deck angelangt, vollständig entkräftet in sich zusammen, und war erst nach mehreren Stunden Ruhe im Stande, seine Koje zu verlassen.
So endete das Abenteuer mit Leo dem Pudel. Mögen die freundlichen Leser entschuldigen, daß ich so lange sie aufgehalten mit demselben. –
Ich habe vorhin von Mißhelligkeiten gesprochen, welche zwischen Kapitain und Passagieren entstanden, und muß hierauf zurückkommen. Ich habe erzählt, wie man ißt und trinkt, wie man schläft und sich langweilt an Bord, ich habe die Unterbrechungen der Langweile durch Haie, fliegende Fische, Delphine und Quallen angegeben. Aber wir haben noch 8 Tage, bis wir Rio de Janeiro erreichen, und ich glaube sie zweckmäßig auszufüllen, wenn ich jenes Unfriedens, und überhaupt des Verhältnisses zwischen beiden Parteien gedenke.
Es steht irgendwo geschrieben, das Weib solle dem Manne unterthänig sein und ihm folgen in allen vernünftigen Dingen. Alle Welt weiß, daß dies geschieht, und daß das Weib wirklich bisweilen folgt, so lange es ein Ding vernünftig findet.
Hier und da aber sind die Meinungen getheilt über das, was vernünftig und unvernünftig ist, und dann entstehen Mißhelligkeiten, bisweilen sogar »Familienverhältnisse.«
Aehnliches findet an Bord statt, – auf einem Kauffahrteischiffe nämlich[2]. Ernstlich gesprochen, glaube ich, daß wirklich von beiden Seiten viel Takt dazu gehört, um ein fortwährend gutes Vernehmen aufrecht zu erhalten. Es trifft sich oft, daß der Kapitain irgend etwas an Bord zu verbieten genöthigt ist, es mag auch sein, daß bisweilen Verbote mit unterlaufen, welche eben so gut oder noch besser vielleicht, ganz unterblieben wären, aber in beiden Fällen hat er nicht die hinreichende Macht, seine Befehle zu unterstützen.
Dieß ist gleichgefährlich zu Wasser und zu Land.
Wollte der Kapitain irgend einen Passagier durch die Matrosen zwingen lassen, Folge zu leisten, so wäre auf einem Passagierschiffe, so z. B. auf der Reform mit 70 und etlichen Reisenden, ein Zusammenstehn der meisten, und mithin offenbare Meuterei sehr zu befürchten gewesen. Aber auch wenn nicht dergleichen in Aussicht steht, so hat der Kapitain doch immerhin den Ruf des Rheders zu bewahren, den Ruf der sogenannten Humanität und des freundlichen Benehmens gegen die Reisenden.