Kapitain und Passagiere grüßten sich nicht mehr bei der Begegnung auf Deck; ein, ich muß es leider sagen, öfters rücksichtsloses Benehmen fand bisweilen von beiden Seiten statt, und als wir uns der brasilianischen Küste näherten, wurde eine Schrift entworfen, welche von allen Passagieren unterzeichnet und dem Konsul in Rio de Janeiro übergeben werden sollte.
Diese Schrift enthielt alle Klagen und Beschwerden, welche man gegen den Kapitain zu führen sich berechtigt glaubte und war ein Mittelding zwischen Mißtrauensvotum und Anklage-Adresse, ein Nachklang des Jahres 1848. Ich glaube, daß alle Passagiere, außer ich und die beiden in der obern Kajüte wohnenden Reisenden, jene Schrift unterzeichnet haben.
Die Stellung, welche ich in Hinsicht auf diese Mißhelligkeiten an Bord beobachtet, war die, welche ich seit langer Zeit unter ähnlichen Verhältnissen allenthalben eingenommen habe.
Einzeln den Parteien gegenüber, gab ich jeder Unrecht, suchte aber deren Recht zu vertheidigen nach Kräften bei der andern.
Ich habe die Genossen erinnert, daß sie sich nicht in einem Hotel befänden, und daß man für 300 Thaler von Bremen bis nach Kalifornien keine lucullische Tafel verlangen könne. Ich habe ihnen gesagt, daß man wohl auf andern Schiffen zäheres Fleisch, fauleres Wasser, schmalere Bissen anträfe.
Dem Kapitain aber versicherte ich unter vier Augen, daß man doch mehr thun könne für die gegebene Summe, daß das Fleisch sehr zäh, das Wasser sehr übelriechend und die Bissen sehr schmal wären.
Da man durch die dicksten mittelalterlichen Mauern einer alten freien Reichsstadt, über ganze Straßen und Stadtviertel hin, genau hört, was gesprochen wird in den Häusern unserer Freunde und Nichtfreunde, was Wunder, wenn solches geschah auf einem Schiffe, wo einige dünne Bretter die dickste Scheidewand?
Auf der Reform aber hatte jene akustische Bauart nicht die üblen Folgen, die auf dem Lande nicht selten durch sie erzielt werden, und eine friedliche Lösung der schwebenden Fragen mag bisweilen durch sie bewirkt worden sein.
Ich ward betraut mit der Stelle eines Mittelsmannes zwischen Kapitain und Passagieren; habe Hader verhütet und große Errungenschaften erworben. Man traute mir, da ich jedem meine Meinung sagte, unverholen und mit so viel Derbheit, Artigkeit oder Laune, als ich eben zur Hand hatte. Es muß die Seeluft ein besseres Medium sein für unverholene Meinungen und Scherze, als die auf dem Lande, und es ist hieran vielleicht ein größerer Jodgehalt der ersteren schuld[3].
Um aber wieder auf meine Errungenschaften zu kommen, so muß ich berichten, daß ich unter Andern wöchentlich einen Pudding erwirkt, für die Zwischendeck-Passagiere, und eine Thranlampe mehr, zur abendlichen Beleuchtung. Für die Kajüten-Passagiere aber habe ich zwei Lichter erhandelt durch gute Worte beim Kapitain, ein Schälchen eingemachter Früchte zum Sonntagstisch, und Käse für einen Abend in der Woche um die Frugalität des Souper zu vermindern.