Auffallend und fremdartiger noch werden ohne Zweifel dem Bewohner der nördlichen Halbkugel diese schwarzen Flecken erscheinen, als die maghellanischen Wolken, da auf unserer Erdhälfte Nichts Analoges sich am Sternenhimmel dem unbewaffneten Auge darbietet, während die Milchstraße uns schon an die ihr ähnliche Erscheinung der maghellanischen Wolken gewöhnt hat.

Wenigstens war dies der Eindruck, welchen jene beiden Eigenthümlichkeiten des südlichen Himmels auf mich hervorbrachten, der Totaleindruck aber war gegen jenen unserer Halbkugel kein günstiger zu nennen. Nur glänzendere Fixsterne erster Größe vermögen einigermaßen die Sternenleerheit des südlichen Himmels, namentlich in der Nähe des Pols, zu decken.

Daß der nächtliche Himmel unter den Wendekreisen überhaupt schöner und lieblicher, als näher den Polen, bedarf keiner Erwähnung. Die Helle und Klarheit dieser Nächte bei mondfreiem Himmel kommt nicht selten einer Nacht unter unseren Breitegraden gleich, die von halbvollem Monde erhellt wird, und das tiefe prachtvolle Blau entspricht allerdings den Schilderungen, die hievon entworfen worden sind.

Wir sahen am 17. Juni zum erstenmal die Küste von Brasilien. Scheinbar steile Abhänge, hier und da von fast kegelförmigen Formen unterbrochen. Aber die Abstufung dieser Kegel verscheuchte den Gedanken an basaltische oder doleritische Gebilde, und ließen granitische Massen vermuthen. Ich habe, wo es thunlich war, Profile der Küsten gezeichnet, und was mir dort während der Arbeit bisweilen als eine nutzlose Beschäftigung erschien, giebt mir jetzt, wenn ich mein Skizzenbuch durchblättere, eine klare Erinnerung an das Gesehene, ein, wenn auch schwaches, geognostisches Bild, und ruft mir jene Stunden der Erwartung deutlicher in's Gedächtniß zurück, als die Notizen meines Tagebuchs.

Kurz nachdem wir die Küste in Sicht gehabt hatten, fiel Regen und bald darauf verhüllte ein ziemlich dichter Nebel alle Aussicht, bis endlich plötzlich des Nachmittags die Nebel fielen, und wir in prachtvoller Sonnenbeleuchtung und nicht allzugroßer Ferne die brasilianische Küste vor uns hatten.

Die Geschäftigkeit der Seeleute hielt der Schwärmerei der Passagiere die Wage. – Brasilien! Eine Menge fast unbewußter Begriffe verbinden sich mit diesem Namen, welcher mir wenigstens in früher Jugendzeit stets der Repräsentant aller tropischen Pracht, aller überseeischen Herrlichkeit gewesen. Kann ich aber leugnen, daß bei näherer Ansicht der Küste, bei der Hoffnung, wohl morgen schon das Land zu betreten, all das, was ich gelesen über dasselbe in den Werken gelehrter Reisenden, zurückgedrängt wurde von der Erinnerung an jene Phantasien des Knaben? Alle jene Bilder, welche seit mehr als 30 Jahren vergessen in irgend einem Gedächtnißwinkel gelegen, tauchten dort mit wunderbarer Frische wieder auf. Dort habe ich Bertuch's großes Bilderbuch wieder vor mir gesehen mit den riesigen Faltern und glänzenden bunten Vögeln, welche Zeugniß geben von der prachtvollen Fauna jenes Landes. Ich habe die ermahnende Stimme jener gütigen verehrten Frau, die Mutterstelle an mir vertreten, wieder gehört, warnend, nicht so in Affect zu gerathen und den Theetisch nicht umzuwerfen. Als aber dort die Küste plötzlich uns entgegentrat, vergoldet von der abendlichen Sonne und umdonnert von der Brandung des durchschifften Oceans, habe ich mich gefreut, daß ich alles das jetzt sehen würde, jene Falter und Vögel, die Palmen und die Neger und die mächtigen Stämme des Urwaldes mit ihren Schlinggewächsen. Ich habe mich fast verwundert, daß das jetzt doch geschehen, was ich als Knabe für so ganz unmöglich gehalten, trotzdem, daß so vieles geschehen, mir geschehen, was ich als Knabe, als Jüngling und als Mann für noch viel unmöglicher gehalten.

Ich habe vorhin von der Geschäftigkeit der Seeleute beim Anblicke der Küste gesprochen und ich komme darauf zurück. Theils rüstete man sich zur baldigen Landung und traf Vorkehrung, um die Anker werfen zu können, anderntheils aber schien es mir, als wisse man nicht ganz genau, wo man sei und sei bemüht, sich zu orientiren. Gegen Abend wurde etwas von der Küste abgehalten und es dauerte bei der in jenen Gegenden so rasch eintretenden Finsterniß nicht lange, als wir Feuer am Lande und zugleich einen Leuchtthurm mit Drehfeuer erblickten. Aber es war an diesem Drehfeuer nicht zu erkennen, ob wir Kap Frio oder Rio vor uns hatten. Ich kann mich nicht mehr der Unterschiede erinnern, durch welche beide Leuchtthürme erkannt werden. Im Allgemeinen sind die Drehfeuer so eingerichtet, daß einige Sekunden das Licht erscheint, dann eine bestimmte Anzahl von Sekunden verschwindet und hierauf wieder, und bisweilen mit verändertem Farbentone, sichtbar wird. Während wir aber nun sicher waren, eines der beiden Leuchtfeuer vor uns zu haben, traf keins der in den Handbüchern angegebenen Signale mit dem von uns an der Küste gesehenen zusammen. Ich habe mich hievon überzeugt, indem ich abwechselnd mit dem Kapitain die Zeitdauer des Lichts beobachtete. Da besonders für Schiffer, die das erstemal die Küste von Brasilien besuchen, und eben so bei nebligem Wetter die beiden Leuchtthürme, oder vielmehr die Orte, wo sie stehen, leicht zu verwechseln sind, so dächte ich, daß es ganz einfach und sicher unterscheidender wäre, dem einen der Thürme weißes, dem andern rothes Drehfeuer zu geben. Ein in gewissen Intervallen verschwindendes Feuer ist übrigens nothwendig, da in größerer Entfernung und bei Nebel das Signal leicht mit irgend einem andern, zufällig an der Küste brennenden Feuer verwechselt werden könnte, und umgekehrt.

Unser Kapitain, jung zwar, er machte die erste Reise als Kapitain, aber vorsichtig und gewissenhaft, entfernte sich wieder von der Küste, und da es bei Anbruch des folgenden Tages neblig war, kreuzten wir des Morgens, ohne uns zu nähern. Windstille folgte, und bald auf dieselbe gegen Abend eine ziemlich starke Boe. Es wurden die Segel gerefft, und alles angewendet, um uns von der Küste zu entfernen.

Jeder, der einige Zeit lang Salzfleisch gegessen, weiß, daß auf hoher See nur weniges zu befürchten, daß aber eine gewisse Gefahr immerhin an der Küste in Aussicht steht. So war auch bei den Reisenden hie und da ein Anhauch von Aengstlichkeit nicht zu verkennen, und bedenkliche Mienen zeigten sich, als die Feuer an der Küste nicht verschwinden wollten, der Wind stärker und das Schwanken des Schiffes immer heftiger wurde. Doch ging die Nacht ohne Unfall vorüber.

Wir kreuzten des andern Vormittags fortwährend an der Küste, näherten uns aber endlich derselben so weit, daß wir den Eingang zum Hafen in Sicht hatten. Bereits wurde die See belebter. Vögel, Möven in großer Anzahl schwärmten umher, Quallen von ein bis anderthalb Fuß Durchmesser und scheibenförmig gestaltet, zogen ganz langsam am Bord vorüber und Züge von Delphinen wurden nahe und ferne gesehen. Da nur ein sehr schwacher Seewind wehte, so hatten wir Gelegenheit Alles mit Muße beobachten zu können. So war nicht weit von uns ein eigenthümliches Schauspiel zu bemerken. Ein Zug Delphine schwamm in gleichem Curse mit der Reform, und eben so langsam wie sie dem Hafen zu, und wurde von den allenthalben umherschwimmenden Möven bemerkt. Alsbald versammelten sich diese Vögel über den schwimmenden Delphinen, anfänglich einzelne, bald mehrere Hunderte, und begannen ein eigenthümliches Treiben. Sie stürzten sich aus der Luft mit Blitzesschnelle auf die Delphine, verweilten dort entweder einige Sekunden, oder schwangen sich eben so schnell wieder in die Luft. Entweder nehmen diese Vögel irgend eine Art Parasiten von der Haut der schwimmenden Thiere ab oder benützten sie die Gelegenheit um kleine Fische zu fangen, welche nicht selten die Züge größerer warmblütiger Seethiere begleiten. Ich habe deutlich beobachtet, daß sich einzelne Möven an Delphine anklammerten und unter Wasser gingen, wenn diese tauchten, und erst beim Wiedererscheinen derselben sich in die Luft schwangen. Die Delphine selbst schienen sich nicht im Mindesten um die Vögel zu kümmern, sie setzten mit größter Unbefangenheit ihren Weg fort, und die letzteren gaben ihre Beschäftigung erst auf, als der Zug der Delphine sich uns auf Schiffsweite genähert hatte.