Es hat sich nicht selten getroffen, daß in jenen Breiten auf ein Steigen des Barometers etwas weniger übles Wetter folgte, und mein pariser Aneroid, vermöge welchem ich leichter, als es auf des Kapitains Quecksilber-Barometer geschehen konnte, ein leichtes Steigen oder Fallen anzugeben im Stande war, hatte sich Ruf erworben am Bord, aber in jener Nacht erlitt sein prophetischer Ruf einen bedeutenden Stoß.

Bis zum 5. August blieb der Himmel stets so bedeckt, daß weder Länge noch Breite genommen werden konnte, und zugleich fiel unaufhörlich ein kalter Regen, häufig mit Hagel wechselnd. Wir sahen, muthmaßlich unter dem 50.° südl. Breite die ersten Wallfische an der Westküste, und häufige Züge von Butzköpfen, aber sonst mit Ausnahme weniger Vögel, Albatrosse und der kapischen Taube, kein lebendes Wesen, eben so keine Spur von Leuchten der See. Delphine indessen und eine ziemliche Anzahl Vögel verschiedener Art zeigten sich wieder am 6. und die folgenden Tage. Endlich am 10. August sahen wir zum erstenmale die Küste von Chile, welche ich mit speziellem Interesse betrachtete, da ich beabsichtigte, dort längere Zeit zu verweilen.

Die erwähnten schwarzen doleritischen und basaltischen Formen fehlten hier, und es schien, von der Ferne gesehen, die Küste aus einer Reihe flacher und sanft abgerundeter Hügel zu bestehen, hinter welcher aber direct sich eine Kette schroffer mit Schnee bedeckter Berge erhob, in welcher Piks und groteske Formen nicht fehlten.

Wir sollten in einigen Tagen, so hieß es, in Valparaiso, wörtlich: im Thal des Paradieses sein, und konnten uns nicht recht erklären, wie die Palmen und Orangenhaine dieses glücklichen Landstriches so dicht bei wilden eisigen Bergen liegen sollten.

Man vergaß das wieder, als wir, abhaltend von der Küste, sie bald wieder aus dem Auge verloren; aber ich, der ich später in Chile blieb, trug den Glauben, als seien die Gipfel dicht an der Küste liegender Berge mit Schnee bedeckt wohl zehn Tage mit mir umher, und habe gezeichnete Skizzen auch in diesem Sinne, wie ich es sah, behandelt.

Erst später habe ich erfahren, daß jene schneeigen Gipfel, welche wir schon von Bord aus gesehen, die Andeskette waren, die Cordillera alta, das vielbesprochene, aller Welt bekannte Gebirge. Eine eigenthümliche optische Täuschung, welche fast allenthalben in Chile auftritt, ließ die 40 bis 50 Stunden weit von jenem niedern Küsten-Gebirge entfernte Kette der hohen Cordillera uns als dicht hinter demselben aufsteigend erscheinen. Es fehlte das, was die Maler Lichtperspective nennen, und ich hatte später von der Cordillera aus, gegen See blickend, eine ähnliche Erscheinung.

Noch an demselben Tage beschied mich der Kapitain in seine Kajüte und eröffnete mir, daß wir demnächst in Valparaiso einlaufen würden, zugleich stellte er mir die Schiffsbücher zur Disposition, so daß ich zu meinen Thermometer- und Barometer-Beobachtungen die tägliche Länge und Breite beizufügen im Stande war.

Es ist Gebrauch auf den meisten Schiffen, auf welchen sich viele Passagiere befinden, sorgfältig die Länge und Breite geheim zu halten. Ja selbst die Matrosen wissen kaum wo sie sich befinden, und vermögen nur muthmaßlich zu schätzen. Es hat dies seinen guten Grund. Abgesehen davon, daß der Kapitain sich kaum retten könnte vor der Unzahl müßiger Fragen taktloser Reisenden, warum man z. B. westwärts und nicht mehr nach Osten steure, und umgekehrt, warum es heute so langsam gehe, und bis zu welcher Zeit man diesen oder jenen Ort erreichen werde, würde auch der Mißmuth der Passagiere besonders bei Reisen, wie die um Kap Horn, bedeutend gesteigert werden, wenn man sich plötzlich um einige Grade zurückgeworfen oder verschlagen sieht, oder wenn der Kapitain zu laviren gezwungen ist. Bei bedrohlicher Stimmung der Mannschaft aber, und offener Meuterei, hat der Kapitain immer die Mittel in der Hand irgendwo einzulaufen oder wenigstens in die Nähe eines Hafens zu gelangen, wo Hülfe und Schutz erwartet werden mag. Mir speciell hatte der Kapitain die freundliche Erlaubniß schon in der ersten Zeit der Reise gegeben, täglich nach dem Journale die Länge und Breite verzeichnen zu dürfen. Aber ich lehnte dankend ab, da ich einerseits, als Mitwisser des alle interessirenden Geheimnisses, ebenfalls bestürmende Fragen befürchtete, auf der andern Seite aber Sorge trug, für den Verräther desselben gehalten zu werden, wenn etwa der Wahrheit nahe kommende Vermuthungen laut geworden wären. So zog ich vor, erst jetzt das Fehlende nachzutragen in den freigelassenen Spalten meiner Tabellen.

Wir sahen am 11. des Nachmittags zum zweitenmale die Küste von Chile und liefen am 12. August des Morgens in den Hafen von Valparaiso ein.

Verwöhnt von der üppigen Pracht Brasiliens, wollten uns die kahlen, verbrannten Hügel, die vor uns lagen, keinen besonders glänzenden Eindruck hervorbringen, doch tröstete man sich für die Folge mit Ausflügen »in's Innere«, für die nächste Gegenwart aber mit der Hoffnung, bald wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, und, vor Allem, Landkost zu verspeisen.