Aber die Pferde, gewöhnt von Jugend auf an solche Uebung, sind willig und gutartig und haben dabei eine Sicherheit des Ganges und eine Ausdauer, welche unglaublich erscheint.
Man reitet zwanzig bis fünf und zwanzig Stunden des Tags ohne das Pferd nur ein einziges Mal zu füttern, höchstens reitet man es bis an den Bauch in einen Bach, läßt es nach Belieben trinken und reitet im Galopp weiter, denn alle diese Reisen werden galoppirend gemacht, das Traben kennt man nicht. Aber hat man solche starke Touren gemacht, so läßt man das Pferd wenigstens einige Wochen lang ausruhen, und geht es an, auch länger. Ueberhaupt bleibt ein Pferd nicht länger im Dienste als etwa vier Wochen. Man schickt es dann auf's Land, wo es eben so lange Zeit frei umherläuft, auf den Felsen umherklettert, und überhaupt ganz nach Willkühr lebt. Es giebt Landleute, welche größere und unbebaut liegende Landstrecken zu diesem Zwecke benützen. Man schickt seine Thiere einem solchen, und die bereits ausgeruhten werden mit dem Lasso gefangen und wieder zur Stadt zurückgebracht.
Selbst in den Städten besitzt fast jedermann einige Pferde, auf dem Lande aber, wo der Unterhalt derselben fast gar Nichts kostet, ist kaum irgend Jemand, der nur eine Hufe Landes besitzt, ohne fünf, zehn oder mehrere Pferde, welche alle frei umherlaufen, grasen und sich, bis man ihrer bedarf und sie mit dem Lasso fängt, vollständig selbst überlassen sind. Auch die Ställe in den Städten sind von den unsrigen sehr verschieden. Es sind Schuppen, in welchen die Thiere frei umherlaufen und sich des Winters gegen etwaigen Regen, oder im Sommer gegen allzustarke Sonne, unter einem im Ecke des Schuppens angebrachten Dache schützen.
Es erhellt aber, daß auf solche Weise das Pferd nie den freien Gebrauch seiner Glieder verliert und nachdem es wochenweise auf Felsen umhergeklettert ist, um sich seine Nahrung zu suchen, später ebenfalls nicht ängstlich ist oder strauchelt, wenn es seinen Reiter über schmale Felsenpfade oder an Abgründen vorüber tragen soll.
Die Pferde werden mit Gerste gefüttert, da man den Hafer nicht kennt, Grünfutter ist indessen die vorzüglichste Nahrung derselben.
Der Preis eines Pferdes ist sehr verschieden; um zwei bis drei Unzen erhält man ein ganz taugliches Pferd, bisweilen aber werden wohl auch vier bis fünfhundert Peso für eins gezahlt. Ich muß als eine Eigenthümlichkeit erwähnen, daß man in Chile die Gewohnheit mancher Pferde, im Paßgange oder Schritt die Vorderfüße über einander zu werfen, für eine ganz besondere Schönheit hält, während bei uns dies für einen sogenannten Schönheitsfehler angesehen wird. Indessen weiß ich weder den deutschen noch den spanischen Kunstausdruck für diese Tugend oder Untugend der Pferde, obgleich ein solcher existirt. Man sucht sorgfältig Stuten und Hengste, welche diese Eigenschaft haben, zusammen zu bringen, und gut ausgefallene Fohlen, welchen man möglichst noch durch Dressur nachhilft, werden dann zu den oben angegebenen hohen Preisen verkauft.
Maulthiere und Esel werden von den Chilenen weniger zum Reiten als zum Waaren-Transport und Lasttragen verwendet, doch sieht man ärmere Leute auf Eseln reiten. Unbedingt aber zieht man in Chile die Pferde den Maulthieren für gefährliche Gebirgsreisen vor. Letztere sind, wie Alles was zum weitverzweigten Geschlechte der Esel gehört, störrisch und eigensinnig, ja selbst boshaft, und es gilt in Chile als Regel, stürzt man mit einem Maulthiere, sich sogleich, selbst bei gefährlichem Terrain, so weit als möglich vom Thiere hinweg zu wälzen, da es augenblicklich nach dem Kopfe des Liegenden schlägt.
Ich habe den Pferden und dem Reiten eine, vielleicht anscheinend ungebührlich lange Stelle gewidmet, aber da der Chilene als Kind von drei Jahren auf's Pferd kömmt, und die siebzigjährige Matrone noch Tagreisen auf demselben macht, so mag dem treuen Genossen jener Menschen diese Schilderung seiner Vorzüge wohl gegönnt sein[14].
Ich komme jetzt auf einen eigenthümlichen fast schwierig zu behandelnden Gegenstand, welcher nichts desto weniger mit einigen Worten erwähnt werden muß. Ich meine das, was man die Sittlichkeit eines Volkes im engeren Sinne des Wortes nennt.
Allenthalben ist man geneigt südlichen Völkern einen größeren Hang zur Sinnlichkeit beizumessen, als solchen, welche in kälteren Landstrichen wohnen. Man spricht von heißem Blute, von unbezähmbaren Leidenschaften, von dem Feuer, welches sich in jenen glühenden Blicken verrathe u. dgl. mehr. Ich möchte dem nicht unbedingt beipflichten, nach Allem was ich erfahren habe in kalten und heißen Ländern, und vielleicht gerade in dem Punkte, im Punkte der sinnlichen Liebe. Es will mir scheinen als sei der Saame der alten Erbsünde nahebei gleich stark vertheilt in den Herzen aller Menschen, unter Blonde, Braune und Schwarze, und es neige sich der Sohn des kalten Nordens so stark zu verbotener Liebe, als das Kind der tropischen Sonne.