Aber ein bischen mehr Verstellung versteht der erstere zu üben, mancher zügellose Wunsch wird dort mit dem Schleier der Sittsamkeit bedeckt, und die scharfe Zunge einer Heuchlerin tadelt an der Nachbarin das Vergehen, dessen sie selbst schuldig.

Näher dem Aequator ist man nicht so ängstlich bemüht seine Leidenschaft zu verbergen, man sündigt weniger geheim, und begeht deshalb in Wirklichkeit weniger Sünde, weil man minder lügt, minder heuchelt.

Eigentlich mag Valparaiso im Betreff der Sittlichkeit, behalten wir den Ausdruck bei, keine sichere Norm abgeben, denn es ist eine Hafenstadt und in dieser begegnet man auch in tugendreichen Landen, mehr als in andern Städten, gefallenen Töchtern und verlorenen Söhnen.

Aber eben wegen der Freiheit, mit welcher man in Chile gewisse Dinge behandelt, tritt kein so strenger Gegensatz zwischen andern Städten des Innern auf, und dort, so wie hier, öffnen des Abends jene Damen, von welchen ich oben erzählte, daß sie den Maskenball besuchten, ihre Thüren und lassen ein Paar Blumen, ein Paar Bilder an den Wänden, ein Licht und eine freundliche Miene sehen. Fremde und Einheimische treten ein, man spricht, scherzt, die Guitarre erklingt (bisweilen indessen verzweifelt verstimmt) und man trinkt wohl auch ein Glas aus der Nachbarschaft geholten Weines. Endlich werden die Thüren wieder geschlossen, und die Besuchenden sind gegangen. Ich kann keine Rechenschaft ablegen davon, ob nicht etwa einer derselben geblieben ist, aber ich kann bezeugen, daß der Vorübergehende nicht in diese Zimmer gelockt oder gerufen wird, ohne Zweifel bloß deßhalb, weil man weiß, daß ohnedieß eintritt, wer Belieben dazu trägt. Das ist schon ein großer Unterschied zwischen Valparaiso und andern Hafenstädten in Europa. Bisweilen sieht man vor solchen geschlossenen Thüren einen Mann oder ein altes Weib kauern und friedlich wartend eine Cigarre rauchen.

Ein Freund, der sich nähere Kenntniß erworben, hat mir versichert, dieß sei nach der Aussage der Mädchen un amigo oder mi matre, welche vorläufig außen verweilend, den Schlaf der Freundin oder Tochter bewachen, und später wieder eintreten. Ländlich, sittlich!

Mancherlei noch wußte mein Freund zu berichten, aber streng und nördlich gesinnt, habe ich Alles wieder vergessen, bis auf die burleske Schilderung, die er mir entworfen von der künstlerischen Ausschmückung jener Zimmer. Es bestünden die Bilder an den Wänden dort meist aus deutschen Lithographien, und friedlich habe er dort neben einander hängen gesehen europäische und deutsche Fürsten, Marien und Heilige, Robert Blum und Hecker. Sieht man da nicht, sagte mein Freund, wie Liebe, Unschuld und ein kindliches Gemüth alle Gegensätze zu einen wissen?

Im Kreise der höheren Stände und der Leute, welche Geld besitzen, hat man sich ohnedem ganz nach europäischem Typus eingerichtet, wie solches, mit Ausnahme der Glacé-Handschuhe, auch mit den Kleidern geschehen ist; es ist also wohl auch derselbe Fall mit der Tugend und Moralität eingetreten, gegen außen wenigstens.

Aber manche rosenfarbene Sünde, die geheim betrieben wurde, mag auch durch geheime Buße und Reue gesühnt worden sein, denn noch sind die Frauen fromm und gläubig in Chile.

Aber es ist Zeit wieder einmal von mir selbst zu sprechen. Ich hatte fast acht Wochen in Valparaiso und der Umgebung zugebracht. Da meine Excursionen mich oft weit ab von der Stadt führten, hatte ich häufig Gelegenheit, oder war viel gezwungen, auf dem Lande in einem einsamen Gehöfte oder einer Hütte zu übernachten, das Leben der Landbewohner kennen zu lernen und praktisch so viel Spanisch zu erwerben, daß ich nothdürftig ein Gespräch führen konnte. Allenthalben wurde ich gastlich aufgenommen, und obgleich von Chilenen selbst vor Räubern gewarnt, ist mir doch nie das Geringste begegnet. Indessen wurde einmal während meines Aufenthalts in Valparaiso eine Räuberbande, oder wenigstens in die Gattung einschlagendes Gesindel eingebracht. Von einem Morde aber oder von einem räuberischen Anfalle verlautete während der ganzen Dauer meines Aufenthaltes Nichts. Fürchten aber mag man sich wohl vor Aehnlichem. Wenn ich des Abends oder während der Nacht allein auf einsamen Straßen ritt und mir ein oder mehrere Reiter entgegen kamen, bin ich denselben nicht ausgewichen, sondern ritt stets auf derselben Seite der Straße, welche sie behaupteten; meist wich dann der Entgegenkommende schon in der Entfernung aus. Lenkte ich aber mein Pferd nochmals auf die Seite der fremden Reiter, so bogen jene häufig von der Straße ab, gaben auch wohl querfeldein Fersengeld. Freilich war ich stets bewaffnet und mag einem »Ladron« nicht unähnlich gesehen haben in meinem Reise- und Jagdcostüme.

Wenn man aber fragt, warum ich eigentlich jenen Reitern entgegen geritten, so muß ich antworten, daß dieses ziemlich aus demselben Grunde geschehen, aus welchem sie auswichen. Da ich denn doch nicht wußte, wem ich das Vergnügen haben sollte zu begegnen, so zog ich vor, das Prävenire zu spielen.