Vierzehn Tage wohnte ich während jener Zeit auf den Windmühlen etwa 2 Stunden von Valparaiso. Ein deutscher Aufseher, Namens Schmids, der dort wohnte, trat mir freundlich eine Stube ab, stellte mir seine Pferde zur Disposition, und half mir gefällig in meinen Arbeiten. Ich habe in seiner Begleitung größere Touren in das Land gemacht, und noch später überbrachte er mir für mich gesammelte Naturalien nach Valparaiso. Mit wahrhaft aufrichtiger Freude gedenke ich stets der deutschen Landsleute aus allen Ständen, welche mir im fernen Lande so freundlich entgegen gekommen sind, und ich schalte bei dieser Gelegenheit ein, daß während meines zweiten Aufenthaltes in Valparaiso, vier Monate später, mir mehrere deutsche Handwerker, welche dort als Gesellen arbeiteten, Käfer und Conchylien überbrachten, da sie durch das Gerücht erfahren hatten, daß ich Naturforscher sei und solche Dinge sammle.

Die Abende auf jener Mühle wurden gewöhnlich bei einem Italiener zugebracht, welcher eine Frau aus Buenos-Ayres geheirathet hatte und dort an der Straße nach Santjago einen kleinen Kaufladen und eine Schenke unterhielt. Sein Lager war ziemlich gut mit verschiedenem Getränke versehen, aber wie überhaupt in jenen Ländern gebräuchlich, waren alle Flaschen und Vorräthe auf Gestellen längs den Wänden aufgestellt, und durch kürzlich vorgenommene Baureparaturen in einige Unordnung gekommen. Selten war das Richtige zu finden, und so kam es, daß statt chilenischem Biere Portwein, statt Teneriffa Ale, und statt Madeira Bordeaux gereicht wurde. Nach einigem Suchen überreichte der Wirth irgend eine Flasche mit der stehenden Redensart. »Ich weiß nicht, was es ist, aber es wird wohl auch gut sein,« und auch die Preise wurden willkürlich gemacht.

Diese Art, Wirthschaft zu betreiben, ergötzte mich höchlich. Die durch Zufall erworbene Flasche wurde meist mit den Wirthsleuten getheilt, während ich an ihrem Abendessen Theil nahm und Paraguai-Thee mit ihnen trank. Obgleich bei Tage schon stärkere Hitze eingetreten, waren doch die Abende und Nächte ziemlich kühl, da der Berg, auf dem die Mühlen erbaut, der höchste der nächsten Umgebung und dem Winde stark ausgesetzt war, und es fehlte bei diesen abendlichen Unterhaltungen nie der Brasero. Ich habe dort gemüthlich am Kohlenfeuer sitzend manche schätzenswerthe Aufschlüsse über Chile und die benachbarten Länder erhalten, welche theils der Deutsche, theils der Italiener durchzogen hatte, und welche ich großen Theils, einmal aufmerksam gemacht, bestätigt fand.

Ich muß bei dieser Gelegenheit einer eigenthümlichen Notiz erwähnen, welche mir dort mitgetheilt wurde, und welche zwar allerdings theilweise gewiß eine Fabel, eben so gewiß aber auch nicht ganz aus der Luft gegriffen ist. In den La Plata-Staaten – erzählte der Müller – also auf der »andern Seite« wie man in Chile zu sagen pflegt, existirt ein sonderbares und gefährliches Thier. Es ist eine Schlange von etwa fünfzehn Fuß Länge, aber von der Dicke eines sehr starken Mannes, wohl auch stärker. Dieses Thier hat eine nur langsame Bewegung, aber eine furchtbare Kraft im Athem. Selbst größere Säugethiere, zum Beispiel Füchse, werden, sind sie einmal auf zehn oder zwölf Schritte im Bereich der Schlange, von ihr angezogen und verspeist. Die Thiere, welche, einzig durch das mächtige Einziehen der Luft, dem Unthier immer näher gebracht werden, stemmen sich mit aller Kraft dagegen, und schreien häufig aus Angst, aber alles ist vergebens. Die Schlange zieht auf gleiche Weise kleine Kinder an sich und ist sehr gefürchtet, da sie sich nicht selten in der Nähe von Dörfern und Städten blicken läßt. So bei Mendoza, San Juan, La Bioja. Da sie keine raschen Bewegungen hat, können kräftige Männer ihrer Herr werden, und man erschlägt sie mit Aexten. Ihre Haut giebt dann Riemen und Lederzeug und wird in Streifen geschnitten und zu Reitpeitschen verwendet. So weit der Müller. Daß die Geschichte mit dem Anziehen durch den Athem eine Fabel ist, begreift jedermann. Aber daß dort ein Thier von ähnlicher Form und Größe existirt, was von unsern Naturforschern bis jetzt noch nicht gekannt ist, unterliegt fast auch keinem Zweifel. Ich habe später mit einem deutschen Arzte in Santjago, welcher sich vielfach mit der Fauna jener Gegenden beschäftigte, über die Sache gesprochen, und er sagte mir, daß jene allgemein verbreitete Sage in Betreff der Größe der Schlange ihre Richtigkeit habe und es sei ihm durch die glaubwürdigsten Zeugen bestätigt, daß kleinere Säugethiere, Vögel und Amphibien sich wirklich der Schlange nähern und von ihr verspeist werden. Aber die Haut der Schlange sei stets klebrig, so daß eine Menge von Insekten, ja selbst kleine Vögel auf derselben klebten und diese sowohl als die größeren, später zum Opfer fallenden Thiere, sähen die Schlange selbst für einen liegenden Baumstamm an, dem sie wirklich ähnlich sehe. Auf diese Weise würden letztere eine Beute des Unthiers, indem sie sich der kleinen fest klebenden Thiere bemächtigen wollten. – Relata refero!

Aber selten ist eine so allgemein im Volke verbreitete Sage wie die eben erzählte ganz ohne Grund; und ich halte es für Pflicht des Forschers ihrer zu erwähnen um spätere wissenschaftliche Reisende aufmerksam zu machen.

Bei meinem Aufenthalte auf den Mühlen traf ich einige Mal Leute, welche aus den Vorbergen der Cordillera herabkommend, verschiedene Volksheilmittel und ähnliche Gegenstände zum Verkaufe brachten. Ich bin durch einen eigenthümlichen Zufall, den ich nicht näher erwähnen kann, um jene Medikamente gekommen, aber ich glaube, daß sie wenigen Werth für die Wissenschaft gehabt hätten, indem die Wurzeln und Kräuter, aus welchen sie bestanden, meist zu unscheinbarem Pulver zerrieben waren, während ihre Bezeichnung der beim Volke gebräuchliche Name der Pflanze ist, der sich noch häufig nur auf kleinere Distrikte beschränkt.

Des Beispiels halber führe ich indessen einige solche Artikel an, welche ich im Hausschatze einer Landbewohnerin fand, bei welcher ich öfter auf Excursionen einkehrte:

Voican, klein geraspelte Holzspähne, gegen Leucorrhoea;

Mansarilla de Castilio, Blattfragmente gegen Magenschmerzen;

Goma de Mimbrilla[15], Samenkörner, gegen Hämorrhagien aller Art;