Man kehrt auf dem Wege nach Santjago zweimal ein; einmal in Casa blanca, wo man zu Mittag speist und Siesta hält, das zweite Mal um zu übernachten, in Curicavia. Die Gasthöfe an beiden Orten sind so ziemlich in europäischem Style eingerichtet, und man befindet sich wohl dort. Von Curicavia geht man bald des Morgens ab, und kömmt bei guter Zeit in Santjago an. Die ganze Strecke, welche 40 bis 50 Stunden Weges beträgt, fährt man in nicht ganz 15 Stunden.
Dem von Valparaiso nach Santjago Reisenden ist ein Ueberblick über das Land wohl gestattet. Es mag das chilenische Land kurz so bezeichnet werden. Seiner ganzen Länge nach ist der schmale Landstrich, welcher Chile bildet, von zwei Gebirgszügen eingeschlossen und begrenzt. Gegen Westen, und die Küste des stillen Oceans bildend, ist es die sogenannte Cordillera de la Costa, die Küstenreihe, ein Gebirgszug, welcher in wechselnder Höhe 800 bis 1200 Fuß ansteigt und selten die Höhe von 3000 Fuß übersteigen wird. Bisweilen in sanfteren Krümmungen abfallend gegen die See, erhebt sich jene Bergreihe doch meist in steilen schroffen Ufern, an welchen eine donnernde Brandung sich bricht. Es ist dieselbe gegen Süden auf dem Gipfel und gegen das Land zu häufig bewaldet, aber im nördlichen Theile Chile's fast durchgängig kahl und schroff. Indessen auch dort, wo schon die glühende Sonne kaum auf den Höhen mehr eine Vegetation aufkommen läßt, sind noch jene Schluchten, die ich schon oben erwähnte, so wie bei Valparaiso, mit üppigem Grüne bekleidet, dem einzelne schlanke Palmen und mächtige Schlinggewächse ein tropisches Ansehen verleihen.
Hat man diese Küsten-Cordillera überstiegen, so breitet sich das Flachland von Chile vor unsern Blicken aus und gewährt den erfreulichen Anblick eines Landes, von welchem die Cultur Besitz genommen hat, ohne schon vollständig die Freiheit der Natur verdrängt zu haben. Kleinere und größere Besitzungen, von der Hütte des armen Landmannes, der nur wenige Hufen Landes besitzt, bis zu der wohl eingerichteten Hacienda des Reichen, welche Tausende von Thalern jährlichen reinen Ertrag abwirft, bieten sich allenthalben dem Auge dar, aber waldige Thäler, felsige Schluchten und selbst öde, nur mit der Espina[17] spärlich bedeckte Ebenen, liegen zwischen jenen Zeugen des Fleißes und beweisen, daß noch fleißige Hände dort Beschäftigung finden würden, und der Fluch der Uebervölkerung dort noch nicht eingetroffen.
Einzelne kleinere Gebirgszüge, aber nicht so regelmäßig fortgesetzt wie die Küstenreihe, wohl auch isolirte kegelförmige Berge, unterbrechen jene Ebene, bis endlich die hohe Reihe der Anden, la Cordillera alta, Chile vom anderen Theile Südamerikas trennt.
Im Allgemeinen ist dies der landschaftliche Charakter des Landes und namentlich im mittleren Theile. Während im Norden und Süden aber beide Hauptgebirgszüge sich gleichmäßig fortziehen wie im mittleren Theile, und auch jene Unterbrechungen der Ebene durch einzelne Bergformen stattfinden, wird das landschaftliche Bild im Norden modificirt durch den Mangel der Flora und erinnert bereits an die nachbarliche Wüste von Atacama. Im Süden hingegen zeigt eine noch weit ausgebreitete waldige Fläche und Ströme, die sie durchziehen, daß hier zwar der im Norden mangelnde, alles befeuchtende Regen nicht fehlt, wohl aber noch Bevölkerung und Arbeitskraft.
Stellen, auf welchen man Belege für das eben Ausgesprochene findet, sind die Cuesta[18] de Valparaiso, die Cuesta de Zapata und die Cuesta de Prado. Die Cuesta de Valparaiso, auf welcher die Mühlen erbaut sind, ist ein Glied der Küsten-Cordillera. Ich habe sie nach meinen barometrischen Messungen 1279 Fuß hoch gefunden; die Cuesta de Prado 2277 Fuß hoch. Der letztere Berg steigt steil an und die Straße, welche über denselben führt, läuft im Zickzack aufwärts, wenigstens 30 Windungen machend. Von dort hat man eine besonders schöne Fernsicht über das Land, während die wilden steilen Abhänge und Schluchten einen romantischen Vordergrund bilden.
Ich habe in einer größern wissenschaftlichen Abhandlung, welche in den Denkschriften der k. k. Akademie der Wissenschaften in Wien erschienen ist, die geographischen Verhältnisse von Chile so ausführlich behandelt als es mir nach den gemachten Erfahrungen möglich war, und ich muß auf jene Abhandlung denjenigen verweisen, welcher sich speciell für Geognosie interessirt. Als kurze Skizze eines geognostischen Bildes, und vorzugsweise das mittlere Chile betreffend, möchte etwa Folgendes anzuführen sein. Granitisches Gestein bildet die Hauptmasse der Küstenreihe. Meist gegen Süden, z. B. in Valdivia, als Glimmerschiefer auftretend, herrscht bei Valparaiso der eigentliche Granit vor, hie und da vertreten durch Sienit, oder übergehend in Gneis. Zahlreiche Gänge vom basaltischen, doleritischen und vorzugsweise porphyrischen Gesteine, durchdringen die granitischen Formen, an der Küste häufig als kegelförmige Erhebungen aus den Fluthen ansteigend, in den Gebirgen des Landes aber mächtig sich ausbreitend an manchen Stellen, so daß der flüchtig untersuchende Geognost an ein Ueberwiegen wohl glauben mag. Wirklich aber beginnt ein solches Vorherrschen dieser vulkanischen Gesteine weiter gegen das Innere, gegen die hohe Cordillera zu. Es treten endlich dem Forscher die Vorberge derselben entgegen, Trachyte, Dolerite, Porphyre der verschiedensten Art werden immer häufiger, sie sind kaum mehr als Gangbildung zu betrachten, sondern als selbständige Formen und bilden große mächtige Kegelberge. Dort wird das granitische Gestein in allen seinen Modificationen seltener, bis endlich in der Kette des Andes-Gebirges selbst, das wildeste bunteste Gemenge aller Felsarten der vulkanischen Reihe auftritt, bisweilen aber auch noch von vereinzelten granitischen Schichten bedeckt, die offenbar empor gehoben worden sind, nicht selten aber auch einschließend und umhüllend mächtige Massen darstellen, die mehr oder weniger verändert und umgestaltet sind.
Es giebt vielleicht wenige Landstriche der Erde, für deren Entstehung, d. h. für ihre Erhebung aus der Tiefe, aus den Fluthen des Meeres, leichter eine glaubwürdige Theorie aufgestellt werden kann, als für Chile und einen großen Theil der Westküste. Aber wir haben keinen Maßstab mehr auf unserer Erde für jene gewaltigen Reactionen, welche dort vorgegangen sein müssen, und gegen welche sich das Erdbeben von Lissabon verhält, wie ein emporgeschnelltes Sandkorn gegen das Auffliegen eines mächtigen Pulverthurmes.
Ohne Zweifel war der größere Theil von Südamerika, der jetzt die östliche Seite bildet, längst empor gestiegen, als durch einen jener gigantischen Vorgänge im Innern der Erde sich eine neue Spalte öffnete, und ohne Zweifel mächtig erschütternd das ganze schon bestehende Festland, die Kette der hohen Cordillera feurig flüssig aus jener Riesenkluft hervordrang. Gleichzeitig mag das wohl geschehen sein, wenigstens das Emporsteigen des größten Theils der Andes-Kette, wenn auch nicht gleichzeitig nach unsern Begriffen von Raum und Zeit, für welche hundert Jahre schon eine Periode.
Durch jene kolossalen glühenden Felsmassen hindurch bahnten sich wieder neue nachdringende Massen einen Weg, theils erstarrend ehe sie die Oberfläche erreicht, theils sie durchdringend und mehr oder weniger flüssig sich ergießend über dieselbe. Längs der ganzen Reihe des neu entstandenen Gebildes aber blieben Kanäle offen nach der gährenden, schmelzenden Tiefe. Fortwährende vulkanische Ausbrüche fanden statt durch dieselben, eine Reihe meteorologischer Erscheinungen hervorrufend, deren Intensität wir nur zu ahnen vermögen, nehmen wir auch die analogen Processe zu Hülfe, welche noch heute vor unsern Augen bei den Ausbrüchen unserer jetzigen Vulkane vor sich gehen.