VII.
Santjago (Chile).

Wenn man die Stadt nahebei erreicht hat, wird man erst inne, daß man von dort, bis an den Fuß, an die Vorberge der hohen Cordillera, noch drei bis vier Stunden zu reisen hat, trotzdem daß von einiger Entfernung aus gesehen, Stadt und Gebirge sich zu berühren scheinen.

Theils die Größe und Höhe des Gebirgs, welches es näher erscheinen läßt, trägt an dieser Täuschung die Schuld, theils aber auch eine eigenthümliche in Chile auftretende Erscheinung, ich meine den Mangel dessen, was die Maler mit Luftperspektive bezeichnen. Es ist dort schwierig auf größere Entfernungen hin die wirkliche Weite abzuschätzen, in welcher sich irgend eine Stadt, ein Berg u. s. w. befindet, indem alle diese Objekte sich fast in gleicher Klarheit darstellen, seien sie eine, zehn oder zwanzig Stunden weit entfernt. Ich habe später von der Cordillera aus das 15 Stunden weit entfernte Santjago so deutlich vor mir gesehen, daß ich auf einen Abstand von höchstens anderthalb Stunden geschlossen haben würde, hätte ich nicht den Weg von dort selbst zurückgelegt, und in Valdivia hätte ich dem 50 Stunden weit gelegenen Vulkane von Villarica höchstens 8 bis 10 Stunden Entfernung gegeben. Die Trockenheit der Luft und Mangel an Wasserdünsten in derselben kann kaum hieran allein schuld sein, denn obgleich trocken im Flachlande von Chile, war in der Cordillera selbst die Luft feucht genug, und in Valdivia war zu jener Zeit der Hygrometerstand etwa wie der mittlere von Deutschland. Ich erwähne mithin diese Erscheinung, ohne sie näher erklären zu können[20].

Flüchtig will ich über die Beschreibung der Stadt hinweggehen und nur den allgemeinen Eindruck zu schildern versuchen, den sie hervorruft. Es ist Santjago, die Hauptstadt Chiles, nur mit Ausnahme von Lima wohl die größte der Westküste, schon früher hinreichend geschildert, und es hat sich seitdem dort im Ganzen nur wenig geändert. Alle Straßen derselben schneiden sich im rechten Winkel, sind breit und mit Trottoirs versehen; durch die Mitte vieler derselben laufen starke Rinnen, theils auch gedeckte Kanäle zum Abzug der Unreinlichkeiten. Die durch die parallel laufenden Straßen entstandenen Vierecke werden Quadras genannt und haben einen Flächenraum von etwa zwei bayerischen Tagwerken. Die Außenseiten der Häuser, welche diese Quadras bilden, haben durchschnittlich ein klösterliches Ansehen, wenigstens die aus älterer Zeit. Meist einstöckig sind sie häufig mit kleinen vergitterten Fenstern versehen, und einfach weiß angestrichen. Durch jene Eintheilung in Quadras aber bleibt Raum für den Privatbesitz, so daß eine behagliche Einrichtung im Innern nicht fehlt. Ein ziemlich geräumiger Hof mit kleinem Garten bildet dann die Mitte des Gebäudes, die Thüren sind meist gegen diesen Hof hin geöffnet, und es hat mich der Gesammt-Typus dieser Wohnungen, ich weiß nicht mit Recht oder Unrecht, unwillkürlich immer an die alten römischen erinnert.

Indessen hat man auch größere zwei- ja dreistöckige Häuser erbaut, welche den häufigen Erdstößen bis jetzt mit mehr oder weniger Glück gut widerstanden haben. Am Hauptplatze, der Plaça, steht das Gouvernements-Gebäude und einige Kasernen. Die Münze ist ein wirklich großartiges Gebäude zu nennen, eben so die Universität, und unter den durchschnittlich gut gebauten Kirchen nimmt die Kathedrale den Hauptplatz ein und dürfte ihn auch in mancher großen Stadt Europas behaupten.

Schöne öffentliche Brunnen zieren die Stadt, aber das Wasser der meisten derselben ist trübe, d. h. fast milchähnlich gefärbt und es befinden sich in allen Häusern Filtrir-Apparate, wo vermittelst eines Sandsteins das Wasser klar erhalten wird. Man nennt dieß dort destilliren.

Die Ursache dieser Unreinheit des Wassers ist die, daß alle Brunnen der Stadt mit Flußwasser gespeist werden. Aber diese Flüsse selbst verdanken ihre Entstehung dem geschmolzenen Schnee der Cordillera, von welcher herab sie sich in's Flachland ergießen. Dieß geschieht im Gebirge selbst mit einem solchen starken Falle, und in Folge dessen mit einer so reißenden Schnelle, daß man in einem jener Gebirgswasser, welches kaum einen Fuß Tiefe hat, häufig nur mit Mühe zu stehen vermag.

In Folge dieser Heftigkeit des Laufes werden aber eine bedeutende Anzahl größerer oder kleinerer Fragmente der Gesteine losgerissen, durch welche die Gewässer strömen und diese Geschiebe reiben sich fortwährend theils unter einander, theils an den noch fest stehenden Felswänden des Flußbettes, so daß das Wasser mit einer Menge unendlich kleiner nicht nur aufgelöster, sondern auch suspendirter[21] Theile geschwängert wird, welche es trübe und milchähnlich erscheinen lassen. Ich habe eine Zeit lang unweit der Schneegränze auf der hohen Cordillera am Ufer eines solchen Flusses geschlafen und bin häufig in der Nacht durch das donnerähnliche Getöse geweckt worden, was plötzlich vorübergeführte Steinmassen verursachten, indem während der Nachtzeit alle diese Gewässer stärker anschwellen und heftiger strömen, da sie durch den durch die Sonnenhitze des Tages geschmolzenen Schnee verstärkt werden. –

Es ist mir die Einwohnerzahl von Santjago auf 80 bis 90,000 angegeben worden, allein die ziemlich zahlreiche Geistlichkeit und das Militär sollen bei dieser Schätzung nicht mit inbegriffen sein, und ich muß überhaupt bemerken, daß ich eher mehr als weniger Seelen für die Stadt annehmen möchte.

Was den Charakter der Bevölkerung von Santjago betrifft, wie ihre Sitten und Gebräuche, so gilt für dieselben was für Valparaiso bereits ausgesprochen wurde. Doch herrscht in Santjago, trotzdem, daß europäische Mode auch hier allgemein, doch noch mehr eigenthümliches Leben und die Sitte altspanischer Zeit vor.