So ist z. B. die ganz verständige Sitte, gegen Abend einen leichten Mantel zu tragen, dort ganz allgemein, und selbst die Senoritta schlägt keck und malerisch den großen Shawl um sich, wenn sie sich in den Räumen ihres Hauses bewegt.
Auch die glänzenden Läden und Verkaufsgewölbe werden in Santjago nicht angetroffen, wie in Valparaiso. Die Mehrzahl der Verkaufslokalitäten sind in Santjago eigentlich nichts weiter als Kramläden, in welchen mancherlei Waaren bunt genug gemengt verkauft werden.
Der eigentliche Ausdruck des chilenischen Lebens ist also in Santjago besser kennen zu lernen als in Valparaiso.
Ich war im englischen Hotel abgestiegen und hatte bald darauf einige Deutsche aufgesucht, an welche ich Briefe von Valparaiso hatte. Von Dr. Segeth, einem deutschen Arzte, wurde ich sogleich eingeladen, in seinem Hause zu wohnen. Es ist mir von jeher durchaus zuwider gewesen, in einer Stadt auf solche Weise Gastfreundschaft anzunehmen, indem man, selbst seiner Freiheit beraubt, den Gastfreund dennoch stets mehr oder weniger stört. Als ich aber Segeth ganz unverholen deshalb meine Meinung eröffnete, sagte er lachend, er sei ganz meiner Ansicht, aber er habe einige Quadras weiter noch ein anderes Haus, blos von einem Jäger bewohnt, und das solle ich als alleiniger Herr ungestört in Besitz nehmen. Ich schlug ein, und hatte mich bald ganz behaglich eingerichtet. Außer dem Jäger (einem Deutschen in Segeth's Diensten), dessen Familie, einer unbestimmten Anzahl von Knechten, Pferden und Maulthieren, einem lebenden Condor, verschiedenen Papageien und anderem Gethiere, war niemand im Hause, und ich hatte bald eine gewisse Obergewalt usurpirt.
Segeth war Minenbesitzer, hatte Landgüter und betrieb noch andere Geschäfte. Er hatte sechszig und etliche Pferde und eine, wie ich glaube, noch größere Anzahl von Maulthieren. Mir standen daher stets Pferde zu Gebot, so viel ich benützen wollte, und ich machte reichlichen Gebrauch von diesem Anerbieten, indem ich in Begleitung des Jägers sowohl als auch allein oder mit einigen Knechten Ausflüge in die Umgegend machte. Die Abende brachte ich dann, heimgekehrt von solchen Excursionen, häufig bei einem deutschen Kaufmanne, F. Schulze, zu, welcher mit gastlicher Freundlichkeit sein Haus allen Deutschen geöffnet hatte und bei welchem ich heitere Stunden verlebte. Noch steht lebhaft in meinem Gedächtnisse ein kolossaler Feigenbaum in Schulze's Garten, unter welchem wir oft halbe Nächte in fröhlichen Gesprächen verbrachten und in dessen Gipfel der Trochylus gigas, der größte Colibri Chile's, nistete.
Im Umkreise von einigen Stunden Weges sind mehrere hübsche kleinere Landseen bei Santjago, und dorthin ritten wir häufig um Wasservögel zu schießen, Amphibien und Insekten zu fangen und die Gesteine der Umgegend zu sammeln. So erwarb ich reichliche Ausbeute in der Laguna de Quilicana. Der See hat eine Ausdehnung von etwa einer halben Stunde in der Länge und Breite und ist auf der einen Seite von ziemlich steilen Hügeln eingeschlossen, welche etwa 900 Fuß hoch sein mögen; dort fallen auch seine Ufer ziemlich steil ab und das Wasser hat eine Tiefe von 8 bis 10 Fuß; auf der andern Seite aber verflacht er sich vollständig und geht in eine sumpfige Wiese aus. Er soll durch ein Erdbeben entstanden sein. Trachyt und Dioritporphyr in manchfacher Variation bilden die Hügel, und ich habe später einige der dort auftretenden Gesteine in der Algodonbay in Bolivien wieder gefunden, täuschend, und zum Verwechseln ähnlich. Glasiger Feldspath, Magneteisen und Kupferkies wurden in jenen Gesteinen unter anderen Beimengungen gefunden.
In jenem See lebt ein großer 7 bis 8 Zoll langer Frosch, er ist indessen schwer zu erhalten und scheint eine neue Art zu sein. Ich habe trotz aller Mühe ein einziges Exemplar mit nach Europa bringen können.
Wundervolle Jagdparthieen und zugleich gute naturhistorische Beute ergab eine andere Lagune, irre ich nicht, etwa drei Stunden weit von der Stadt entfernt.
Ich habe dort den Ibis albicollis geschossen und Ibis nigricollis, wundervoll schöne Enten und die ersten Papageien. Am meisten aber interessirte mich die Jagd des Coypo[22], einer anderthalb Fuß langen Ratte, welche die Ufer des Sees bewohnt. Auf jenem See sowohl, als auch auf anderen in der Umgegend der Stadt war das Thier früher sehr häufig, wird aber jetzt selten getroffen. Obschon längst bekannt und wie es scheint in ganz Südamerika zu Hause, sind dessen anatomische Verhältnisse doch erst in neuerer Zeit näher bekannt geworden, so z. B. die Eigenthümlichkeit, daß das Weibchen die Säugewarzen auf dem Rücken hat, ohne Zweifel aus dem Grunde, weil es schwimmend seine Jungen längere Zeit mit sich umherträgt. Das Thier schwimmt ziemlich rasch und taucht unter sobald es Gefahr bemerkt; mit der Schnelligkeit des Blitzes aber läuft es über liegendes Schilf und andere Wasserpflanzen hinweg, welche selbst in nur schwacher Schicht die Oberfläche des Wassers bedecken. Das Pelzwerk ist graubraun und hat Aehnlichkeit mit dem Biberfelle.
Da der See längs dem Ufer und bisweilen ziemlich weit gegen die Mitte hin mit Schilf bedeckt war, konnten wir uns mit dem Boote hinlänglich versteckt halten, und es gelang mir, ein schönes und großes Exemplar des Coypo zu erlegen, welches sich gegenwärtig in der Sammlung der Gewerbsschule zu Schweinfurt befindet.