Bei dem Marsche über die Cordillera gibt es keine Müdigkeit. Der zurückbleibende Müde wird erschossen!
Man kam in unglaublich kurzer Zeit über das Gebirge, indem man beim Klange der Guitarre marschirte und es meldete sich nicht ein Mann als müde.
Die Offiziere der chilenischen Linie haben durchaus die Haltung der europäischen und alle die ich gesehen habe, schienen mir feine Männer zu sein.
Da jeder Chilene in die Liste des Heeres eingetragen ist, so beträgt auf dem Papiere die Anzahl der Miliztruppen fast 80,000. Wie viele indessen hievon dienstfähig und ob alle Milizen verpflichtet sind über die Grenze zu gehen, weiß ich nicht. Indessen uniformirt und bewaffnet der Staat diese Landwehr auf seine Kosten, und wenn sie im Diente sind, werden sie besoldet. Den Rang eines Generals giebt der Congreso und vom Major aufwärts ernennt derselbe ebenso alle Offiziere der Miliz, welche Leute vom Fach sein und bereits bei der Linie gedient haben müssen. Vom Major abwärts wählt die Miliz sich ihre Offiziere selbst. Es kömmt kaum vor, daß hiebei Männer zur Wahl kommen, welche, wie soll ich sagen, mißliebig sind.
Es mag sich treffen, wie anderwärts auch der Fall ist, daß die militärischen Uebungen der Miliz nicht mit derselben Sorgfalt und Präcision ausgeführt werden, wie jene der regulären Truppen; aber im Kriege hat sich die chilenische Landwehr stets vortheilhaft benommen und Tüchtiges geleistet. Daß die Cavallerie vorzüglich ist, braucht kaum erwähnt zu werden, wenn man bedenkt, daß jeder Chilene ein geborener Reiter.
Der Stand der Marine ist kein glänzender. Chile hat eine Fregatte, zwei Corvetten und noch zwei andere kleine Schiffe. Es wollte mich bedünken, als segle die Fregatte nicht sehr rasch und sei zum Dienste auf hoher See nicht wohl zu brauchen. Obgleich nur allein Küstenland, hat Chile doch vielleicht eingesehen, daß im Fall einer Mißhelligkeit mit einer größeren Macht Europas oder mit Nordamerika, gegen jene bedeutenden Seemächte mit aller Aufopferung doch Nichts auszurichten sei; da aber Chile außerdem mit Ausnahme zweifelhafter Stationen in der Maghellanstraße, keine überseeischen Besitzungen oder Colonien hat, und überdem keine bedeutende Ausfuhr an Landesprodukten durch chilenische Schiffe stattfindet, hält man wohl die Kosten einer größeren Flotte für nicht äquivalent ihrem Nutzen. –
Ueber das Unterrichtswesen weiß ich nur wenig zu sagen.
In Santjago ist eine Universität und ein höheres Gymnasium; Realgymnasien (Collegio) sind in jeder Provinz, niedere Bürgerschulen in jeder Stadt. Außerdem ist in Santjago eine Militärakademie, ein geistliches Seminar, ein Schullehrer-Seminar und eine Hebammen-Schule. Eine Navigationsschule ist in Valparaiso, eine Bergwerksschule ist in Coquimbo.
Das Laboratorium der Universität zu Santjago ist vollständig zweckmäßig erbaut und reichlich mit Instrumenten und Geräthschaften ausgerüstet. Ich habe mich in demselben heimischer gefühlt als fast irgendwo auf meiner ganzen Reise. Domeyko steht demselben vor und ist überhaupt die Seele aller naturwissenschaftlichen Unternehmungen des Landes. Ich bin erstaunt über das vielseitige und gediegene Wissen dieses Mannes und über seine rastlose Thätigkeit. Aber ich habe nie auf die in mein Fach einschlagenden Gegenstände des Unterrichts näher eingehen können, und vermag keine Aufschlüsse zu geben über den Gang der Gymnasialbildung, die Form und die Gesetze, welche dort eingehalten werden bezüglich des Uebertritts auf die hohe Schule und ob dort alte Sprachen, wie bei uns, vorzugsweise betrieben werden.
Im Uebrigen weiß ich aus guter Quelle, daß die Regierung sich lebhaft für das Erziehungs- und Unterrichtswesen interessirt, dasselbe cultivirt und nach ihrem Sinne regelt.