Die Viehzucht ist in Chile sehr blühend, obgleich auf ziemlich andere Weise betrieben, als bei uns. Kleinere Gutsbesitzer lassen ihr Vieh in der Nähe ihrer Häuser weiden wie es ihm gutdünkt und man fängt, je nachdem man vielleicht zum Verkauf oder zum Schlachten ein Stück bedarf, das ausgewählte mit dem Lasso. In der Nähe des Gebirges aber treibt man das Vieh jährlich dorthin, wo es unter der Aufsicht von Kuhhirten den Sommer über bleibt, und nur in den Wintermonaten, wo der Schnee sich in tiefere Regionen herabzieht, wird es ebenfalls weiter abwärts gebracht.

Ich bin, als ich aus der Cordillera zurückkehrte, einem solchen Zug von Rindern begegnet, aber glücklicher Weise durch eine Schlucht getrennt. Es wurde dort eine Heerde von etwa 6 bis 8000 Stück getrieben, obgleich oben schon eine bedeutende Anzahl zerstreut war. Wir waren froh, zur Heimkehr nicht jenen Weg auf der entgegengesetzten Seite der Schlucht gewählt zu haben, denn dort wäre kein anderes Mittel gewesen, als umzukehren und mit dem rennenden Vieh bis an den Ort seiner Bestimmung zurück zu reiten. Der ganze Haufe rannte in der That wie toll und besessen auf dem schmalen und gefährlichen Bergpfade, dessen eine Seite von einem tiefen in die Schlucht führenden Abgrunde begrenzt wurde, vorwärts, blökend und brüllend und ohne Zweifel alles niederwerfend, was nicht gleichen Schritt hielt. Einzelne Vaceros mit furchtbaren Spornen und starken bis an die halben Schenkel reichenden Ledergamaschen, hie und da mit langen speerartigen Stachelstöcken, alle aber mit dem Lasso bewaffnet, ritten mit, leitend und antreibend, und es gab das ganze wilde Treiben ein wirklich anziehendes Bild.

Oben angelangt, zerstreut sich das Vieh in den Bergen, indem es bereits die dortigen Weiden kennt, wird indessen von den Vaceros in steter Aufsicht gehalten. Die trächtigen Kühe werden näher zum Lagerplatz getrieben, um die jungen Kälber gegen den Puma und den Condor beschützen zu können, widerspenstige Thiere aber werden mit dem Lasso niedergeworfen und so wird ihnen ein gewaltiger Respekt vor demselben beigebracht.

Einmal im Jahre bringt man einen Theil des Viehes in die Nähe der Hacienda und sucht dort dasjenige aus, welches zum Schlachten bestimmt wird, ich glaube, daß auch bei dieser Gelegenheit die einjährigen Kälber gebrannt, d. h. mit dem Zeichen des Besitzers versehen werden. Man hat dann in der Nähe der Hacienda einen sogenannten Corral aufgerichtet, nämlich eine starke Umzäunung in welche die Rinder getrieben werden. Man sucht diejenigen aus, welche zum Schlachten bestimmt sind, trennt sie von den andern und läßt sie noch einige Monate auf gut bewässerten Wiesen in der Umgegend der Hacienda weiden, bevor sie getödtet werden; das übrige Vieh aber wird wieder in's Gebirge zurückgeschickt.

Auch Schaf- und Schweinezucht werden betrieben und in neuerer Zeit hat man englische Schweine eingeführt, welche sehr gut gedeihen.

Ich habe von allen den Gegenständen, welche ich im Vorhergehenden berührte, keineswegs ausführliche Nachrichten geben wollen, sondern ich beabsichtigte eine Skizze der Zustände und der Verhältnisse des Landes zu geben. Aber es ist auch Zeit diese abzubrechen.


Mannheim.

Schnellpressendruck von Heinrich Hogrefe.

Fußnoten