Statthalterschaft von Fars.

Als Arghun nach Schemseddin's Hinrichtung nach dem im Gebiete von Arran gelegenen Palast Manssurije gekommen, kehrten die an den Grosskaan, Oheim Kubilai, geschickten Gesandten, Emir Pulad Dschingsang und zwei andere, zurück. 11. Redscheb 683/
23. Sept. 1284 Zwischen Serah und Erdebil und Ssain wurde Kurultai gehalten, und neun Tage darauf kehrte er nach Tebris zurück; 20. Redscheb/
2. October dann wurde das Winterquartier in Arran bezogen; und hier hatte eine der feierlichsten Gerichtssitzungen statt, indem die Wittwe Mengu Timur's, die Prinzessin Abisch, die Atabegin von Fars, wegen Veruntreuung der ihr anvertrauten Statthalterschaft vor Gericht gestellt ward. Um die Wichtigkeit des Rechtshandels in seinem ganzen Umfange zu ermessen, müssen wir den Faden der Geschichte der Statthalterschaft von Fars dort, wo wir denselben oben abgebrochen, wieder aufnehmen. Dort ist zuletzt der unruhigen Statthalterschaft Bulughan's (des Nachfolgers Taghadschar's, des Statthalters von Fars) erwähnt worden. Um die Ruhe wieder herzustellen, war Taschmenku zu seinem Nachfolger ernannt und ihm die Hilfe des Atabegen von Lur zugewiesen worden. Als seinen Vorläufer sandte er den Stellvertreter des Diwans der Krongüter, Hosammeddin, den Sohn Mohammed Ali's von Lur, voraus nach Issfahan. Bulughan liess ihn mit Gewalt aufheben und hieb ihn, alsbald er vor ihm erschienen, zusammen. Taschmenku sprach sogleich die Hilfe Jusufschah's, des Atabegen von Luristan, an, und als Bulughan sah, dass sein Platz als Statthalter wider den neu ernannten weiter nicht haltbar, nahm er, was im Schatze, und entfloh mit seinen beiden Geschäftsführern Kawameddin und Seifeddin nach Chorasan. Taschmenku beschäftigte sich mit den Regierungsgeschäften, ward aber seiner Stelle entsetzt, weil er an der Spitze der im Namen des Ilchans Ahmed erlassenen Befehle statt der hergebrachten Formel blos Ahmedaga schrieb, was wider allen mongolischen Kanzleistyl[690]. Nachdem er ein Jahr lang Fars verwaltet, wurde die Statthalterschaft der Frau Abisch, der gebornen Atabegin, Fürstin des Landes, Wittwe Mengu Timur's, des bald nach seinem Bruder Abaka verstorbenen eilften Sohnes Hulagu's, übertragen. Sie war, wie oben unter der Regierung Hulagu's erwähnt worden, ihrem Gemahle in's Lager der Mongolen gefolgt und hatte immer seitdem am Hofe verweilt, jetzt aber ward ihr die Erlaubniss der Rückkehr in's Vaterland und die Vollmacht, dasselbe im Namen des Ilchans als Statthalter zu verwalten, zu Theil; sie dankte diese Gunst hauptsächlich der Verwendung der grossen Frau Oldschai, der Mutter Mengu Timur's, welche nebst der grossen Frau Tokuschan und der Mutter Abaka's vor dreissig Jahren ihren ersten Gemahl, Hulagu, auf dem Feldzuge nach Persien begleitet hatte und als Wittwe desselben und dann seines Sohnes Abaka des grössten Ansehens genoss. Ganz Fars jubelte über die Rückkehr der Prinzessin Abisch, des letzten Zweiges des hochverehrten erlauchten Herrscherstammes der Salghuren, und der Koransvers: Ein gutes Land, ein gnädiger Herr, war auf allen Zungen. Zu ihrem Stellvertreter im Diwan ernannte sie ihren Verwandten Dschelaleddin Arkan[691] und die Wesirschaft sammt der Inhaberschaft des Diwans übertrug sie dem Chodscha Nisameddin Ebubekr, dessen schon Eingangs dieses Buchs im Gegensatze mit dem Oberrichter, dem Seid Imadeddin, Erwähnung geschehen. Die Feindschaft Nisameddin's und Imadeddin's war die Quelle, aus welcher der Strom finanziellen Unheils sich über Fars ergoss.

Die Prinzessin Abisch und dann Seid Imadeddin, Statthalter von Fars.

Nisameddin, ein fündiger Finanzmann, machte der Atabegin den Vorschlag, sich durch ein Diplom des Ilchans die Begewaltigung zur Wiedereinlösung der in fremden Händen befindlichen Familiengüter zu verschaffen. Ahmed Teguder gab in einem Augenblicke der Uebereilung das Diplom im verlangten Sinne. Nisameddin machte aber den grössten Missbrauch, indem er Krongüter und Privatgüter als Familiengüter der Atabegin ansah und einzog und die Bewohner von Schiras, Vornehme und Gemeine, wie gekaufte Sklaven behandelte. Der Beginn der Statthalterschaft der Abisch und die Finanzverwaltung ihres Wesirs Nisameddin fiel in das Ende der Regierung Teguder's. Nach der Thronbesteigung Arghun's begab sich der Seid Imadeddin, der Schützling Buka's, an den Hof, um die dem Staatsschatze, wie dem Privatvermögen so heillose Verwaltung von Fars in ihrem gehörigen Lichte darzustellen. Durch Buka's Einfluss erging ein ilchanisches Diplom, wodurch dem Seid Imadeddin die Statthalterschaft von Schiras zu Land und See, d. i. mit Einbegriff der Inseln im persischen Meerbusen, ohne Theilnehmer und Mitgenossen übertragen ward. Nach den Worten desselben war „die Schliessung und Oeffnung der Erfolge, die Bindung und Lösung der Geschäftsschreiben, die Anstellung und Absetzung der Emire dem Gutachten des Seid anheimgestellt“. Er wurde mit den beiden mongolischen Insignien übertragener Herrschaft, dem goldenen Löwenkopfe und dem goldenen Katzenkopfe, bekleidet[692]. Wenn sich diese Investitur mittels Löwen- und Katzenkopfes in Sanchoniaton oder einer anderen altägyptischen Geschichte fände, so möchten dieselben wohl im mystischen Sinn als die Köpfe von Isis und Bubastis erklärt werden; bei den Mongolen aber sind sie blos das rohe Symbol einschüchternden Herrschergrimms und einschläfernder arglistiger Schmeichelei, welche dem Mongolen für die beiden höchsten Herrschertugenden gelten. Die mongolische Gerechtigkeitshand ist die Tatze des Löwen und die Kralle der Katze. Die beiden Geschäftsleute des vorigen Statthalters Bulughan, die beiden Chodscha, d. i. Herren der Finanz, der Kämmerer Kawameddin von Bochara und Seifeddin Jusuf, waren indess von Chorasan wieder nach Fars zurückgekommen und von der Atabegin mit der Verwaltung der Finanz betraut worden. Sie erbitterten die Atabegin in voraus wider den ihr zum Nachfolger in der Statthalterschaft bestimmten Seid, und als dieser von der Gränze aus, wo die Rechnungsabforderung ihren Anfang nahm, gleich einen der Vögte der Atabegin an einen Baum hatte aufhenken lassen und der Atabegin den Befehl zugefertigt hatte, vor der Majestät des Chans zu erscheinen, stieg ihr Zorn immer höher und höher. Sobald der Seid zu Schiras angekommen, errichtete er einen königlichen Thron; acht Tage hernach hatte das feierliche Festgebet des Bairams statt, wobei die Prinzessin nicht wie gewöhnlich erschien. 22. Ramasan 683/
2. Dec. 1284 Sie hatte erwartet, dass der Seid wenigstens die Formen beobachten und ihr schuldiger Weise aufwarten werde; als aber diess nicht geschah, war sie so zornig, dass sie vor Wuth weinte und sich in die Lippen biss[693]. Bald darauf kam die Nachricht, dass Fars von einem Einfalle der niguderischen Banden bedroht sei. Der Seid sandte der Prinzessin Wort, dass die Annäherung der Feinde zu ihrer Sicherheit erfordere, dass sie sich nach dem Schlosse Istachr (Persepolis) begebe. Sie weigerte sich dessen, weil sie fürchtete, dass der Seid sie dort einsperren wolle. Während dieser Verhandlung kehrte der Seid eines Abends mit grossem Gefolge nach Hause. Auf der Gasse kamen ihm Mamluken der Atabegin mit dem Befehle, vor ihr zu erscheinen, entgegen; die gebieterischen Worte der Mamluken entgegnete der Seid mit rauhen; der erste der Mamluken warf sich auf ihn und sie stürzten beide von ihren Pferden. Da führte Seradscheddin Fasli von Lur, welcher noch vor wenigen Tagen vom Seid mit Gnaden überhäuft worden war und auf dessen Treue, weil er der Anführer seiner Truppen, er vorzüglich gezählt hatte, den ersten Streich, und der Seid erlag alsbald den vervielfältigten Streichen der Mamluken. 21. Schewwal/
31. Dec. 1284 Der Kopf wurde abgeschnitten, der Rumpf hingeworfen, sein Haus der Plünderung preisgegeben.

Verurtheilung der Atabegin Abisch, und ihr Tod.

Abisch liess in den Strassen von Schiras ausrufen, dass, weil der Seid in dem Lande schädliche Finanzneuerungen unternommen, derselbe auf ihren Befehl sei aus dem Wege geräumt worden; Jedermann solle seinen Geschäften nachgehen und die Stadt ruhig bleiben. Der Sturz des Seid's brachte, wie jeder Umschwung von Glücksverhältnissen, seltsame Beispiele von Undank und treuer Anhänglichkeit in Vorschein. Ein Gelehrter, welchen der Seid mit Gnaden überhäuft hatte, brandmarkte sich als einen Undankbaren, Niederträchtigen durch die Verse, die er an den Fussschämel der Atabegin schrieb:

Herrscher! deine Wange glüh' aus Freude wie Rubin,
Und es sei dein Thron der allerhöchste immerhin;
Jeder Kopf, der deinen Wünschen würde nicht zusagen,
Sei, wie der Imadeddin's, vom Rumpfe abgeschlagen.

Das Gegenstück hierzu ist die schöne Dankbarkeit des Geschichtschreibers Wassaf, welcher seiner Erzählung ein Trauergedicht von siebzehn Distichen einverleibt hat, dessen Beginn:

Eine Sonne ging im Staube unter,
Die im Ost des Glückes aufging munter.
Um zu stürzen diesen Bau, o Loos!
Lässt die Zügel schiessen du dem Ross.

Nach dem Tode des Seid Imadeddin wurde sein Vetter, der Seid Dschemaleddin Mohammed, welcher, mit Gnaden der Atabegin überhäuft, sich für ganz sicher gehalten, an ihre Pforte vorgeladen. Sie berieth sich mit einem ihrer Räthe über den zu fassenden Entschluss. Er rieth ihr zur Hinrichtung, zu welcher so besserer Grund vorhanden, weil er weit reicher, als Imadeddin, welcher blos als ein Opfer der Bewilderung zwischen ihr und ihm gefallen sei. Die Mamluken tödteten ihn in der Nacht und streuten am Morgen das Gerücht aus, dass er aus dem Kerker entflohen sei. Die bald hierauf erfolgte grosse Landplage der Heuschrecken wurde als eine Strafe des Himmels für den Mord der beiden Seide angesehen. Mehr als hunderttausend Bewohner von Schiras sollen an der als Folge der Heuschreckenverheerung entstandenen Hungersnoth zu Grunde gegangen sein. Der unmündige Sohn des Seid war mit einigen treuen Dienern in das Lager des Chans geflüchtet, wo er Buka's, seines Vaters Schutzherrn, Hilfe anrief. Buka trug die Vergehungen der Atabegin dem Ilchan vor, welcher sie und alle Gegner des Seid vor Gericht zu laden befahl, und zugleich zurück Botschaft an die Frau Oldschai sandte, durch deren Einfluss die Atabegin die Statthalterschaft erhalten hatte; diese überhäufte den Gesandten, der sie in's Hoflager führen sollte, mit Geschenken, folgte aber nicht. Drei Richtern[694] ward die Untersuchung über das unschuldig vergossene Blut der beiden Seide und die unrechtmässige Besitznahme von Gütern aufgetragen. Die Herren der Finanzkammer wurden in Ketten und Blöcken vorgeführt; als die Prinzessin nicht erschien, wurde Kotan Atadschi abgeordnet, um sie mit Gewalt in's Hoflager zu bringen. Als die Prinzessin Nachts in's Lager kam, führte sie der Haushofmeister Buka's in eines der Zelte seines Herrn. Dieser liess ihm aber am folgenden Tage sieben Prügel geben, weil er sich unterstanden, eine Prinzessin königlichen Geblüts in das Zelt eines Emirs Karadschu, d. i. Unterthanen, wie er, zu führen; trotz dieser dem Range der Prinzessin schuldigen wahren oder geheuchelten Ehrfurcht erhielt sie den Befehl, am folgenden Morgen vor Gericht zu erscheinen. Ihre Beschützerin, die Frau Oldschai, sprach entschuldigend für, indem sie Alles auf Dschelaleddin Arkan, den Verwandten der Atabegin, schob; die drei Herren der Finanzkammer, Kawameddin, Seifeddin und Schemseddin, erhielten jeder nach der Jasa zwei und siebzig Prügel auf die Sohlen; die Mamluken des Seid Imadeddin waren den Gerichtsdienern beigegeben, damit deren Strafe schonungslos vollzogen werde. Dschelaleddin, zu Rede gestellt, wusch sich auf Kosten der Prinzessin rein. Sie und ihre Angehörigen wurden zur Zahlung von fünfzig Tomanen Goldes (fünfzigtausend Dukaten) und zwanzig Tomanen an die Waisen der ermordeten Seide verurtheilt. Sie überlebte die Schmach dieses Urtheils kaum zwei Jahre und starb, nachdem sie deren zwei und zwanzig als der letzte Zweig der Salghuren über Fars geherrscht. 685/
1286 Drei Tage lang wurde für sie zu Schiras in den Moscheen durch öffentliche Gebete, Lesungen des Korans und Almosen die Gebühren der Trauer, dann ihr letzter Wille vollzogen. Nach diesem wurden ihre Familiengüter in vier Theile getheilt; zwei fielen den Töchtern Prinzessinnen Gardudschan und Alghardschi, der dritte ihren Mamluken und Freigelassenen, der vierte dem Prinzen Taidschu, dem Sohne Mengu Timur's, und diesem noch ausserdem zehntausend Dukaten zu. Die Dynastie der Salghuren war in ihr erloschen und mit ihr der letzte Schatten einheimischer Herrschaft in Fars verschwunden.