Das Rennen nach dem Tschadsee, das gerade um jene Zeit von verschiedenen europäischen Mächten von Westen, Süden und Norden unternommen wurde, gewann also ein aus dem Osten kommender Outsider, ein muhammedanischer Schwarzer.
Der afrikanische Napoleon bemühte sich nunmehr, seinem Reich ein festes Gefüge zu geben. Diese Aufgabe ist ihm nicht gelungen, derart dass er in der Lage gewesen wäre, die finanziellen und militärischen Hilfsquellen der sämtlichen von ihm eroberten Gebiete sich nutzbar zu machen. Der Grund dafür lag zunächst in der gewaltigen Ausdehnung seines Reichs. Er fand einfach keine Zeit, es in eine feste Organisation zu bringen. Dann aber glückte es ihm nicht, irgend eines der grossen neu gewonnenen Länder dermassen an sich zu binden, dass er auf dessen Bevölkerung bauen und in Kriegszeiten eine willige Gefolgschaft sich hätte sichern können. Er blieb somit im Grunde auch in der Folge nur auf seine aus aller Herren Ländern zusammengewürfelte Soldateska angewiesen. Diese war wohl geeignet, fremde Länder zu erobern, nicht aber unter den obwaltenden Umständen das Rückgrat für eine staatliche Organisation zu bilden, wie dies bei einer angestammten Bevölkerung der Fall gewesen wäre.
Nachdem er alte, festgegliederte Staaten über den Haufen geworfen hatte, in welchen ihm alle Sympathien fehlten, konnte er nur in so weit eine wirkliche Regierungsgewalt ausüben, als die Macht der Truppen seines Hauptlagers und seiner detachierten Besatzungen reichte, und das war im Grunde genommen, nachdem er einmal in Dikoa seine Residenz aufgeschlagen, nur im Bornureich selbst. Die im näheren Umkreis wohnenden Fürsten huldigten ihm aus Furcht, und Rabeh beschränkte sich darauf, Tribut von ihnen einzufordern. Wenn er selbst aus den weit im Osten liegenden Gebieten noch Unterwürfigkeitsbezeugungen und Geschenke empfing, so mag dabei die leicht erklärliche Besorgnis mitgespielt haben, dass der Eroberer dermaleinst nach Osten zurückkehren müsse, wenn er sich in den westlichen Gebieten am Tschadsee nicht mehr würde halten können.
Im allgemeinen hatte er die angestammten grösseren und kleineren Fürsten der von ihm eroberten Landschaften als Vasallen an der Regierung belassen und nur hin und wieder neue Gouverneure eingesetzt. Den Vasallen gab er alsdann ihm treu ergebene Leute als Berater und Beobachter bei. Wo er mit seiner Soldateska nicht thatsächlich die Hand auf die Bevölkerung legte, hatte diese im Grunde genommen nur den fremden Oberherrn, den die kleinen Fürstentümer so wie so gewöhnlich besassen, gewechselt oder einen neuen Oberherrn hinzubekommen. Dabei scheint Rabeh den Grundsatz zur Richtschnur gemacht zu haben, dass die bisherigen Steuern erhalten bleiben sollten, aber die eine Hälfte des Ertrages musste jetzt nach Dikoa abgeführt werden, während die andere Hälfte den Vasallenfürsten verblieb. Selbstverständlich ist dieser Grundsatz bei den von der Centralstelle weiter abliegenden Ländern wohl niemals in vollem Umfange zur Durchführung gelangt. Der näher befindliche Sultan Gauranga scheint allerdings furchtbar unter den Ansprüchen Rabehs gelitten zu haben. In Bornu selbst verlangte Rabeh eine Kopfsteuer im Betrage von 1 Rial für jeden Mann.
Für die Verwaltung des Rabeh’schen Reiches gab ebenso wie für seine Eroberungspolitik der Islam den Grundton an.
In Dikoa wurde das muhammedanische Recht (die Scharia) gehandhabt, welches die Strafen der Wiedervergeltung und blutige Ahndungen für gewisse Verbrechen, das Abschlagen der Hand für rückfälligen Diebstahl u. s. w., vorschreibt. Haiatu, den Rabeh, wie berichtet ist, zum obersten Richter, zum Kadi, gemacht hatte, wird als ein gründlicher Kenner des koranischen Rechts geschildert und war zweifellos ein Mann von besonderer Bildung. Dass man in Centralafrika einem verhältnismässig hohen Bildungsgrad begegnen kann, dafür giebt die Thatsache die Erklärung, dass der Islam im Innern des schwarzen Erdteils seit tausend Jahren Eingang gefunden hat, und dass immer wieder wenigstens einzelne seiner afrikanischen Bekenner durch die Pilgerfahrten[29] nach Mekka mit einer höheren Civilisation in Berührung kommen. Im letzten Jahrhundert haben verschiedene Bruderschaften, in erster Linie die Kaderi und die Tidjani, in jüngster Zeit die Senussi, an der Ausbreitung der panislamischen Bildung mitgewirkt. Europäische Reisende haben im Innern Afrikas Übersetzungen von Aristoteles ins Arabische und andere wissenschaftliche Werke gefunden und in Wadai, Bornu, Sokoto u. s. w. mit gescheiten Männern verkehrt, die ihnen die Niederschreibung der oft glorreichen Geschichte ihrer Länder ermöglichten.[30] Von Kairo aus werden jetzt alljährlich arabisch gedruckte Bücher des verschiedenartigsten Inhalts, ebenso wie arabische Zeitungen, von den centralafrikanischen Pilgern nach der Heimat mitgebracht.
Die Betonung des islamischen Gedankens hat Rabeh nicht gehindert, die Sklavenjagden, die, aus der alten heidnischen Zeit stammend, in allen muhammedanischen Ländern Innerafrikas bis auf den heutigen Tag beibehalten sind, auch seinerseits auszuüben — auf ihnen baut sich ja im Grunde genommen seine ganze Eroberungspolitik auf. Furchtbar müssen die Grausamkeiten sein, welche bei Sklavenjagden ausgeübt werden. In den waldreichen Gegenden pflegen die Gehetzten sich auf die grossen Bäume zurückzuziehen, von welchen die Sklavenjäger ihre Beute nach und nach herabschiessen oder herunterholen. Sind aber die Sklaven einmal erbeutet, so können sie einer menschlichen Behandlung sicher sein, schon der Koran giebt ausdrücklich sehr strenge Vorschriften für eine gute Behandlung der Sklaven. Insbesondere hat Rabeh für diejenigen, die er in die Reihen seiner Soldaten aufgenommen hat, wie für seine alten Basinger gesorgt, ihnen Weiber gegeben und sie an der Beute teilnehmen lassen: die Hälfte der Beute an Vieh und Menschenmaterial gebührte ihm, die andere Hälfte seinen Kriegern. Die frischen Truppen entwickelten sich sehr bald zu ebenso treuen Gefolgsleuten des immer weiter vorwärts dringenden Eroberers, wie die alten Sudanesen, und so wurden die Sklavenjagden für Rabeh die Quelle unversieglicher Machtmittel.
Dikoa entwickelte sich als Hauptstadt des Rabeh’schen Reiches aus einem kleinen Dorfe rasch zu einer gewaltigen Stadt, die bei dem Sturze Rabehs angeblich schon weit über 100000 Einwohner zählte. Rabeh baute sich hier einen Palast, befestigte Wohnungen für seine Truppen, Pulverniederlagen u. s. w. Sein Palast und die Häuser seiner Söhne waren mit grossem Luxus ausgestattet. Sie bildeten mit den Kasernements und Waffenmagazinen ein eigenes von Mauern umgebenes Stadtviertel, um das sich die äussere, durch den Zuzug von Kaufleuten und Menschen aus allen Teilen Afrikas immer mehr sich vergrössernde übrige Stadt ausdehnte.
In seiner neuen Residenzstadt richtete sich Rabeh nach dem Muster der von ihm niedergeworfenen centralafrikanischen Sultane ein; indess scheint er den Titel „Sultan“ oder „König“ niemals angenommen zu haben. Von tripolitanischen Kaufleuten wurde er vielfach als Hakim „der die Regierung Ausübende“ bezeichnet — nicht unmöglich, dass er sich auf Grund eines eigenen Beschlusses so hat nennen lassen. In türkischen Zeitungen findet sich dieser Titel für ihn wieder, und verstümmelt als Kakim oder Abu Hakim ging er auch in europäische Blätter über. Von den eingeborenen Bornu-Leuten wird er wegwerfend als Sklave oder Sklavenführer bezeichnet.