Um das weitere Vorgehen Rabehs zu verstehen, ist es nötig, einen Blick auf die Abwicklung des Handels der innerafrikanischen Länder zu werfen.
Seit unvordenklichen Zeiten hat der Überschuss der Erzeugnisse der Länder des Tschadseegebiets seinen Weg nach Norden gesucht; vom Norden her wurden andrerseits die Fabrikate aus Gegenden höherer Gesittung den Bewohnern Centralafrikas zugeführt. Dieses Verhältnis muss schon zur Zeit der Römer bestanden haben. Die wertvollsten Handelsgüter, welche aus dem Herzen Afrikas zum Mittelmeer kamen, waren Straussenfedern und Elfenbein und die menschliche Ware: Sklaven. Die am meisten begangene Strasse war in den letzten Jahrhunderten diejenige, welche vom Tschadsee direkt nordwärts über die Oasen Bilma und Kauar nach Murzuk und Tripolis führte. Diese Strasse verband das Mittelmeer im geraden Zuge mit dem Sultanate Bornu, das viele Jahrhunderte lang das mächtigste Reich in Innerafrika war, und dessen Hauptstadt, wenn auch mehrfach verlegt, sich stets in unmittelbarster Nähe des Tschadsees befand. Von Bornu aus gingen dann weitere Strassen nach Osten und Westen. Die Handelswege waren gleichzeitig die Pilgerstrassen, auf welchen die innerafrikanischen Muhammedaner nach Mekka wallfahrteten.[31]
Der Handel von Bornu mit dem Mittelmeer wird durch tripolitanische Kaufleute vermittelt. Seit Jahrhunderten sind Familien aus Tripolis und aus den tripolitanischen Oasen Ghadames und Ghat in den Städten des Tschadseegebiets ansässig geworden, welche für ihre an der Küste lebenden Verwandten und Geschäftsfreunde den Handel vermitteln: sie nehmen die Waren der vom Norden herkommenden Karawanen in Empfang, stapeln sie auf, und verkaufen sie im Innern oder verschicken sie weiter; die Tauschgüter, welche die Karawanenführer nach Tripolitanien zurücktransportieren sollen, bringen sie zusammen und sorgen nach Möglichkeit für die nach der Küste gehenden Karawanen. Vor allem aber haben sie die oft nicht leichten Verhandlungen mit den Fürsten der einzelnen kleinen Staatengebilde, in denen sie sich aufhalten, zu erledigen, um die Karawanen durch deren Gebiet sicher durchzubringen, ohne dass zu viel Zoll von ihnen verlangt wird. Durch Geschenke, welche sie bei solchen Gelegenheiten an die Mitglieder der Höfe und die Fürsten selbst zu zahlen pflegen, haben diese Kaufleute vielfach und namentlich an den Knoten- und Centralpunkten der Handelsstrassen erheblichen Einfluss gewonnen. In einzelnen Hauptstädten der Tschadseeländer sind oft fünfzig und mehr tripolitanische Familien ansässig und zu gewissen Zeiten des Jahres mehrere Tausend Kaufleute, Karawanenführer, Begleitmannschaften und Kameeltreiber aus dem Norden versammelt. Der bedeutendste Platz dieser Art ist jetzt Kano.
Die Centralstelle für diese Karawanenunternehmungen, für den Kredit und die Zahlungen, befindet sich aber nicht in Innerafrika, sondern in der Stadt Tripolis. Die Vermittelung des Geschäfts mit Europa haben hier meist Levantiner in der Hand; der eigentliche Verkehr und Handel mit dem Innern Afrikas, die Ausrüstung, Leitung und Führung der Karawanen, wird von den eingeborenen tripolitanischen Muhammedanern: Arabern und Berbern, besorgt. Meist sind die Karawanenführer die mit grosser Selbständigkeit ausgestatteten Beamten und Vertreter der tripolitanischen muhammedanischen Kaufhäuser, seltener der levantinischen. Die Karawanen bestehen aus grossen Zügen von Lastkameelen, bewacht und geleitet oft von mehreren Hundert Bewaffneten. Der Wert der Handelsgüter, die eine solche Karawane befördert, soll oft bis zu einer Million Mark betragen. Den Gefahren, die durch Hunger und Durst in der Wüste und durch feindliche Überfälle drohen, entspricht die Höhe des erwarteten Gewinns, der gegen 100 Procent des Wertes der nach dem Innern gebrachten Güter zu entsprechen pflegt.
Dieserart ist Tripolis seit Jahrhunderten der Ausgangspunkt für den Handel nach den Saharaländern, von Timbuktu und Sokoto an bis nach Wadai und Darfur hin gewesen. Den Handel im Südwesten des Tschadsees besorgten namentlich Haussa, denjenigen im Osten von Bornu nach Baghirmi, Wadai u. s. w. vor allem wieder Araber.
Eine Einbusse hatte der tripolitanische Handel durch die Ereignisse im Anfange des 19. Jahrhunderts erlitten. In erster Linie war durch die Flotten Napoleons dem Korsarenunwesen in den afrikanischen Gewässern des Mittelmeers ein Ende gemacht worden. Bis dahin mussten europäische Schiffer, die nach diesen Gewässern ohne Schutz verschlagen wurden, gewärtig sein, ihre Mannschaften und Passagiere als Sklaven landeinwärts wandern zu sehen. Mit der Erstarkung der Expansionspolitik der europäischen Mächte, mit der Eroberung Algeriens durch die Franzosen, dem Zurückgehen der türkischen Macht, der Europäisierung Egyptens, dem Verluste der Selbständigkeit von Tunis, sowie vor allem infolge des starken Dampferverkehrs im ganzen Mittelmeer schon vor der Eröffnung des Kanals von Suez war die Verschiffung der aus Centralafrika nach der Küste gesandten Sklaven aus den Hafenorten fast unmöglich geworden. Tripolis, die Hauptstadt der türkischen Regierung in Nordafrika, hörte auf, ein Sklavenstapelplatz zu sein, und gerade der Sklavenhandel aus Innerafrika musste sich in erster Linie einen neuen Weg suchen.
Diesen fand er zum Teil auf der Strasse, welche im Osten aus Wadai durch die Libysche Wüste, über Kufra und Djalo, nach den Häfen der tripolitanischen Provinz Benghazi führte. Die Strasse stand unter dem Patronat des Schech der Senussi; durch den Einfluss der Bruderschaft traten auf ihr in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts neben den arabisch-tripolitanischen Kaufleuten die Mudjabera, die Handelsleute der Oasenorte am Nordrande der Libyschen Wüste, in den Vordergrund. Auf dieser Strasse verschaffte sich der Sultan von Wadai die Feuerwaffen, durch die er seinem Lande die Suprematie in Innerafrika zu erhalten imstande war.
Eine weitere Beeinträchtigung erfuhr die Strasse vom Tschadsee über Bilma, Kauar und Murzuk nach Tripolis durch den Zurückgang der Macht der Fürsten von Bornu und das Aufkommen der Fulladynastie in Sokoto. Immerhin ging auch der Handel von Sokoto hauptsächlich nach Tripolis auf der Strasse über Zinder oder direkt über Agades, Ghat und Ghademes. Der Verkehr aus Sokoto über den Niger nach der Atlantischen Küste blieb trotz der Bemühungen der Royal Niger Company noch verhältnismässig gering, vor allem wegen der damit verknüpften Schwierigkeiten und wegen des Zwischenzolls, den unterwegs die kleinen Negerfürsten den Waren auferlegten. Der Handel von Algerien und Tunesien direkt nach dem Süden hin ist bis heute ohne Bedeutung geblieben. Viel weiter von den Tschadseegebieten entfernt, sind diese Länder zudem durch die Gebirgszüge des Atlas von den Ebenen des Inneren abgetrennt.
Schwer gefährdet aber wurden die Interessen der Tripolitaner, als seit dem französischen Vorgehen im westlichen Sudan im Beginne der 80er Jahre und vor allem seit der Eroberung von Timbuktu (am 10. Januar 1894), die Tuareg, jene dunkelfarbigen hamitischen Nomadenvölker, die die westliche Sahara durchstreifen, in Bewegung gekommen und nach dem Osten gedrängt worden waren. Sie hatten in den 90er Jahren Bilma und Kauar mehrfach geplündert. Die Niederwerfung Bornus durch Rabeh hatte das übrige gethan, um die Route über die beiden Oasenorte vollständiger Unsicherheit preiszugeben. Bisher waren die Karawanenführer gewohnt, an die Oasenbewohner und die Stämme der Sahara auf den althergebrachten Strassen mässige Transitzölle zu zahlen, und die Regierung von Bornu hatte immerhin noch einen gewissen Einfluss auf die Saharabewohner ausüben können. Von weither kommende räuberische Tuaregstämme waren jetzt die Alleinherrscher dieser Gegenden geworden.
Rabeh glaubte nun, den durch die geschilderten Momente schon so wesentlich geschwächten Handel zwischen den Tschadseeländern und dem Mittelmeer mit einem Schlage vernichten zu können. Als er, wie wir sahen, mit seinem Freundschaftswerben bei dem Sultan von Wadai und dem Schech der Senussi eine Absage erfahren hatte, schloss er sein Land gegen Osten, Nordosten und Norden vollständig ab und verbot insbesondere die Begehung der Karawanenstrasse vom Tschadsee über die Oasen Bilma und Murzuk nach dem Mittelmeer. Damit sollte nicht nur der Handel Wadais geschädigt und das Wirken der Senussi, die auf dieser Route mehrere Zanijas besitzen, gehemmt, es sollten gleichzeitig die tripolitanischen Kaufleute gestraft werden, denen zu zürnen Rabeh einen besonderen Grund hatte.