Als er nämlich in Bornu einbrach, befand sich dort gerade eine starke tripolitanische Handelskarawane. Die Tripolitaner hatten begreiflicher Weise energisch für die alte Bornu-Dynastie Partei genommen, unter deren Schutz sie den Handel mit den Tschadsee-Ländern betrieben hatten. Einzelne von ihnen hatten sich sogar thätlich an dem Kampf gegen den Eindringling beteiligt. Ihr Eigentum wurde beschlagnahmt, einige wurden getötet, andere gefangen gehalten.

Für die Tripolitaner war die Sperrung der alten Karawanenstrasse natürlich ein schwerer Schlag. Durch die Konfiscierung der Karawanengüter in Kuka waren die grössten Kaufhäuser in der Stadt Tripolis in schwere Mitleidenschaft gezogen. Auch die in den westlichen Tributärstaaten von Bornu, in Zinder u. s. w., angesessenen tripolitanischen Kaufleute mussten für ihre Habe und ihre Sicherheit besorgt sein. Drei Jahre lang, von 1894–1896, wurden keine Karawanen von Tripolis nach dem Tschadsee und solche nach Zinder und Sokoto nur vereinzelt und in kleinem Umfange geschickt.

Naturgemäss musste der Handel der Tschadseeländer, dem die alten Wege nach Osten und Norden verlegt waren, neue Ableitung suchen. Dafür konnte jetzt nur eine Richtung in Betracht kommen, nach dem Südwesten über den Benue und den Niger zum Meer. Die Interessen der Royal Niger Company, welche den centralafrikanischen Handel über diese Wasserstrasse an sich ziehen und nach dem Atlantischen Ocean lenken wollte, trafen sich hier mit denen Rabehs, und es scheint, dass die englische Gesellschaft damals mit Rabeh in Verbindung getreten ist[32] Nach einer französischen Auslassung[33] wäre Rabeh sogar seiner Zeit von der Niger Company aufgefordert worden, Bornu, mit dessen Sultan ihr Vertreter Mackintosh im Jahre 1892 vergebens Verbindungen anzuknüpfen versucht hatte, zu überrennen. Es heisst ferner, dass auch der Einfluss des in Egypten lebenden Zuber Pascha aufgeboten worden sei, um Rabeh für die Ableitung des Handels der Tschadseeländer nach dem Gebiete der Royal Niger Company zu gewinnen.[34]

Wadai hatte inzwischen für den ausbleibenden Handel über Bornu Ersatz in einer sich desto kräftiger entwickelnden Handelsthätigkeit auf der Strasse über Kufra nach Benghazi gefunden. Der Schech der Senussi leistete dieser Entwicklung, die den Handel Wadais durch sein eigentlichstes Machtgebiet führte, jeden Vorschub.[35] Um jene Zeit wurde ein besonders starker Import von Gewehren und Schiessmaterial aus Benghazi nach Wadai festgestellt.

Rabeh musste sich sehr bald überzeugen, dass er sich verrechnet hatte und dass es nicht so leicht ist, einen Handel, der seit Urzeiten eine bestimmte Richtung besessen hat, willkürlich in andere Bahnen zu führen. Wohl hatte der Sklavenfürst den tripolitanischen Kaufleuten ausserordentlich grossen Schaden zugefügt, aber der Handel Bornus mit dem Benuë und Niger wurde dadurch in keiner für den ausbleibenden Verkehr mit dem Norden Ersatz bietenden Weise gefördert. Da die Tripolitaner auch die Seele der Handelsthätigkeit in Zinder, Kano und den sonstigen Sokotostädten waren, und sich infolge des schroffen Vorgehens Rabehs mehr und mehr aus den seiner Machtsphäre am nächsten gelegenen Orten zurückzogen — ganz abgesehen davon, dass sie nicht ihre Hand bieten mochten, um den Verkehr mit dem Norden unterbinden zu helfen —, so geriet auch der Handel Bornus mit dem Westen ins Stocken, und Rabeh konnte den Überschuss seiner Einnahmen an Naturalien und seine Beute nun nicht mehr in der gewünschten Weise gegen Waffen, Munition und dergleichen umsetzen.

Infolgedessen zog er andere Saiten auf und gab die Strasse vom Tschadsee nach Norden wieder frei. Es kam hinzu, dass der Pascha von Tripolis Rabeh direkt zur Wiederbelebung des Handels mit dem Mittelmeere aufgefordert hatte, ein Schritt, der von Rabeh dem Vertreter der türkischen Regierungsgewalt im Norden gegenüber mit Höflichkeitsbezeugungen beantwortet wurde. Die gefangen gehaltenen tripolitanischen Kaufleute wurden aus der Haft entlassen, und Rabeh versicherte die Karawanenführer und Kaufleute aus Tripolis nunmehr seines Schutzes. Für Tripolis war dies die höchste Zeit. Ich habe mich dort während eines Besuches davon überzeugen können, wie diese Stadt vollständig auf den Handel mit dem jenseits der Sahara gelegenen Hinterlande im Innern Afrikas angewiesen ist.

Zwar liessen sich einige der von Rabeh freigelassenen Händler jetzt in Dikoa nieder; aber das Misstrauen der übrigen tripolitanischen Kaufleute im Innern und an der Küste war nicht so leicht zu beschwichtigen. Abgesehen von der stets wachen Furcht vor einer neuen Sinnesänderung des Herrn von Bornu war die ganze Gegend im Norden des Tschadsees in jüngster Zeit nur noch sehr schwer passierbar geworden. Die Schreckensherrschaft der ungezügelten Tuareg-Horden, die jetzt hier ihr Unwesen schlimmer als jemals zuvor trieben, lähmte den Unternehmungsgeist der Kaufleute an der Küste.[36] Die in Zinder und den verschiedenen Hauptorten des Sokoto-Reiches ansässigen tripolitanischen Händler verhielten sich geradezu ablehnend gegen Rabeh und zeigten sich nicht gewillt, ihn durch Zuführung von Waffen und Munition weiter zu stärken. Statt dessen begannen sie bei den Fürsten im Westen von Bornu zu intriguieren, die sie zu gemeinsamen Vorgehen gegen Rabeh vereinigen wollten.

[29] Der Beiname Hadji („Mekkapilger“) findet sich auch bei centralafrikanischen Fürsten früherer Jahrhunderte.

[30] Namentlich haben Barth (Reisen und Entdeckungen in Nord- und Centralafrika in den Jahren 1849–55) und Nachtigal (Sahara und Sudan, Ergebnisse 6jähriger Reisen in Afrika, 1868–1874) die Geschichte der Tschadseeländer in zum Teil sehr eingehender Weise an Ort und Stelle aufzeichnen können, und dieses Material ist in den am Schlusse dieser Arbeit gegebenen geschichtlichen Abrissen von mir mit benutzt worden.

[31] Über die hauptsächlichsten innerafrikanischen Karawanenstrassen vergl. den Anhang.