Demnächst sah Rabeh sich veranlasst, Zinder mit Krieg zu überziehen, dessen Sultan Achmed Jakudima dan[38] Ibrahim (Tanemo) zu grossem Wohlstande — und damit geht im Innern Afrikas Macht Hand in Hand — gelangt war, so dass sein Vasallenverhältnis zu Bornu in den letzten Jahrzehnten bereits locker geworden war. Zinder war, wie erwähnt, einer der Hauptsitze der tripolitanischen Händler und hierher hatte sich auch Omar Sanda, der Sohn des entthronten Bornusultans Haschem, der sich in Mandara nicht mehr sicher fühlte, geflüchtet.
Rabeh hatte im Jahre 1896 einen Residenten in Zinder eingesetzt, um seinen Vasallen besser überwachen zu können. Der Sultan von Zinder versagte aber den Tribut und verstand es, eine Reihe weiterer Duodezfürsten im Westen von Bornu zu bewegen, gemeinsame Sache mit ihm zu machen. Es waren dies der Sultan Duna von Beddi, Abdu ibn Sultan Djebril von Katagum, Na‘am ibn Bochari von Chadidja und Sultan Abdu ibn Habu von Gumel. Chadidja und Katagum gehören zu den im Vasallenverhältnis zu Sokoto stehenden Staaten. Es heisst, der Schech der Senussi habe den Sultanen von Zinder und Gumel, zwischen welchen Differenzen entstanden waren, die Mahnung zugehen lassen, sie sollten die Streitigkeiten unter einander vergessen und lieber gegen den neuen Friedensstörer sich verbünden.
Rabeh schickte seinen Sohn Fadel Allah gegen die widerspenstigen Fürsten. Das erste Ergebnis war, dass das nächst gelegene Beddi schwer heimgesucht und wieder unter Abhängigkeit gebracht wurde. In dem Zusammenstoss mit den Leuten Zinders und seiner anderen Verbündeten war Fadel Allah jedoch unglücklich. Die Herren von Beddi und Gumel sollen bei diesen Kämpfen gefallen sein, aber nach schweren Verlusten musste Fadel Allah unverrichteter Sache sich zurückziehen. Bis zu Rabehs Tode hat Zinder seiner Tributpflicht nicht mehr genügt, vielmehr sich feindlich verhalten.
Dieser unglückliche Kriegszug ist von den Gegnern Rabehs zu einem grossen Triumphe seiner Feinde aufgebauscht worden. In Tripolis tauchten falsche Nachrichten von dem Tode Rabehs und seines Sohnes Fadel Allah auf, die bis nach Europa drangen und sich übrigens auch in der Folge mehrfach wiederholten.
Bald darauf rüstete sich Rabeh zu einem weiteren Kampfe im Westen. Diesmal galt es, den Sultan von Sokoto selbst anzugreifen. Über die genauen Gründe für diesen Krieg ist es einstweilen noch schwer, bestimmte Angaben zu machen. Zunächst zürnte Rabeh dem Kaiser von Sokoto, weil dieser seine Vasallenfürsten von Katagum und Chadidja nicht von der vom Sultan von Zinder geschaffenen Koalition gegen ihn abgehalten hatte. Vor allem aber dürften handelspolitische Erwägungen und der Einfluss der in Sokoto angesiedelten tripolitanischen Kaufleute den Kampf zwischen dem neuen Herrscher von Bornu und dem Kaiser von Sokoto veranlasst haben. Ferner scheint es, dass Haiatu nunmehr das Ziel seiner Wünsche zu erreichen hoffte, den Thron von Sokoto zu besteigen oder wenigstens für seinen Sohn Mundjeli zu sichern, der einstweilen das von ihm gegründete kleine Reich Balda im Süden von Bornu für ihn verwaltete. Das Verhältnis zwischen Rabeh und Haiatu wurde naturgemäss in Sokoto ebenso unliebsam vermerkt, wie der Angriff Rabehs auf Mandara.
Die Vorbereitungen zu dem Kriege gegen Sokoto müssen sehr umfassend gewesen sein. Zum zweiten Male stellte sich Rabeh einer Völker-Koalition entgegen, indem jetzt die sämtlichen im Westen von Bornu gelegenen Tributärstaaten des Kaiserreiches, durch die materielle Interessengemeinschaft zusammengeführt, sich mit ihrem Oberherrn zum Kampf verbanden, obgleich dessen Autorität im Osten seines Reiches in den letzten Jahrzehnten stark erschüttert war.
Indess wurde der Kampf zwischen Rabeh und Sokoto nicht zum Austrag gebracht. Wohl wird von Gefechten gesprochen, die im Osten Kanos stattgefunden haben und für Rabeh günstig ausfielen, während einzelne seiner Truppenführer in kleineren Scharmützeln geschlagen wurden. Rabeh beutete seinen Erfolg aber nicht aus, sondern kehrte, noch bevor er Kano erreichte, mit seinem grossen wohlgerüsteten Heere nach Dikoa zurück. Über die Gründe dieses Verhaltens laufen die widersprechendsten Gerüchte um; Abgesandte des Emirs von Yola und der mit diesem damals verbündeten Royal Niger Company sollen Rabeh bewogen haben, von einem Kampf gegen den Kaiser von Sokoto, den Oberlehnsherrn von Yola, abzustehen. Andererseits heisst es, dass ernste Zwistigkeiten zwischen Rabeh und Haiatu ausgebrochen waren, dessen ehrgeizigen Planen Rabeh nicht weiter Vorschub leisten wollte.[39]
Wie dem auch sei, kaum nach Dikoa zurückgekehrt, hatte Rabeh es mit einem Aufstande Mundjelis, des Sohnes Haiatus, zu thun, der den in Balda bei ihm zurückgelassenen Residenten oder Vertrauensmann Rabehs getötet oder vertrieben hatte. Um diese Zeit wurde Haiatu, wenn nicht auf Veranlassung, so doch zweifellos mit Wissen Rabehs ermordet. Rabeh soll von Haiatu verlangt haben, seinen Sohn nach Dikoa zu bringen, was von Haiatu mit der Entschuldigung abgelehnt worden sei, dass er keine Macht mehr über ihn besitze. Darauf seien Truppen gegen Mundjeli geschickt worden, die erfolglos gekämpft hätten, und Rabeh habe dann Haiatu, den er im Verdacht hatte, mit seinem Sohne zu konspirieren, getötet. Von anderer Seite wird berichtet, der fromme Haiatu habe in seiner Eigenschaft als Kadi einen wegen Mordes angeklagten höheren Offizier Rabehs zu töten befohlen. Infolgedessen sei es zum Kampfe zwischen den alten Soldaten Rabehs, geführt von Fadel Allah, und Haiatus Parteigängern gekommen, und in diesem Kampfe sei Haiatu zur Sühne des Todes des alten Basingers selbst erschlagen worden. Wahrscheinlich sind beide Lesarten zu vereinigen. Rabeh traute seit langem Haiatu nicht mehr, Mundjeli dürfte Selbständigkeitsgelüste gezeigt und Rabeh einen strengen Richtspruch Haiatus als Anlass benutzt haben, um diesen durch die Freunde des Abgeurteilten töten zu lassen. Mundjeli hat sich jedenfalls in der Folge unterwerfen müssen. Das von Haiatu gegründete Staatswesen von Balda ist zerfallen.[40]
Im Jahre 1898 erfolgte ein Aufstand in Kuka. Die Stadt, welche seinerzeit von Rabeh nach siebentägiger Plünderung verlassen wurde, war, wie erzählt, mit seiner Erlaubnis nach Errichtung der Hauptstadt Dikoa teilweise wieder aufgebaut und mit einer Besatzung belegt worden. Der Aufstand wurde mit Energie niedergeworfen, und nunmehr wurde Kuka zum zweiten Male derart zerstört, dass die Franzosen den einst so volkreichen Ort im Jahre 1900 völlig verödet vorfanden.